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    <title>jura &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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    <description>Notizen eines Fiktionauten.</description>
    <pubDate>Mon, 27 Apr 2026 08:40:36 +0000</pubDate>
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      <title>jura &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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      <title>031 Post.Anthropozän, Teil 3</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Man kann Texte über das Ende der Menschheit nur schreiben, wenn man sich nicht mehr in die Zukunft projiziert: nicht sich, nicht die eigenen Kinder, nicht die Enkelkinder. Wenn man also mit der Zukunft dieser Welt restlos abgeschlossen und sich selbst völlig objektiviert hat, zudem kein Mitleid mehr mit dieser Menscheit empfindet, mit ihrem Leiden im Untergang und den Verwerfungen, die die Apokalypse hervorrufen wird. Das Schreiben über das Post.Anthropozän IST schon Teil des Untergangs, ist die Entfremdung, ist Apokalypse Now.&#xA;&#xA;#Jura #PostAnthropozän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Man kann Texte über das Ende der Menschheit nur schreiben, wenn man sich nicht mehr in die Zukunft projiziert: nicht sich, nicht die eigenen Kinder, nicht die Enkelkinder. Wenn man also mit der Zukunft dieser Welt restlos abgeschlossen und sich selbst völlig objektiviert hat, zudem kein Mitleid mehr mit dieser Menscheit empfindet, mit ihrem Leiden im Untergang und den Verwerfungen, die die Apokalypse hervorrufen wird. Das Schreiben über das Post.Anthropozän IST schon Teil des Untergangs, ist die Entfremdung, ist Apokalypse Now.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a></p>
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      <pubDate>Mon, 06 Jun 2022 15:35:16 +0000</pubDate>
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      <title>028 Post.Anthropozän, Teil 2</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse&#xA;&#xA;(5) Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Dieses Paradigma gilt natürlich auch für Donna J. Garaways Begrifflichkeit vom Chtuluzän.:&#xA;&#xA;  Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)&#xA;&#xA;ist bei Rosa Kissel zu lesen.&#xA;&#xA;(6) Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese &#34;Fehlleistung&#34; der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?&#xA;&#xA;(7) Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa VHEMT, die sich hymnisch und problemlösend gebende Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän #Chtuluzän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse</strong></p>

<p><strong>(5)</strong> Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.</p>



<p>Dieses Paradigma gilt natürlich auch für <strong>Donna J. Garaways</strong> Begrifflichkeit vom <strong>Chtuluzän.</strong>:</p>

<blockquote><p>Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)</p></blockquote>

<p><a href="https://anthropocene.hypotheses.org/tag/chthuluzaen">ist bei Rosa Kissel zu lesen</a>.</p>

<p><strong>(6)</strong> Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene <strong>Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung</strong>. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese “Fehlleistung” der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?</p>

<p><strong>(7)</strong> Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa <strong>VHEMT</strong>, die sich hymnisch und problemlösend gebende <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Voluntary_Human_Extinction_Movement">Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit</a>. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Chtuluz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Chtuluzän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/028-post-anthropozan-teil-2</guid>
      <pubDate>Wed, 01 Jun 2022 23:53:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>027 Post.Anthropozän, Teil 1</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/025-post-anthropozan-teil-1?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;(0) Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die grüne Wüste nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.&#xA;&#xA;Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.&#xA;&#xA;(1) Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das &#34;Denken&#34; (die &#34;Intelligenz&#34;) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich Gleiter fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?&#xA;&#xA;(2) Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten &#34;rationalen&#34; Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem Wie lange?. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?&#xA;&#xA;(3) Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.&#xA;&#xA;(4) Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné - aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.&#xA;&#xA;(Fortsetzung folgt)&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?</strong></p>



<p><strong>(0)</strong> Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die <em>grüne Wüste</em> nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.</p>

<p>Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.</p>

<p><strong>(1)</strong> Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das “Denken” (die “Intelligenz”) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich <em>Gleiter</em> fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?</p>

<p><strong>(2)</strong> Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten “rationalen” Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem <em>Wie lange?</em>. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?</p>

<p><strong>(3)</strong> Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.</p>

<p><strong>(4)</strong> Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné – aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.</p>

