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    <title>MiniEssay &amp;mdash; Zettelwerk</title>
    <link>https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay</link>
    <description>Notizen eines Fiktionauten.</description>
    <pubDate>Mon, 27 Apr 2026 06:54:43 +0000</pubDate>
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      <title>MiniEssay &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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      <title>055 MoBuSch statt NaNoWriMo, Tag 1</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/054-mobusch-statt-nanowrimo-tag-1?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Ich nehme am nonawrimo22 teil und schreibe neben meinem Romanprojekt an einem begleitenden Tagebuch. Hier mein tägliches Resumee:&#xA;&#xA;Schon eigenartig, wie sehr wir unsere Leben an die Digitalen Maschinen überantwortet haben. Das ist ein Gedanke, der mich heute in einer Schreibpause sehr beschäftigt hat.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Nicht, dass wir nicht wüssten, dass unsere Daten für unseriöse Zwecke bereitliegen und nur auf die digitalen Macher warten; nur bewusst ist es uns oft nicht und verdrängen tun es wir das ausserdem. Da lockt ein buntes Forum, ein hehrer Wettbewerb des Intellekts, das gratis Buchexemplar eines Verlags. Und wieder in so einem Hamsterrad gelandet, wo viel zu viele Daten, Verhaltensmuster und Vorlieben preisgegeben werden, ohne zu wissen, wo all diese Daten dereinst landen. Ich bin im Falle nanowrio zwar nicht alarmiert, wohl aber skeptisch ob meiner Leichtsinnigkeit, mich zu registrieren, zu beteiligen, ein wenig preiszugeben. Insbesondere für eine Website, die ökonomisiert betrieben wird.&#xA;&#xA;Eigentlicher Anlass für diese trüben Gedanken ist, dass in den Mastodon Postings von vielen Personen sehr oft die (Nicht-) Benutzung der nanowrino - Website besonders betont wird. Man würde das eigene Schreibtempo bevorzugen, nehme aber den November sehr gerne zum Anlass, sich wieder verstärkt dem Schreiben hinzugeben. Eine gute Idee sei es , der man sich nicht ganz entziehen kann, aber muss man deswegen in den USA anlanden? Kann jemand wenigstens das &#34;National&#34; aus dem Namen nennen, wenn es sich schon um einen internationalen Wettbewerb handelt! Registrieren bzw. beteiligen will man sich auf alle Fälle nicht. Worte zählen in der Öffentlichkeit sei doof, exhibitionistisches Verhalten liege einem eben nicht. Ausserdem, man wisse um seine Schwächen. Gut gebrüllt und konsequent gehandelt!&#xA;&#xA;Hinter diesen Worten schimmert nicht nur eine gewisse Skepsis angesichts der. (zugegebenen) Zwanghaftigkeit der Gemeinschaftsaktivität durch. Der Ruf nach Durchhalten und eine gewisse Askese entspricht nicht dem Zeitgeist, der die Individualität in Freiheit feiert. Aber auch um Widerstand scheint es sich zu handeln, will man sich doch nicht wieder online registrieren (und dem Algorithmus unterwerfen). Vielleicht liegt das ja auch an der Mastodon-Kultur, die zentralen und ökonomisierten Plattformen mit erhöhter und berechtigter Skepsis begegnet. Vielleicht geht es ja unter Twitteranten viel unbesorgter zu. Vielleicht spinnt man auch nur.&#xA;&#xA;Derart vorsichtigem Verhalten ist natürlich Einiges abzugewinnen. Es wird von den Betreiber:innen der Website zudem auch mit Kanonen auf schriftstellernden Spatzen geschossen. Ein gross aufgezogenes Unternehmen finden wir vor, das aus den Ideen einer NPO entstanden ist und nun, ins Erwachsenenalter gekommen, dem Merchandise huldigt. Und auch ist das Sponsoring - Getöse, das auf der Site betrieben wird, für meine europäisch sozialisierten Ohren viel zu laut: 810.000 USD sind gesammelt worden und 1,4 Millionen USD sind das Ziel. Wofür bitte, braucht man so viel Geld, frage ich mich naiv.&#xA;&#xA;Kann man denn nicht auch, anstatt seine Daten abzuliefern und von Kursangeboten überhäuft zu werden, sich in ein kleines dezentrales Forum zurückziehen, dasselbe tun (nämlich seinem Schreibfortschritt gemeinsam huldigen) und dafür Badges sammeln?&#xA;&#xA;Auf jeden Fall lass ich mir trotz meiner Zweifel den Spass noch lange nicht verderben. Es ist das erste Mal, dass ich mich an so einer Chose beteiligen darf, vier nette Leidensgefährt:innen an meiner Seite. Was will man also mehr! Problematisieren ist auch keine Lösung.&#xA;&#xA;Aber anregen würde ich schon wollen, es in kleinerem Kreise zu probieren. Mit originellem Namen, klugem Konzept, vergnüglich und sehr dezentral: &#34;Monat der bunten Schreiberlinge (MOBUSCH) oder &#34;Masochisten für einen Monat&#34; (MAFUMO). Dass man die Idee gestohlen hat und neu verpackt, find ich gar nicht unzulässig. Das ist doch heutzutage der Stil. Ich würde mich auch dem Sponsoring nicht verwehren: und natürlich niemals motzen ob der vielen Unzulänglichkeiten.&#xA;&#xA;#mastodon #nanowrimo #Schreibarbeit #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Ich nehme am nonawrimo22 teil und schreibe neben meinem Romanprojekt an einem begleitenden Tagebuch. Hier mein tägliches Resumee:</em></p>

<p>Schon eigenartig, wie sehr wir unsere Leben an die Digitalen Maschinen überantwortet haben. Das ist ein Gedanke, der mich heute in einer Schreibpause sehr beschäftigt hat.</p>



<p>Nicht, dass wir nicht wüssten, dass unsere Daten für unseriöse Zwecke bereitliegen und nur auf die digitalen Macher warten; nur bewusst ist es uns oft nicht und verdrängen tun es wir das ausserdem. Da lockt ein buntes Forum, ein hehrer Wettbewerb des Intellekts, das gratis Buchexemplar eines Verlags. Und wieder in so einem Hamsterrad gelandet, wo viel zu viele Daten, Verhaltensmuster und Vorlieben preisgegeben werden, ohne zu wissen, wo all diese Daten dereinst landen. Ich bin im Falle <a href="https://nanowrimo.org" title="nanowrimo">nanowrio</a> zwar nicht alarmiert, wohl aber skeptisch ob meiner Leichtsinnigkeit, mich zu registrieren, zu beteiligen, ein wenig preiszugeben. Insbesondere für eine Website, die ökonomisiert betrieben wird.</p>

<p>Eigentlicher Anlass für diese trüben Gedanken ist, dass in den Mastodon Postings von vielen Personen sehr oft die (Nicht-) Benutzung der nanowrino – Website besonders betont wird. Man würde das eigene Schreibtempo bevorzugen, nehme aber den November sehr gerne zum Anlass, sich wieder verstärkt dem Schreiben hinzugeben. Eine gute Idee sei es , der man sich nicht ganz entziehen kann, aber muss man deswegen in den USA anlanden? Kann jemand wenigstens das “National” aus dem Namen nennen, wenn es sich schon um einen internationalen Wettbewerb handelt! Registrieren bzw. beteiligen will man sich auf alle Fälle nicht. Worte zählen in der Öffentlichkeit sei doof, exhibitionistisches Verhalten liege einem eben nicht. Ausserdem, man wisse um seine Schwächen. Gut gebrüllt und konsequent gehandelt!</p>

