Was ich in meinem vorhergehenden Versuch einer Begriffsbestimmung des Fiktionauten besonders betont habe, war das Merkmal der mentalen Reise und der damit verbundenen Abenteuer. Auch schrieb ich, dass der Fiktionaut auf seiner Reise nach Geschichten nur sich selbst und seinem Können verpflichtet sei. Nicht behandelt hatte ich, in welchem Kontext er sich dabei zwangsläufig einschreibt.
Haben Sie schon jemals in ihrem Leben die Lust verspürt, einen Ladendiebstahl zu begehen? Haben sie gar einen ohne zwingende Notwendigkeit begangen? Oder haben Sie die Taschendiebe gehasst, die Sie mit Chuzpe bestohlen haben aber sie doch insgeheim bewundert, weil es ihnen so mühelos gelungen ist?
Worüber man denn alles nachdenken und schreiben kann! Manchmal sollte man einfach die Augen schliessen, um sich selbst zu schonen!
Bregenz. Auf ein Bier im Vorarlberg Museum. Die Ausstellung, die bis Mitte Oktober läuft, heisst Beauty von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Sie interessiert mich nicht, doch offenbar kann ich ihren Ausläufern nicht entgehen. Denn selbst auf dem WC herrscht der ungebrochene Wille, Schönheit zu thematisieren.
Ein Feuerwerk des Gehirns, der Emotionen und der Erinnerungen.
Es begann damit, dass ich auf das Fenster einer lehmverschmierten Holzhütte blickte. Sie stand im Pfahlbaudorf in Unteruhldingen am Bodensee. Mich hatte daran begeistert, wie man dünne Tierhaut (geschabt, gespannt und getrocknet) über dem Fensterrahmen aus Holz befestigt hatte. Steinzeitliches Glas! Die Haut war lichtdurchlässig und winddicht und das Fenster eine Sensation! Ein Foto davon wollte ich auf Mastodon posten und dachte deshalb über einen griffigen Titel nach: “Der Fensterkucker?” Da begannen Erinnerungen wach zu werden.
Annie Ernaux' Super 8 Tagebücher der Jahre 1972 – 1981
Wer je einen Film des us-amerikanischen Regisseurs Chris Marker gesehen hat, weiss, was einen Filmessay auf höchstem Niveau ausmacht: das ständige Kreisen von Kamera, Bild und der Kommentare aus dem Off um ein gesellschaftlich bedeutsames Thema, eine fast somnambule Gedankenbewegung, die uns mitnimmt in das Träumen von Bedeutsamem. Davon können wir aber diesmal leider nicht sprechen.
Über das Altern und den Widerstand, dazugehören zu müssen.
Da soll mir keiner kommen! Wenn mit dem Reisebus massenweise alte Menschen angekarrt werden, die sich auf ein Ausstellungsgelände ergiessen und es für den Ruhesuchenden unbegehbar machen – wer äussert sich da nicht gerne abschätzig über diese Altersgruppe.
Zur Ausstellung “Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee”. Zeppelin-Museum, Friedrichshafen.
Eine eigenartige Ausstellung! Ich hatte viel mehr erwartet, etwa einen nachdrücklichen Eindruck in das Geistesleben am Bodensee. Nicht nur das bleibt die Ausstellung schuldig. Tatsächlich frage ich, irritiert ob der Beschränktheit des Gesehenen, eine Museumsaufseherin, ob es im zweiten Stock des Museums eine Fortsetzung des gerade Begonnenen gäbe? Sie verneint verwundert. Nun ist es aber so, dass die Ankündigung der Ausstellung eine komplette Ausstellung versprochen hatte, mit Themen, die nun nicht einmal als Erwähnung auftauchen.
Im Dickicht der Begrifflichkeiten: Mini-Essay, Atomic Essay, Posting, Micro-Literatur u.v.a.m
Was ich in letzter Zeit gerne schreibe sind Mini-Essays von etwa 500 Worten zu Themen, die mich interessieren. Ich wähle die Wortbegrenzung, weil ich ein ausschweifender Erzähler bin und mir knappe Texte wohl besser erscheinen als barocke Ausschweifungen. Als ich vor Jahren vermehrt englische Texte schreiben musste, habe ich gelernt, wie man diese verschlanken muss, um sie lesbarer zu machen. Zumindest die vielen Füllwörter will ich vermeiden.