<p>(Fortsetzung folgt)</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/025-post-anthropozan-teil-1</guid>
      <pubDate>Mon, 30 May 2022 21:40:46 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>026 Der Körper der kleinen Sainte Foy</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Die Kirche in Rosureux ist der Heiligen Fides von Agen (Sainte Foy) geweiht. Ich betrete die Kirche und mache einen skurrilen Fund.&#xA;&#xA;Man möchte meinen, dass die Kirche auf dem kleinen, zentralen Platz in Rosureux schon über Jahrhunderte ihren Platz behauptet hätte, so archaisch erscheint die Architektur des gesamten Ortes. Ein steinernes Zeugnis sei die Kirche für den längst verschwundenen Glauben der Bevölkerung, für seinen Aberglauben an die Wundertätigkeit eines kleinen Mädchens aus Aquitanien.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Doch wir täuschen uns und die Chronik des Ortes belehrt uns eines Besseren. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1779, davor stand hier eine Kapelle aus dem 16. Jahrhundert, der Glockenturm wurde einige Jahre später, im Jahr 1781, errichtet. Dann aber zerstörten zwei Brände, nämlich 1834 und 1952 die Kirche völlig, sodass sie jeweils zwei Jahre später im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut werden musste. Die Kirche ist also nicht viel älter als der Verfasser dieser Zeilen, was eine Art Verbindung zwischen beiden schmiedet. Jung also, und alt zugleich: eine Lebensbegleiterin an entlegener, bislang unbekannter Stelle: im Herzen eines tief eingeschnittenen Tales mitten in der grünen Wildnis des Jura. Aufgrund der den Dingen innewohnenden Einfachheit wirkt hier alles älter, traditioneller, ursprünglicher. Sind wir zur Einfachheit des Lebens zuückgekehrt?&#xA;&#xA;Dennoch widerfährt dem Besucher beim Betreten der Kirche etwas, was zunächst ehrfürchtiges Schaudern, dann aber so etwas historische Differenz hervorruft. Im Inneren der sehr einfach gehaltenen Kirche von Rosuraux findet sich ein kleiner gläserner Kasten, in der die Gestalt der Heiligen Fides von Agen aufgebahrt liegt. Ein Reliquiar in Form eines Sarges. Die Kirche ist ihr geweiht, vor dem Gotteshaus befindet sich ein gemauerter Brunnen, der in seiner Mitte eine Steinskulptur der Heiligen trägt. Die aufgebahrte Heilige im Inneren der Kirche aber fesselt meine Aufmerksamkeit, spekuliert sie doch mit dem morbiden Charme eines toten Kindes.&#xA;&#xA;Also eben keine Reliquie, sondern eine Puppe in diesem etwa 150 cm langen Sarg, nicht älter als fünfzig, sechzig Jahre. Den Sargdeckel tragen stilisierte klassizistische Säulchen aus mit Goldfarbe gemalten Holz, dazwischen Glas, um den Blick auf das am Rücken liegende Mädchen Mädchen freizugeben. Gebettet wurde es auf einer weissen Matratze und zwei Kissen, die ihren Kopf stützen. Sainte Foy ist mit einem langen pinkfarbenen und mit Spitzen geschmückten Gewand bekleidet, trägt Sandalen und einen goldfarbenen Haarring. Das Haar selbst scheint echtes Haar zu sein, gekämmt fällt es über die Schultern. Woher wurde es genommen, von wem stammt es? Gruselig auch die Augen, die noch halbgeöffnet und nach oben verdreht sind. Zwischen rechter Hand und Oberkörper ist ein goldener Strab abgebildet, welcher wohl die \*Märtyrerpalme&#34; versinnbildlichen soll. Die Rückseite des Sarges ist mit purpurnem Samt ausgekleidet, ein filigranes Kreuz auf einer Halskette hängt dort, als hätte es dem Kind von einst gehört.