<p>Hinter diesen Worten schimmert nicht nur eine gewisse Skepsis angesichts der. (zugegebenen) Zwanghaftigkeit der Gemeinschaftsaktivität durch. Der Ruf nach Durchhalten und eine gewisse Askese entspricht nicht dem Zeitgeist, der die Individualität in Freiheit feiert. Aber auch um Widerstand scheint es sich zu handeln, will man sich doch nicht wieder online registrieren (und dem Algorithmus unterwerfen). Vielleicht liegt das ja auch an der Mastodon-Kultur, die zentralen und ökonomisierten Plattformen mit erhöhter und berechtigter Skepsis begegnet. Vielleicht geht es ja unter Twitteranten viel unbesorgter zu. Vielleicht spinnt man auch nur.</p>

<p>Derart vorsichtigem Verhalten ist natürlich Einiges abzugewinnen. Es wird von den Betreiber:innen der Website zudem auch mit Kanonen auf schriftstellernden Spatzen geschossen. Ein gross aufgezogenes Unternehmen finden wir vor, das aus den Ideen einer NPO entstanden ist und nun, ins Erwachsenenalter gekommen, dem Merchandise huldigt. Und auch ist das Sponsoring – Getöse, das auf der Site betrieben wird, für meine europäisch sozialisierten Ohren viel zu laut: 810.000 USD sind gesammelt worden und 1,4 Millionen USD sind das Ziel. Wofür bitte, braucht man so viel Geld, frage ich mich naiv.</p>

<p>Kann man denn nicht auch, anstatt seine Daten abzuliefern und von Kursangeboten überhäuft zu werden, sich in ein kleines dezentrales Forum zurückziehen, dasselbe tun (nämlich seinem Schreibfortschritt gemeinsam huldigen) und dafür Badges sammeln?</p>

<p>Auf jeden Fall lass ich mir trotz meiner Zweifel den Spass noch lange nicht verderben. Es ist das erste Mal, dass ich mich an so einer Chose beteiligen darf, vier nette Leidensgefährt:innen an meiner Seite. Was will man also mehr! Problematisieren ist auch keine Lösung.</p>

<p>Aber anregen würde ich schon wollen, es in kleinerem Kreise zu probieren. Mit originellem Namen, klugem Konzept, vergnüglich und sehr dezentral: “Monat der bunten Schreiberlinge (MOBUSCH) oder “Masochisten für einen Monat” (MAFUMO). Dass man die Idee gestohlen hat und neu verpackt, find ich gar nicht unzulässig. Das ist doch heutzutage der Stil. Ich würde mich auch dem Sponsoring nicht verwehren: und natürlich niemals motzen ob der vielen Unzulänglichkeiten.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:mastodon" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">mastodon</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:nanowrimo" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">nanowrimo</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/054-mobusch-statt-nanowrimo-tag-1</guid>
      <pubDate>Tue, 01 Nov 2022 19:46:57 +0000</pubDate>
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      <title>053 Fokus Schreiben</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/053-fokus-schreiben?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Gestern nacht habe ich beschlossen, mich am nanowrimo zu beteiligen, zwei Tage vor dessen Start. Es ist, so glaube ich, Zeit, meinen SciFi - Roman voranzubringen. Als Arbeitstitel für das Romanprojekt Earthseed habe ich Allaine gewählt, den Namen einer Erscheinung, die den Helden im Halbschlaf aufsucht und ihn auf eine lange Reise durch die Galaxis führt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Wir folgen dabei dem Weg eines Psychonauten, der seinen &#34;Inner Space&#34; mit einem &#34;Outer Space&#34; verbindet. Der Begriff ist E. Jüngers Drogenprotokollen geschuldet (&#34;Annäherungen. Rausch und Drogen&#34;, 1974)&#xA;&#xA;Der Roman wird eine Fortführung des Gedankenexperiments, das aus den beiden beiden Parabel-Romanen von Octavia E. Butler erwachsen ist: Parable of the Sower (1993) und Parable of the Talents (1998). Nach einer langen Reise durch dystopische Welten entschliesst sich die Earthseed Community am Ende des 2. Bandes, ins Weltall auszuwandern und zwar auf den Planeten Alpha Centauri. Die Autorin hat uns den dritten Teil der geplanten Trilogie nur in Fragmenten hinterlassen. Es ist aber aber eindeutig belegt, dass es sich hier um eine &#34;Parabel&#34; im Weltraum handelt. An diese möchte anschliessen, ein Schreibexperiment, aber auch eine Hommage an die Weitsichtigkeit der Autorin, die in den ersten beiden Romanen Vieles von den dramatischen Ereignissen unserer Gegenwart vorweggenommen hat.&#xA;&#xA;Aber zurück zu nanowrimo. Es ist die aus den USA stammende Idee, sich Schreibdisziplin anzutrainieren, einen Textkorpus von 50.000 Wörtern in den 30 Tagen zu absolvieren und das (wenn erwünscht) mit Unterstützung der entsprechenden Online Community zu tun. Der Gedanke besticht, bei seinen &#34;Schreibschmerzen&#34; in einer Gesellschaft zu sein, deren Mitglieder vielleicht Vergleichbares erfahren: Prokrastination, Schreibhemmung, Ideenlosigkeit, Ablenkung durch die Fährnisse des Alltags. Und man darf sich natürlich auch belohnen: mit Badges, die man durch das Erreichen allgemeiner oder persönlicher Ziele verliehen bekommt. Das ist, wie wir alle wissen, kindisch, aber es wirkt!&#xA;&#xA;Schon lange habe ich mir vorgenommen, mehr und ausführlicher zu schreiben, als ich es jetzt tue: das sind derzeit die Arbeitsnotizen auf logseq, die Einträge auf meinen beiden aktiven Blogs (u.a. die sgn. MiniEssays), die Beiträge auf der Mastadon Instanz literatur.social. Da kommen pro Tag im Durchschnitt gerade einmal 700 bis 1000 Wörter zusammen. Das ist mir zu wenig, ich will mein Arbeitspensum erhöhen, die Freizeit nutzen, die ich mir als Privatier gönnen darf. Nun geht es also um gut 1700 Wörter täglich und dies in einer Regelmässigkeit von dreissig aufeinanderfolgenden Tagen. Gearbeitet wird an EINEM Projekt und nicht an einer Reihe von Vorhaben, die die Konzentration zerfleddern. Deshalb nehme ich die Idee zu meinem Romanprojekt Earthseed wieder auf, für die es einige wenige Vorstudien gibt und die ich weiterführen will.&#xA;&#xA;Es geht also um das Antrainieren einer Schreibroutine und darum, zu sehen, ob ich jenen langen Atem besitze, der für konsequentes Schreiben notwendig ist. Es sollen einfach die Ideen zu dem Romanprojekt Earthseed in halbwegs literarisch ansprechender Form &#34;auf Papier&#34; gebracht werden, die Arbeit an einem Romanfragment also. Es geht um Schreibfluss, Ideenfluss, Kontinuität und Nachhaltigkeit. Die àsthetische Verpackung kommt erst nach diesem Experiment.&#xA;&#xA;Wünschen würde ich mir natürlich auch, in einen Austausch mit Anderen treten zu können. Ich habe deshalb auch eine entsprechende Notiz auf Mastodon abgesetzt. Erste Reaktionen gibt es bereits, was mich sehr freut.&#xA;&#xA;Noch eine Bemerkung zu meiner Schreibumgebung: Ich nutze logseq, eine FOSS - Software , die ich mittels einiger Plugins zu einer reinen, störungsfreien Schreiboberfläche verwandelt habe. Ob dies auch klappen wird, werden wir sehen. Es sind, wie gesagt noch zwei Tage bis zum Start.&#xA;&#xA;#nanowrimo #logseq #Allaine #RomanprojektEarthseed #Psychonaut #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Gestern nacht habe ich beschlossen, mich am <a href="https://nanowrimo.org/" title="nanowrimo">nanowrimo</a> zu beteiligen, zwei Tage vor dessen Start. Es ist, so glaube ich, Zeit, meinen SciFi – Roman voranzubringen. Als Arbeitstitel für das Romanprojekt Earthseed habe ich <em><strong>Allaine</strong></em> gewählt, den Namen einer Erscheinung, die den Helden im Halbschlaf aufsucht und ihn auf eine lange Reise durch die Galaxis führt.</p>



<p>Wir folgen dabei dem Weg eines Psychonauten, der seinen “Inner Space” mit einem “Outer Space” verbindet. Der Begriff ist E. Jüngers Drogenprotokollen geschuldet (“Annäherungen. Rausch und Drogen”, 1974)</p>

<p>Der Roman wird eine Fortführung des Gedankenexperiments, das aus den beiden beiden Parabel-Romanen von Octavia E. Butler erwachsen ist: Parable of the Sower (1993) und Parable of the Talents (1998). Nach einer langen Reise durch dystopische Welten entschliesst sich die Earthseed Community am Ende des 2. Bandes, ins Weltall auszuwandern und zwar auf den Planeten Alpha Centauri. Die Autorin hat uns den dritten Teil der geplanten Trilogie nur in Fragmenten hinterlassen. Es ist aber aber eindeutig belegt, dass es sich hier um eine “Parabel” im Weltraum handelt. An diese möchte anschliessen, ein Schreibexperiment, aber auch eine Hommage an die Weitsichtigkeit der Autorin, die in den ersten beiden Romanen Vieles von den dramatischen Ereignissen unserer Gegenwart vorweggenommen hat.</p>

<p>Aber zurück zu nanowrimo. Es ist die aus den USA stammende Idee, sich Schreibdisziplin anzutrainieren, einen Textkorpus von 50.000 Wörtern in den 30 Tagen zu absolvieren und das (wenn erwünscht) mit Unterstützung der entsprechenden Online Community zu tun. Der Gedanke besticht, bei seinen “Schreibschmerzen” in einer Gesellschaft zu sein, deren Mitglieder vielleicht Vergleichbares erfahren: Prokrastination, Schreibhemmung, Ideenlosigkeit, Ablenkung durch die Fährnisse des Alltags. Und man darf sich natürlich auch belohnen: mit Badges, die man durch das Erreichen allgemeiner oder persönlicher Ziele verliehen bekommt. Das ist, wie wir alle wissen, kindisch, aber es wirkt!</p>

<p>Schon lange habe ich mir vorgenommen, mehr und ausführlicher zu schreiben, als ich es jetzt tue: das sind derzeit die Arbeitsnotizen auf logseq, die Einträge auf meinen beiden aktiven Blogs (u.a. die sgn. MiniEssays), die Beiträge auf der Mastadon Instanz literatur.social. Da kommen pro Tag im Durchschnitt gerade einmal 700 bis 1000 Wörter zusammen. Das ist mir zu wenig, ich will mein Arbeitspensum erhöhen, die Freizeit nutzen, die ich mir als Privatier gönnen darf. Nun geht es also um gut 1700 Wörter täglich und dies in einer Regelmässigkeit von dreissig aufeinanderfolgenden Tagen. Gearbeitet wird an EINEM Projekt und nicht an einer Reihe von Vorhaben, die die Konzentration zerfleddern. Deshalb nehme ich die Idee zu meinem Romanprojekt Earthseed wieder auf, für die es einige wenige Vorstudien gibt und die ich weiterführen will.</p>

<p>Es geht also um das Antrainieren einer Schreibroutine und darum, zu sehen, ob ich jenen langen Atem besitze, der für konsequentes Schreiben notwendig ist. Es sollen einfach die Ideen zu dem Romanprojekt Earthseed in halbwegs literarisch ansprechender Form “auf Papier” gebracht werden, die Arbeit an einem Romanfragment also. Es geht um Schreibfluss, Ideenfluss, Kontinuität und Nachhaltigkeit. Die àsthetische Verpackung kommt erst nach diesem Experiment.</p>

<p>Wünschen würde ich mir natürlich auch, in einen Austausch mit Anderen treten zu können. Ich habe deshalb auch eine entsprechende Notiz auf Mastodon abgesetzt. Erste Reaktionen gibt es bereits, was mich sehr freut.</p>

<p>Noch eine Bemerkung zu meiner Schreibumgebung: Ich nutze logseq, eine FOSS – Software , die ich mittels einiger Plugins zu einer reinen, störungsfreien Schreiboberfläche verwandelt habe. Ob dies auch klappen wird, werden wir sehen. Es sind, wie gesagt noch zwei Tage bis zum Start.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:nanowrimo" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">nanowrimo</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:logseq" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">logseq</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:RomanprojektEarthseed" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">RomanprojektEarthseed</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Psychonaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Psychonaut</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/053-fokus-schreiben</guid>
      <pubDate>Sun, 30 Oct 2022 10:21:13 +0000</pubDate>
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      <title>052 Zur Causa Twitter</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/052-zur-causa-twitter?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Zunächst einmal: Es stimmt, dass der Begriff &#34;Flüchtlinge&#34; in Bezug auf jene Personen, die sich nach dem Takeover von Twitter durch Elon Musk in dezentrale Netzwerke abgesetzt haben, ein sehr unpassender ist. Mehrere Posts im Fediverse haben darauf hingewiesen. Auch ich habe ihn verwendet, ohne kritisch darüber nachzudenken. Dafür entschuldige ich mich.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Flüchtlinge sitzen nicht bequem zuhause an ihren Schreibtischen und verlassen freiwillig einen Internetdienst: sie für die Neuankömmlinge auf Mastodon zu verwenden, die sich aus wie immer gearteter Motivation entschieden haben, einmal was Neues zu probieren, ist schlicht und einfach deplatziert. Auch der Begriff der #twittermigration hat sich als Hashtag durchgesetzt, erscheint mir aber auch nicht geeignet. Migration ist zwar der allgemeinere Begriff für den freiwilligen bzw. unfreiwilligen Wohnortwechsel und zudem ein Begriff aus dem IT Bereich, jedoch auch in ihm schwelt das Elend der Flüchtlinge.&#xA;&#xA;Da gefiel mir schon aus Sicht des Fediverse der Begriff des #Neuhier besser. Massenhafte Neuzugänge werden ja einigermassen gefeiert, auch in der zweiten Wellen ihrer Bewegung. Viel Grund zur Freude also, endlich mehr an medialer Beachtung zu bekommen und nicht mehr so oft Anwürfen ausgesetzt zu sein, wie sie kürzlich von t-online geäussert wurden:&#xA;&#xA;.... Bei Mastodon und Konsorten sind schlicht zu wenig Menschen und zu wenig spannende Inhalte, um die Plattform wie Twitter nutzen zu können ...&#xA;&#xA;Jetzt mag es zwar stimmen, dass zu wenig Content auf Mastodon produziert wird und dass eine gewisse kritische Masse an Personen fehlt, aber dem kann doch durch die Produktion von ernsthaften Inhalten geholfen werden. Es ist weniger eine Frage der Quantität denn Qualität. Steigt verständlicher Inhalt, werden Menschen auch ohne unmittelbaren Anlass verstärkt dezentrale Instanzen bevölkern. Einfach, weil hier Mehreres stimmt: intellektuelle Anregung, gegenseitige Wertschätzung, Algorhytmen-Enthaltsamkeit und Werbefreiheit.&#xA;&#xA;Überhaupt, angesichts der beobachteten Abwanderung von Twitter in hämische Kommentare oder Freudenbezeugungen auszubrechen, ist zumindest in politischer Perspektive kurzsichtig. Die von Musk geäusserte Angekündigung, er würde für mehr &#34;Redefreiheit&#34; stehen, hat natürlich zu einem Ansturm von Followern auf rechtskonservative Twitteranten gesorgt. Wir wissen wohl, wie sich der Begriff des &#34;Freedom of Speech&#34; zu einem Instrument des wütenden Populismus, dem &#34;Freedom of Hate-Speech&#34; gewandelt hat. Twitter droht also tendenziell weiter nach Rechts zu rücken, vor allem auch weil viele kritische User den Dienst verlassen. Da appellieren schon Einige, den Account nicht zu löschen, wie die New York Times berichtet. Sie zitiert dabei einen Tweet des Pastors Joe Pavlovitz:&#xA;&#xA;  “If decent moderates and people on the Left keep abandoning platforms, we allow the extremist Right to own the narrative and we give the truth no voice .. The New York Times&#xA;&#xA;Wenig Grund also zur Schadenfreude. Diese denkt nicht über den eigenen Tellerand des Fediverse hinaus.&#xA;&#xA;Es gibt hier auf Mastodon sehr viel zu tun in nächster Zeit: Content Creation, ein geeignetes Narrativ zwischen Freiheit und Verantwortung zu finden, das demokratische Regelwerk und die finanzielle Unabhängigkeit der Instanzen zu stützen, die Integration der Neuankömmlinge zu unterstützen und und und ... Schadenfreude und Eigenlob sind dabei kontraproduktiv. Und Selbstbewusstsein braucht die zufällige Zuwanderung nicht: sie lädt einfach ein.&#xA;&#xA;#Fediverse #Mastodon #Twitter #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Zunächst einmal: Es stimmt, dass der Begriff “Flüchtlinge” in Bezug auf jene Personen, die sich nach dem Takeover von Twitter durch Elon Musk in dezentrale Netzwerke abgesetzt haben, ein sehr unpassender ist. Mehrere Posts im Fediverse haben darauf hingewiesen. Auch ich habe ihn verwendet, ohne kritisch darüber nachzudenken. Dafür entschuldige ich mich.</p>