&#xA;&#xA;Da liegt es nun, das unschuldige Kind von 15 Jahren, dass sich gegen die Tradition und für einen neuen, frischen Glauben entschieden hat und welches dafür den heidnischen Göttern geopfert werden musste. Wir schreiben das 4. Jahrhundert, genauer den 6. Oktober 303 und wir befinden uns in AGEN, einem Ort im Südosten Frankreichs. Der Legende nach war dieses Kind ein Mädchen aus vornehmer Familie und sollte, vor den römischen Statthalter Datianus zitiert, der heidnischen Göttin Diana ihre Tribut zollen, so wie es damals dem Alter und den Gebräuchen entsprach. In einem besonderem Ritus und unter der Verwendung von Weihrauch sollte sie dem im römischen Reich weitverbreiteten Dianakult ihre Referenz erweisen. Doch diesem Initiationsritus entschlug sie sich der Legende nach standhaft mit dem Verweis auf die Dämonen, die hinter den römischen Göttern stünden. Allein ihrem christlichen Herren wolle sie dienen, den Dämonen der alten Götter müsse sie entsagen. Als alle Drohungen der Obrigkeit nichts halfen und ein Präzedenzfall geschaffen worden war, hatte sie die Konsequenzen durch die Mächtigen zu tragen. Sie wurde auf einen bronzenen Gitterrost gebunden und darauf verbrannt. Mit ihr ihre Geschwister und einige ihrer unmittelbaren Anhänger. Die Leidensgeschichte besagt auch, dass sie vom Leiden erlöst, einem ihrer Verehrer erschien,  in strahlend weissem Gewand und einer Krone mit Edelsteinen und Perlen auf dem Haupte. Eine Taube flog aus den Wolken und setzte sich auf ihren Kopf, untrügliches Zeichen, dass sie durch ihre Standhaftigkeit das Ewige Heil errungen hatte. Im gleichen Zug, erklärt es die Legende , wurden ihre Gebeine sofort nach ihrem Tod verbracht.&#xA;&#xA;Ein Stück weit spiegelt sich in dieser Legende der Kampf des Christentums gegen die alten heidnischen Bräuche, die noch bis ins 9. Jahrhundert in ländlichen Gegenden weiterlebten, die aber nun mit einem behaupteten Hexentum in Verbindung gebracht wurden, wie etwa in einem Bericht aus der Abtei Brün im 9. Jahhundert:&#xA;&#xA;  ... dass einige verbrecherische Weiber, umgewandt dem Satan nach, verführt durch Illusionen und Phantasmen der Dämonen, vermeinen und behaupten zu nächtlicher Stunde mit Diana, der dea paganorum (= Göttin der Heiden) und einer zahlreichen Menge von Frauen auf irgendwelchen Tieren zu reiten und grosse Räume in der Stille der unheimlichen Nacht zu durchmessen, ihren Befehlen als denen einer Herrin zu gehorchen und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst aufgerufen zu werden.&#xA;  Der nachantike Dianakult.&#xA;&#xA;Noch einmal: Es war ein Kind, das hier als Märtyrerin herhalten musste, weil es offenbar den gesellschaftlichen Regeln mit ungewöhnlicher Standhaftigkeit widersprach. Ich frage mich dabei: wie gruselig ist es, wenn eine Institution ihre Kinder zu Märtyrerinnen macht, um so ihre Macht in der Bevölkerung zu zeigen? Und noch etwas zweites frage ich mich: was bringt eine Gemeinschaft dazu, solch ein perverses Faktotum, eben die Reliquien eines verbrannten Kindes, anzubeten und zu verehren? Der Fides-Kult, der sich wie auch viele andere christliche Kulkte im Mittelalter auszubreiten begann, spricht eine deutliche Sprache. Sie stieg schon bald zu einer der wichtigsten Heiligen des europäischen Mittelalters auf und breitete sich rasch entlang der Jakobswege_ aus. In Frankreich erhielten viele Kirchen das Patrozinium (die Schutzherrschaft) der Hl. Fides. Dieser Reliquienkult mag für die Vergangenheit wohl verständlich erscheinen, wo Aberglauben und Wunderglauben sich im Christentum die Hand gaben. Was aber geht in Menschen vor, die in einer vor 60 Jahren neuerbauten Kirche den Reliquienkult wie auf einer Bühne nachzustellen vermögen?&#xA;&#xA;#GeniusLoci #Jura #Legenden]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Kirche in Rosureux ist der Heiligen Fides von Agen (Sainte Foy) geweiht. Ich betrete die Kirche und mache einen skurrilen Fund.</strong></p>