<p>Flüchtlinge sitzen nicht bequem zuhause an ihren Schreibtischen und verlassen freiwillig einen Internetdienst: sie für die Neuankömmlinge auf Mastodon zu verwenden, die sich aus wie immer gearteter Motivation entschieden haben, einmal was Neues zu probieren, ist schlicht und einfach deplatziert. Auch der Begriff der <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:twittermigration" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">twittermigration</span></a> hat sich als Hashtag durchgesetzt, erscheint mir aber auch nicht geeignet. Migration ist zwar der allgemeinere Begriff für den freiwilligen bzw. unfreiwilligen Wohnortwechsel und zudem ein Begriff aus dem IT Bereich, jedoch auch in ihm schwelt das Elend der Flüchtlinge.</p>

<p>Da gefiel mir schon aus Sicht des Fediverse der Begriff des <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Neuhier" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Neuhier</span></a> besser. Massenhafte Neuzugänge werden ja einigermassen gefeiert, auch in der zweiten Wellen ihrer Bewegung. Viel Grund zur Freude also, endlich mehr an medialer Beachtung zu bekommen und nicht mehr so oft Anwürfen ausgesetzt zu sein, wie sie kürzlich von t-online geäussert wurden:</p>

<p>.... Bei Mastodon und Konsorten sind schlicht zu wenig Menschen und zu wenig spannende Inhalte, um die Plattform wie Twitter nutzen zu können ...</p>

<p>Jetzt mag es zwar stimmen, dass zu wenig Content auf Mastodon produziert wird und dass eine gewisse kritische Masse an Personen fehlt, aber dem kann doch durch die Produktion von ernsthaften Inhalten geholfen werden. Es ist weniger eine Frage der Quantität denn Qualität. Steigt verständlicher Inhalt, werden Menschen auch ohne unmittelbaren Anlass verstärkt dezentrale Instanzen bevölkern. Einfach, weil hier Mehreres stimmt: intellektuelle Anregung, gegenseitige Wertschätzung, Algorhytmen-Enthaltsamkeit und Werbefreiheit.</p>

<p>Überhaupt, angesichts der beobachteten Abwanderung von Twitter in hämische Kommentare oder Freudenbezeugungen auszubrechen, ist zumindest in politischer Perspektive kurzsichtig. Die von Musk geäusserte Angekündigung, er würde für mehr “Redefreiheit” stehen, hat natürlich zu einem Ansturm von Followern auf rechtskonservative Twitteranten gesorgt. Wir wissen wohl, wie sich der Begriff des “Freedom of Speech” zu einem Instrument des wütenden Populismus, dem “Freedom of Hate-Speech” gewandelt hat. Twitter droht also tendenziell weiter nach Rechts zu rücken, vor allem auch weil viele kritische User den Dienst verlassen. Da appellieren schon Einige, den Account nicht zu löschen, wie die New York Times berichtet. Sie zitiert dabei einen Tweet des Pastors Joe Pavlovitz:</p>

<blockquote><p>“If decent moderates and people on the Left keep abandoning platforms, we allow the extremist Right to own the narrative and we give the truth no voice .. <a href="https://www.nytimes.com/2022/10/28/technology/twitter-far-right-followers.html">The New York Times</a></p></blockquote>

<p>Wenig Grund also zur Schadenfreude. Diese denkt nicht über den eigenen Tellerand des Fediverse hinaus.</p>

<p>Es gibt hier auf Mastodon sehr viel zu tun in nächster Zeit: Content Creation, ein geeignetes Narrativ zwischen Freiheit und Verantwortung zu finden, das demokratische Regelwerk und die finanzielle Unabhängigkeit der Instanzen zu stützen, die Integration der Neuankömmlinge zu unterstützen und und und ... Schadenfreude und Eigenlob sind dabei kontraproduktiv. Und Selbstbewusstsein braucht die zufällige Zuwanderung nicht: sie lädt einfach ein.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fediverse" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fediverse</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Mastodon" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mastodon</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Twitter" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Twitter</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
]]></content:encoded>
      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/052-zur-causa-twitter</guid>
      <pubDate>Sat, 29 Oct 2022 14:04:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>049 Wider die Fiktiokratie</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/049-wider-die-fiktiokratie?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Es gibt sie auch noch anderswo, die Fiktionauten (&#34;The Fictionauts&#34;), nicht nur in meinem Blog. Und sie sind bei Weitem heldenhafter und weniger naiv als dieser Autor. Sie beherrschen ein argentinisches Comic und durchkämmen den &#34;riesigen metaphysischen Raum der Literatur&#34;, um die Welt vor gefährlichen Anomalien zu schützen. Gefährlich wird es, wenn Geschichten einander überlappen. Brandgefährlich ausserdem ein Agent namens X, der die Barrieren zwischen Fiktion und Realität zerstören will.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Damit sind wir wieder bei der Frage, inwieweit die Bedrohung der Realität durch Fiktion in den Blick genommen werden muss, wenn man als Fiktionaut den literarischen Raum durchkämmt. Wo sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Erfundenem, wann beginnt die Fiktiokratie ihr Unwesen zu treiben? Gibt es Agent X nun wirklich?&#xA;&#xA;Nun, er ist ein Synonym für Kräfte, die durch fortgesetztes Storytelling und die Errichtung transmedialer Welten ein politisches System geschaffen haben, in der die Trennung zwischen Fakten und Fiktion aufgehoben wird. Ein Traumland im Dienste politischen Missbrauchs. Journalismus und Storytelling haben begonnen, einander zu überlappen. Das Narrativ ersetzt Information, Medien gerinnen zu Entertainment. &#34;Trump Bump&#34;, der Umgang mit der Wahrheit in Zeiten eines abgehalfterten Schauspielers ist nur ein Beispiel. Aber auch in Österreich dürfen wir den politischen Eliten bei der Aufführung ihres Schmierentheaters assistieren. Meinungsforschung und Medien sind gekauft, um das Narrativ politischen Heils zu verbreiten. Verlogenes Narrativ und Korruption überall. Die Journaille erzählt Geschichten und verleugnet Fakten, das wird tausendfach verbreitet auf allen Kanälen. Grasser, Strache, Kurz &amp; Co sind in Wahrheit keine Politiker gewesen, sie haben sie bloss gespielt. Denn das ist das Wesen der Fiktiokratie, dass sie das Geschichtenerzählen für Politik und Journalismus missbraucht. Das ist nicht dumm sondern verschlagen. Mittlerweile plappern die Lämmer unter uns den Stumpfsinn nach.&#xA;&#xA;Der Fiktionaut wirkt ob solcher Chuzpe wie ein Waisenknabe der grossen Welterzählung. Gebildet aber macht- und mittellos stellt er den Anspruch, das literarische Handwerk zu beherrschen und die Geschichten der Welt erzählen zu können. Doch er erzählt dem Publikum kaum Interessantes, nur Hirngespinste einer längst verlorenen Welt. Er führt der Welt die eigene Impotenz vor Augen. Verhöhnt und vom Rand aus atmet er den letzten Hauch der Wahrheit, irrlichtert zwischen Skylla und Charybdis. Zwar (be)nutzt auch er die vielgesichtige Fiktion, jedoch nicht in Eigennutz, sondern um kosmische Wahrheit zu befördern. Das ist naiv und vergebliches Bemühen. Er spielt den Fiktionauten nicht, er ist tatsächlich einer. Indes waltet draussen Brandgefährliches für Demokratie und Existenz, unmässige Geschichten bestimmen Zeit und das Geschehen. Im Kopf des Fiktionauten schillert jedoch die verlorene Welt der Bücher. Er liest, wie in einem letzen Aufbegehren, Irene Valejos &#34;Papyrus&#34;. Fiktionautin auch sie. Man bleibt in dieser Zeit sehr gern nur unter sich. Man verachtet Dummheit ganz zuförderst.&#xA;&#xA;Bestemm heisst die Devise und stolz Sein auf die eigene Profession. Auch wenn das Zettelwerk niemand lesen mag, es wird weiterhin geschrieben: Stück für Stück, Tag für Tag, Wahrheit für Wahrheit. Mögen 50, 100, 1000 Zettel folgen. Nieder mit der Fiktiokratie, es lebe die Fiktion!&#xA;&#xA;#Fiktionaut #Fiktiokratie #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt sie auch noch anderswo, die Fiktionauten (“The Fictionauts”), nicht nur in meinem Blog. Und sie sind bei Weitem heldenhafter und weniger naiv als dieser Autor. Sie beherrschen ein argentinisches Comic und durchkämmen den “riesigen metaphysischen Raum der Literatur”, um die Welt vor gefährlichen Anomalien zu schützen. Gefährlich wird es, wenn Geschichten einander überlappen. Brandgefährlich ausserdem ein Agent namens X, der die Barrieren zwischen Fiktion und Realität zerstören will.</p>



<p>Damit sind wir wieder bei der Frage, inwieweit die Bedrohung der Realität durch Fiktion in den Blick genommen werden muss, wenn man als Fiktionaut den literarischen Raum durchkämmt. Wo sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Erfundenem, wann beginnt die Fiktiokratie ihr Unwesen zu treiben? Gibt es Agent X nun wirklich?</p>

<p>Nun, er ist ein Synonym für Kräfte, die durch fortgesetztes Storytelling und die Errichtung transmedialer Welten ein politisches System geschaffen haben, in der die Trennung zwischen Fakten und Fiktion aufgehoben wird. Ein Traumland im Dienste politischen Missbrauchs. Journalismus und Storytelling haben begonnen, einander zu überlappen. Das Narrativ ersetzt Information, Medien gerinnen zu Entertainment. “Trump Bump”, der Umgang mit der Wahrheit in Zeiten eines abgehalfterten Schauspielers ist nur ein Beispiel. Aber auch in Österreich dürfen wir den politischen Eliten bei der Aufführung ihres Schmierentheaters assistieren. Meinungsforschung und Medien sind gekauft, um das Narrativ politischen Heils zu verbreiten. Verlogenes Narrativ und Korruption überall. Die Journaille erzählt Geschichten und verleugnet Fakten, das wird tausendfach verbreitet auf allen Kanälen. Grasser, Strache, Kurz &amp; Co sind in Wahrheit keine Politiker gewesen, sie haben sie bloss gespielt. Denn das ist das Wesen der Fiktiokratie, dass sie das Geschichtenerzählen für Politik und Journalismus missbraucht. Das ist nicht dumm sondern verschlagen. Mittlerweile plappern die Lämmer unter uns den Stumpfsinn nach.</p>

<p>Der Fiktionaut wirkt ob solcher Chuzpe wie ein Waisenknabe der grossen Welterzählung. Gebildet aber macht- und mittellos stellt er den Anspruch, das literarische Handwerk zu beherrschen und die Geschichten der Welt erzählen zu können. Doch er erzählt dem Publikum kaum Interessantes, nur Hirngespinste einer längst verlorenen Welt. Er führt der Welt die eigene Impotenz vor Augen. Verhöhnt und vom Rand aus atmet er den letzten Hauch der Wahrheit, irrlichtert zwischen Skylla und Charybdis. Zwar (be)nutzt auch er die vielgesichtige Fiktion, jedoch nicht in Eigennutz, sondern um kosmische Wahrheit zu befördern. Das ist naiv und vergebliches Bemühen. Er spielt den Fiktionauten nicht, er ist tatsächlich einer. Indes waltet draussen Brandgefährliches für Demokratie und Existenz, unmässige Geschichten bestimmen Zeit und das Geschehen. Im Kopf des Fiktionauten schillert jedoch die verlorene Welt der Bücher. Er liest, wie in einem letzen Aufbegehren, Irene Valejos “Papyrus”. Fiktionautin auch sie. Man bleibt in dieser Zeit sehr gern nur unter sich. Man verachtet Dummheit ganz zuförderst.</p>