<p>Man möchte meinen, dass die Kirche auf dem kleinen, zentralen Platz in Rosureux schon über Jahrhunderte ihren Platz behauptet hätte, so archaisch erscheint die Architektur des gesamten Ortes. Ein steinernes Zeugnis sei die Kirche für den längst verschwundenen Glauben der Bevölkerung, für seinen Aberglauben an die Wundertätigkeit eines kleinen Mädchens aus Aquitanien.</p>



<p>Doch wir täuschen uns und die Chronik des Ortes belehrt uns eines Besseren. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1779, davor stand hier eine Kapelle aus dem 16. Jahrhundert, der Glockenturm wurde einige Jahre später, im Jahr 1781, errichtet. Dann aber zerstörten zwei Brände, nämlich 1834 und 1952 die Kirche völlig, sodass sie jeweils zwei Jahre später im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut werden musste. Die Kirche ist also nicht viel älter als der Verfasser dieser Zeilen, was eine Art Verbindung zwischen beiden schmiedet. Jung also, und alt zugleich: eine Lebensbegleiterin an entlegener, bislang unbekannter Stelle: im Herzen eines tief eingeschnittenen Tales mitten in der grünen Wildnis des Jura. Aufgrund der den Dingen innewohnenden Einfachheit wirkt hier alles älter, traditioneller, ursprünglicher. Sind wir zur Einfachheit des Lebens zuückgekehrt?</p>

<p>Dennoch widerfährt dem Besucher beim Betreten der Kirche etwas, was zunächst ehrfürchtiges Schaudern, dann aber so etwas historische Differenz hervorruft. Im Inneren der sehr einfach gehaltenen Kirche von Rosuraux findet sich ein kleiner gläserner Kasten, in der die Gestalt der Heiligen Fides von Agen aufgebahrt liegt. Ein Reliquiar in Form eines Sarges. Die Kirche ist ihr geweiht, vor dem Gotteshaus befindet sich ein gemauerter Brunnen, der in seiner Mitte eine Steinskulptur der Heiligen trägt. Die aufgebahrte Heilige im Inneren der Kirche aber fesselt meine Aufmerksamkeit, spekuliert sie doch mit dem morbiden Charme eines toten Kindes.</p>

<p>Also eben keine Reliquie, sondern eine Puppe in diesem etwa 150 cm langen Sarg, nicht älter als fünfzig, sechzig Jahre. Den Sargdeckel tragen stilisierte klassizistische Säulchen aus mit Goldfarbe gemalten Holz, dazwischen Glas, um den Blick auf das am Rücken liegende Mädchen Mädchen freizugeben. Gebettet wurde es auf einer weissen Matratze und zwei Kissen, die ihren Kopf stützen. Sainte Foy ist mit einem langen pinkfarbenen und mit Spitzen geschmückten Gewand bekleidet, trägt Sandalen und einen goldfarbenen Haarring. Das Haar selbst scheint echtes Haar zu sein, gekämmt fällt es über die Schultern. Woher wurde es genommen, von wem stammt es? Gruselig auch die Augen, die noch halbgeöffnet und nach oben verdreht sind. Zwischen rechter Hand und Oberkörper ist ein goldener Strab abgebildet, welcher wohl die *Märtyrerpalme” versinnbildlichen soll. Die Rückseite des Sarges ist mit purpurnem Samt ausgekleidet, ein filigranes Kreuz auf einer Halskette hängt dort, als hätte es dem Kind von einst gehört.</p>