<p>Bestemm heisst die Devise und stolz Sein auf die eigene Profession. Auch wenn das Zettelwerk niemand lesen mag, es wird weiterhin geschrieben: Stück für Stück, Tag für Tag, Wahrheit für Wahrheit. Mögen 50, 100, 1000 Zettel folgen. Nieder mit der Fiktiokratie, es lebe die Fiktion!</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktiokratie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktiokratie</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/049-wider-die-fiktiokratie</guid>
      <pubDate>Sun, 23 Oct 2022 08:33:42 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>048 Fiktionaut zwischen Fakt und Fiktion</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Was ich in meinem vorhergehenden Versuch einer Begriffsbestimmung des Fiktionauten besonders betont habe, war das Merkmal der mentalen Reise und der damit verbundenen Abenteuer. Auch schrieb ich, dass der Fiktionaut auf seiner Reise nach Geschichten nur sich selbst und seinem Können verpflichtet sei. Nicht behandelt hatte ich, in welchem Kontext er sich dabei zwangsläufig einschreibt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Denken wir also weiter. Ist der Fiktionaut ein Bewohner des Internet, dann reist er in einer Welt, die durch das Storytelling der (sozialen) Medien massgeblich geprägt ist. Dies ist nicht das, womit er auf seiner Reise gerechnet hat: ging er doch davon aus, dass er in Freiheit und Selbstbestimmtheit reise. Es war naiv, denn das Gegenteil ist der Fall. Er navigiert zwischen Skylla (dem Trugschluss) und Charybdis (der Lüge) in einem Meer gefährdeter Wahrheit. Was ist heute noch Fakt und was Fiktion?&#xA;&#xA;Dazu ein Beispiel: 2008 wurde das Medium Fictionaut (sic!) gegründet, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, unter Zuhilfenahme der neuen Möglichkeiten des Internets die Texte einer kleinen Gruppe von Autoren zu sammeln. In einem Interview berichtet einer ihrer Gründer, Jürgen Fauth, darüber. Online Publishing war damals noch neu und schien revolutionär: Verlockend war, die Möglichkeiten eines im Entstehen begriffenen sozialen Netzwerks zu nutzen, um Texte mit literarischem Anspruch den Lesern unter Umgehung der Mechanismen des Buchmarktes näher zu bringen. Gemeinsam und &#34;authentisch&#34; wollte man die Welt erobern, ohne Lektorat, Verlag und Markt. Der Fictionaut wurde so zum Abenteurer, welcher, einmal aufgenommen in den erlauchten Kreis der Mitglieder, am gemeinsamen Mythos und der eigenen Wirklichkeit arbeitete. Ausgeliefert an einen Algorithmus, der die beliebtesten Texte zuoberst platzierte (die sgn. &#34;recommendation engine&#34;), war seine Präsenz und sein Ansehen dem Zufall überlassen. Seine Mitgliedschaft aber verdankte er einer rigiden Einladungspolitik, die Qualität sichern, aber auch den Missbrauch der Plattform hintanhalten sollte. Die im Hintergrund wirksamen Algorithmen, die rigorose Einladungspolitik und das Monitoring der Websites verursachten letzten Endes eine Engführung der Publikationen und eine Verzerrung der dargestellten Wirklichkeit. Hinter der Behauptung von der Offenheit der Prozesse stand Steuerung, die dem Anspruch sich selbst bewährender Qualität durch Freiheit zuwider handelte. Das Abenteuer von Lesen und Schreiben, also das Abenteuer der Fictionauts war eine Totgeburt.&#xA;&#xA;Diese Geschichte zeigt, das die Gesetzmässigkeiten des Web 3.0 den Charakter der Nicht-Vorhersehbarkeit des Abenteuers von Lesen und Schreiben konterkariert. Die Ideologie der Freiheit wird sofort begraben durch die Steuerung der Algorithmen. Droht das auch dem von mir postulierten Fiktionauten? Ist er nicht auch nur eine Marionette jener Wirkmächtigkeiten des Internet der Dinge, welches verlogen als soziales Netzwerk gefeiert wird? Und gilt es nicht, noch viel Gefährlicherem mit Entschiedenheit zu begegnen: dem drohenden Verschwinden der Grenzen zwischen Fiktion und Realität, welche die Welt erfasst hat?&#xA;&#xA;Kann der Fiktionaut also so tun, als hätte er die Freiheit der literarischen Entdeckung und des fiktionalen Schreibens gepachtet, ohne dass er dabei auf die sich immer wieder verschiebende Grenze zwischen Realität und Fiktion Bedacht nimmt? In dem Moment, in der er das Web 3.0 auf seiner Reise in die literarischen Welten (Recherche, Produktion, Publikation) das Internet nutzt, fällt er seinen Mechanismen anheim. Was braucht es also, damit das Reich des Fiktionauten nicht zu einer Fictiocratie verkommt?&#xA;&#xA;#Fiktionaut #MiniEssay #Schreibarbeit #Literatur #Fiktionaut]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Was ich in meinem vorhergehenden Versuch einer Begriffsbestimmung des Fiktionauten besonders betont habe, war das Merkmal der mentalen Reise und der damit verbundenen Abenteuer. Auch schrieb ich, dass der Fiktionaut auf seiner Reise nach Geschichten nur sich selbst und seinem Können verpflichtet sei. Nicht behandelt hatte ich, in welchem Kontext er sich dabei zwangsläufig einschreibt.</p>



<p>Denken wir also weiter. Ist der Fiktionaut ein Bewohner des Internet, dann reist er in einer Welt, die durch das Storytelling der (sozialen) Medien massgeblich geprägt ist. Dies ist nicht das, womit er auf seiner Reise gerechnet hat: ging er doch davon aus, dass er in Freiheit und Selbstbestimmtheit reise. Es war naiv, denn das Gegenteil ist der Fall. Er navigiert zwischen Skylla (dem Trugschluss) und Charybdis (der Lüge) in einem Meer gefährdeter Wahrheit. Was ist heute noch Fakt und was Fiktion?</p>

<p>Dazu ein Beispiel: 2008 wurde das <a href="http://fictionaut.com/">Medium Fictionaut</a> (sic!) gegründet, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, unter Zuhilfenahme der neuen Möglichkeiten des Internets die Texte einer kleinen Gruppe von Autoren zu sammeln. <a href="https://pressbooks.pub/book/chapter/fictionaut-jurgen-fauth/">In einem Interview</a> berichtet einer ihrer Gründer, Jürgen Fauth, darüber. Online Publishing war damals noch neu und schien revolutionär: Verlockend war, die Möglichkeiten eines im Entstehen begriffenen sozialen Netzwerks zu nutzen, um Texte mit literarischem Anspruch den Lesern unter Umgehung der Mechanismen des Buchmarktes näher zu bringen. Gemeinsam und “authentisch” wollte man die Welt erobern, ohne Lektorat, Verlag und Markt. Der Fictionaut wurde so zum Abenteurer, welcher, einmal aufgenommen in den erlauchten Kreis der Mitglieder, am gemeinsamen Mythos und der eigenen Wirklichkeit arbeitete. Ausgeliefert an einen Algorithmus, der die beliebtesten Texte zuoberst platzierte (die sgn. “recommendation engine”), war seine Präsenz und sein Ansehen dem Zufall überlassen. Seine Mitgliedschaft aber verdankte er einer rigiden Einladungspolitik, die Qualität sichern, aber auch den Missbrauch der Plattform hintanhalten sollte. Die im Hintergrund wirksamen Algorithmen, die rigorose Einladungspolitik und das Monitoring der Websites verursachten letzten Endes eine Engführung der Publikationen und eine Verzerrung der dargestellten Wirklichkeit. Hinter der Behauptung von der Offenheit der Prozesse stand Steuerung, die dem Anspruch sich selbst bewährender Qualität durch Freiheit zuwider handelte. Das Abenteuer von Lesen und Schreiben, also das Abenteuer der Fictionauts war eine Totgeburt.</p>

<p>Diese Geschichte zeigt, das die Gesetzmässigkeiten des Web 3.0 den Charakter der Nicht-Vorhersehbarkeit des Abenteuers von Lesen und Schreiben konterkariert. Die Ideologie der Freiheit wird sofort begraben durch die Steuerung der Algorithmen. Droht das auch dem von mir postulierten Fiktionauten? Ist er nicht auch nur eine Marionette jener Wirkmächtigkeiten des Internet der Dinge, welches verlogen als soziales Netzwerk gefeiert wird? Und gilt es nicht, noch viel Gefährlicherem mit Entschiedenheit zu begegnen: dem drohenden Verschwinden der Grenzen zwischen Fiktion und Realität, welche die Welt erfasst hat?</p>

<p>Kann der Fiktionaut also so tun, als hätte er die Freiheit der literarischen Entdeckung und des fiktionalen Schreibens gepachtet, ohne dass er dabei auf die sich immer wieder verschiebende Grenze zwischen Realität und Fiktion Bedacht nimmt? In dem Moment, in der er das Web 3.0 auf seiner Reise in die literarischen Welten (Recherche, Produktion, Publikation) das Internet nutzt, fällt er seinen Mechanismen anheim. Was braucht es also, damit das Reich des Fiktionauten nicht zu einer Fictiocratie verkommt?</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/048-fiktionaut-sein-2-zwischen-fakt-und-fiktion</guid>
      <pubDate>Fri, 21 Oct 2022 08:50:47 +0000</pubDate>
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      <title>046 Taschendieb sein, oder wenigstens Voyeur!</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Haben Sie schon jemals in ihrem Leben die Lust verspürt, einen Ladendiebstahl zu begehen? Haben sie gar einen ohne zwingende Notwendigkeit begangen? Oder haben Sie die Taschendiebe gehasst, die Sie mit Chuzpe bestohlen haben aber sie doch insgeheim bewundert, weil es ihnen so mühelos gelungen ist?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Fall 1: Erregt sitzt der Erzähler von Stefan Zweigs Erzählung &#34;Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk&#34; (1931) in einem Café an einem Pariser Boulevard. Er verweilt inmitten des Trubels vorüberziehender Menschen, angespannt, alle minutiös beobachtend. Dann plötzlich, mit der Unbekümmertheit eines Müssiggängers, geniesst er, selbst unbemerkt, das Treiben eines Taschendiebs, bewundert seine Kunstfertigkeit, fiebert mit ihm, fürchtet, so wie sein Opfer, das Erscheinen der Polizei, die dem Treiben ein Ende bereiten könnte.  Die Erzählung ist in all ihrer Präzision und Ausführlichkeit eine fast quälend vergnügliche Beobachtung und Übung in literarischem Voyeurismus: Sitzen, beobachten, mitfiebern und dabei viel erregte Augenlust. Doch letzten Endes wird aus dem Beobachter ein Akteur, aus dem Voyeur ein Involvierter. Das Spiel bricht in sich zusammen, die Nähe zum Objekt wird untragbar.&#xA;&#xA;Fall 2: Ähnlich ausgeprägt  ist die Darstellung des Voyeurismus in Robert Bressons filmischen Meisterwerk &#34;Pickpocket&#34; aus dem Jahr 1959, aber mit deutlicher Akzentverschiebung. Roger Ebert verweist in seiner Interpretation auf den Zusammenhang von Narzismus, Voyeurismus und Sexualität im Verhalten des beobachteten Taschendiebs:&#xA;&#xA;  He gathers his narcissism around himself like a blanket. He sits in his garret and reads his books, and treasures an image of himself as a man so special that he is privileged to steal from others. Also, of course, he gets an erotic charge out of stealing.&#xA;&#xA;Dies sind Beobachtungen, die mir während des Ansehens von Bressots Film zunächst gar nicht aufgefallen waren; weil eben ich als Zuseher dieser Voyeur war, der dem Ballett der gezeigten Taschendiebe folgen durfte; weil ich mich offenbar im Narzissmus des Hauptdarstellers wiedererkannte und weil es so erregend war, ihn in seiner linkischen Überheblichkeit zu begleiten. Das zu erkennen, beschämte mich sehr. Ich erinnere mich an die Ladendiebstähle meiner Kindheit und an die Angst vor dem Entdeckt - Werden. Wie doch die Lust am Diebstahl meine Sinne überreizten!&#xA;&#xA;Fall 3: Dann der chinesische Film Pickpocket von  Jia Zhangke aus dem Jahr 1997. Auch er begleitet einen Taschendieb auf seiner Irrfahrt durch die Stadt, belässt den Anti-Helden aber fast in der Normalität eines interesselosen Jugendlichen. Kein geniesserische Beobachtung seiner Künste, nur spärliche Andeutungen. Im Gegenteil, der Dieb zeichnet sich durch verantwortungsvolles Handeln aus. Die Ausweise seiner Opfer wirft er in den Postkasten der nächsten Polizeistation.  Ein guter Krimineller, auf der Suche nach Läuterung von seinen Taten an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch dann wird er auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben. Vorbei ist es mit seiner Anonymität, seiner klandestinen Tätigkeit. Vom Polizeichef des Distrikts mit Handschellen an einen Mast gekettet, ist er den beschämenden Blicken und der Zudringlichkeit der Passanten preisgegeben. Der Albtraum eines jeden Taschendiebs: mittelalterlich anmutende Zurschaustellung! Öffentliche Demütigung. Das ist das Ende einer Existenz.&#xA;&#xA;#Voyeurismus #Film #Literatur #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Haben Sie schon jemals in ihrem Leben die Lust verspürt, einen Ladendiebstahl zu begehen? Haben sie gar einen ohne zwingende Notwendigkeit begangen? Oder haben Sie die Taschendiebe gehasst, die Sie mit Chuzpe bestohlen haben aber sie doch insgeheim bewundert, weil es ihnen so mühelos gelungen ist?</p>



<p>Fall 1: Erregt sitzt der Erzähler von Stefan Zweigs Erzählung “Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk” (1931) in einem Café an einem Pariser Boulevard. Er verweilt inmitten des Trubels vorüberziehender Menschen, angespannt, alle minutiös beobachtend. Dann plötzlich, mit der Unbekümmertheit eines Müssiggängers, geniesst er, selbst unbemerkt, das Treiben eines Taschendiebs, bewundert seine Kunstfertigkeit, fiebert mit ihm, fürchtet, so wie sein Opfer, das Erscheinen der Polizei, die dem Treiben ein Ende bereiten könnte.  Die Erzählung ist in all ihrer Präzision und Ausführlichkeit eine fast quälend vergnügliche Beobachtung und Übung in literarischem Voyeurismus: Sitzen, beobachten, mitfiebern und dabei viel erregte Augenlust. Doch letzten Endes wird aus dem Beobachter ein Akteur, aus dem Voyeur ein Involvierter. Das Spiel bricht in sich zusammen, die Nähe zum Objekt wird untragbar.</p>

<p>Fall 2: Ähnlich ausgeprägt  ist die Darstellung des Voyeurismus in Robert Bressons filmischen Meisterwerk “Pickpocket” aus dem Jahr 1959, aber mit deutlicher Akzentverschiebung. Roger Ebert verweist in seiner <a href="https://www.rogerebert.com/reviews/great-movie-pickpocket-1959" title="Interpretation">Interpretation</a> auf den Zusammenhang von Narzismus, Voyeurismus und Sexualität im Verhalten des beobachteten Taschendiebs:</p>

<blockquote><p><em>He gathers his narcissism around himself like a blanket. He sits in his garret and reads his books, and treasures an image of himself as a man so special that he is privileged to steal from others. Also, of course, he gets an erotic charge out of stealing.</em></p></blockquote>