<p>Da liegt es nun, das unschuldige Kind von 15 Jahren, dass sich gegen die Tradition und für einen neuen, frischen Glauben entschieden hat und welches dafür den heidnischen Göttern geopfert werden musste. Wir schreiben das 4. Jahrhundert, genauer den 6. Oktober 303 und wir befinden uns in AGEN, einem Ort im Südosten Frankreichs. Der Legende nach war dieses Kind ein Mädchen aus vornehmer Familie und sollte, vor den römischen Statthalter Datianus zitiert, der heidnischen Göttin Diana ihre Tribut zollen, so wie es damals dem Alter und den Gebräuchen entsprach. In einem besonderem Ritus und unter der Verwendung von Weihrauch sollte sie dem im römischen Reich weitverbreiteten Dianakult ihre Referenz erweisen. Doch diesem Initiationsritus entschlug sie sich der Legende nach standhaft mit dem Verweis auf die Dämonen, die hinter den römischen Göttern stünden. Allein ihrem christlichen Herren wolle sie dienen, den Dämonen der alten Götter müsse sie entsagen. Als alle Drohungen der Obrigkeit nichts halfen und ein Präzedenzfall geschaffen worden war, hatte sie die Konsequenzen durch die Mächtigen zu tragen. Sie wurde auf einen bronzenen Gitterrost gebunden und darauf verbrannt. Mit ihr ihre Geschwister und einige ihrer unmittelbaren Anhänger. Die Leidensgeschichte besagt auch, dass sie vom Leiden erlöst, einem ihrer Verehrer erschien,  in strahlend weissem Gewand und einer Krone mit Edelsteinen und Perlen auf dem Haupte. Eine Taube flog aus den Wolken und setzte sich auf ihren Kopf, untrügliches Zeichen, dass sie durch ihre Standhaftigkeit das Ewige Heil errungen hatte. Im gleichen Zug, erklärt es die Legende , wurden ihre Gebeine sofort nach ihrem Tod verbracht.</p>

<p>Ein Stück weit spiegelt sich in dieser Legende der Kampf des Christentums gegen die alten heidnischen Bräuche, die noch bis ins 9. Jahrhundert in ländlichen Gegenden weiterlebten, die aber nun mit einem behaupteten Hexentum in Verbindung gebracht wurden, wie etwa in einem Bericht aus der Abtei Brün im 9. Jahhundert:</p>

<blockquote><p>... dass einige verbrecherische Weiber, umgewandt dem Satan nach, verführt durch Illusionen und Phantasmen der Dämonen, vermeinen und behaupten zu nächtlicher Stunde mit Diana, der dea paganorum (= Göttin der Heiden) und einer zahlreichen Menge von Frauen auf irgendwelchen Tieren zu reiten und grosse Räume in der Stille der unheimlichen Nacht zu durchmessen, ihren Befehlen als denen einer Herrin zu gehorchen und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst aufgerufen zu werden.
<strong><a href="http://imperiumromanum.com/religion/antikereligion/diana_01.htm">Der nachantike Dianakult.</a></strong></p></blockquote>

<p>Noch einmal: Es war ein Kind, das hier als Märtyrerin herhalten musste, weil es offenbar den gesellschaftlichen Regeln mit ungewöhnlicher Standhaftigkeit widersprach. Ich frage mich dabei: wie gruselig ist es, wenn eine Institution ihre Kinder zu Märtyrerinnen macht, um so ihre Macht in der Bevölkerung zu zeigen? Und noch etwas zweites frage ich mich: was bringt eine Gemeinschaft dazu, solch ein perverses Faktotum, eben die Reliquien eines verbrannten Kindes, anzubeten und zu verehren? Der Fides-Kult, der sich wie auch viele andere christliche Kulkte im Mittelalter auszubreiten begann, spricht eine deutliche Sprache. Sie stieg schon bald zu einer der wichtigsten Heiligen des europäischen Mittelalters auf und breitete sich rasch entlang der <em>Jakobswege</em> aus. In Frankreich erhielten viele Kirchen das Patrozinium (die Schutzherrschaft) der Hl. Fides. Dieser Reliquienkult mag für die Vergangenheit wohl verständlich erscheinen, wo Aberglauben und Wunderglauben sich im Christentum die Hand gaben. Was aber geht in Menschen vor, die in einer vor 60 Jahren neuerbauten Kirche den Reliquienkult wie auf einer Bühne nachzustellen vermögen?</p>

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      <pubDate>Sat, 28 May 2022 18:38:42 +0000</pubDate>
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      <pubDate>Fri, 06 May 2022 07:41:29 +0000</pubDate>
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