<p>Dies sind Beobachtungen, die mir während des Ansehens von Bressots Film zunächst gar nicht aufgefallen waren; weil eben ich als Zuseher dieser Voyeur war, der dem Ballett der gezeigten Taschendiebe folgen durfte; weil ich mich offenbar im Narzissmus des Hauptdarstellers wiedererkannte und weil es so erregend war, ihn in seiner linkischen Überheblichkeit zu begleiten. Das zu erkennen, beschämte mich sehr. Ich erinnere mich an die Ladendiebstähle meiner Kindheit und an die Angst vor dem Entdeckt – Werden. Wie doch die Lust am Diebstahl meine Sinne überreizten!</p>

<p>Fall 3: Dann der chinesische Film Pickpocket von  Jia Zhangke aus dem Jahr 1997. Auch er begleitet einen Taschendieb auf seiner Irrfahrt durch die Stadt, belässt den Anti-Helden aber fast in der Normalität eines interesselosen Jugendlichen. Kein geniesserische Beobachtung seiner Künste, nur spärliche Andeutungen. Im Gegenteil, der Dieb zeichnet sich durch verantwortungsvolles Handeln aus. Die Ausweise seiner Opfer wirft er in den Postkasten der nächsten Polizeistation.  Ein guter Krimineller, auf der Suche nach Läuterung von seinen Taten an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch dann wird er auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben. Vorbei ist es mit seiner Anonymität, seiner klandestinen Tätigkeit. Vom Polizeichef des Distrikts mit Handschellen an einen Mast gekettet, ist er den beschämenden Blicken und der Zudringlichkeit der Passanten preisgegeben. Der Albtraum eines jeden Taschendiebs: mittelalterlich anmutende Zurschaustellung! Öffentliche Demütigung. Das ist das Ende einer Existenz.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Voyeurismus" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Voyeurismus</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Film" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Film</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/taschendieb-sein-oder-wenigstens-voyeur</guid>
      <pubDate>Tue, 18 Oct 2022 08:29:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>044 A better place in Fediverse?</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Nach fast einem halben Jahr auf Mastodon neun Einsichten aus meinem Blickwinkel:&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;(1) Her mit dem Content! Dass uns auf Mastodon 500 Zeichen gewährt werden, ist gut. So kann man einen Gedanken zu Ende führen und hat argumentativen Spielraum. Einwortsätze sind meist kontraproduktiv, bedeutungsoffen und unkommunikativ. Insgesamt betrachtet, glaube ich, dass es dem Medium gut täte, mehr konkrete Inhalte zu produzieren, also das Denken, Schreiben und die Argumentation seiner NutzerInnen abzubilden. Wir brauchen eine Content-Offensive um den Diskurs zu intensivieren, nicht epidemischen catcontent.&#xA;(2) Lobpreiset die Instanz! Machen wir uns bewusst, dass die meisten Instanzen im Fediverse von Privatpersonen geführt werden: das kostet sie Zeit, Energie und Geld. Dass wir uns täglich online äussern können, verdanken wir dem guten Willen anderer. Verhalten wir uns deshalb manierlich, wie wir dies im Real Life tun. Dem Gastgeber spuckt man nicht in die Suppe, man bedankt sich für seine Mahlzeit und Gastfreundschaft. Und man liest und befolgt die Hausregeln.&#xA;(3) Das Profil der Community schärfen. Mehr themenspezifische Communities täten dem Fediverse gut. Und sie sollten auch gepflegt werden, von Instanzenbetreibern wie von ihren NutzerInnen. Wenn wir uns einer &#34;lokalen&#34; Community zugehörig fühlen, weil wir hier (meinetwegen) fachsimpeln können oder den Dialog über ein Thema intensivieren, überraschende Einsichten gewinnen etc. ist das gut für das Medium und verstärkt die gegenseitige Verbundenheit. Wald- und Wieseninstanzen, etwa nach dem Motto chat.social sind dysfunktional, denn sie bündeln Interessen nur selten und verkommen leicht zur Tratschbude.&#xA;(4) Gesundes Selbstbewusstsein pflegen! Ständig aufs Crossposting zu schielen, nur um den einen oder anderen Follower auf Twitter mit ins Boot zunehmen, ist vergebene Liebesmüh. Es zeugt vielmehr von unentwickeltem Ego und peinlicher Zeigefreudigkeit. Konzentrieren wir uns auf das Hier und Jetzt. Die Anderen werden uns zu entbehren wissen. Und wir dürfen stolz auf uns sein.&#xA;(5) Lernen wir die Funktionsweisen des Mediums. Will man seine Wertschätzung für einen Beitrag ausdrücken, reicht es nicht, zu liken oder ein Lesezeichen zu produzieren. Boosts sind sinnvoller. Das Fediverse funktioniert anders als zentrale Netzwerke und ohne auf seine Eigenheiten Rücksicht zu nehmen, geht es schwer. Feedback zu geben stört zwar den routinierten Durchwinkmodus, befördert aber das Gespräch. Deswegen sind wir hier. Lernen wir unser Zuhause kennen.&#xA;(6) Inklusivität ist zentral! Sie erfordert Extraarbeit, wird aber schon bald zu wertgeschätzter Gewohnheit. CaptionYourMedia, anstatt nur Medien Bilder oder hinzurotzen, heisst die Devise. Manche Menschen benutzen Lesegeräte und benötigen eine Bildunterschrift. Wenden wir uns an Alle. Feiert die Diversity. Und bitte gendert, wo geboten.&#xA;(7) Enthaltsamkeit üben. Postet regelmässig, aber schüttet die Timeline nicht mit Postings zu. Splittet Texte nicht in 500er Pakete auf und nummeriert sie, sondern lagert sie mit Verweis auf ein Blog aus. Die Lesbarkeit wird dadurch ungemein befördert.&#xA;(8) Bitte &#34;Bitte und Danke&#34; sagen. Das ist nicht uncool. &#34;Her mit der Schwarmintelligenz!&#34; ist andrerseits das selbstgefällige Credo von Menschen ohne Benehmen. Man darf um etwas bitten und sich dafür auch bedanken. Man hat eine gute Kinderstube.&#xA;(9) Small is beautiful Müssen wir dem Verwertungszwang des Kapitals folgen und immer grösser werden? Nein, müssen wir nicht. Aber besser werden, das wäre eine Idee!&#xA;&#xA;#Fediverse #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nach fast einem halben Jahr auf Mastodon neun Einsichten aus meinem Blickwinkel:</strong></p>



<p><strong>(1) Her mit dem Content!</strong> Dass uns auf Mastodon 500 Zeichen gewährt werden, ist gut. So kann man einen Gedanken zu Ende führen und hat argumentativen Spielraum. Einwortsätze sind meist kontraproduktiv, bedeutungsoffen und unkommunikativ. Insgesamt betrachtet, glaube ich, dass es dem Medium gut täte, mehr konkrete Inhalte zu produzieren, also das Denken, Schreiben und die Argumentation seiner NutzerInnen abzubilden. Wir brauchen eine Content-Offensive um den Diskurs zu intensivieren, nicht epidemischen catcontent.
<strong>(2) Lobpreiset die Instanz!</strong> Machen wir uns bewusst, dass die meisten Instanzen im Fediverse von Privatpersonen geführt werden: das kostet sie Zeit, Energie und Geld. Dass wir uns täglich online äussern können, verdanken wir dem guten Willen anderer. Verhalten wir uns deshalb manierlich, wie wir dies im Real Life tun. Dem Gastgeber spuckt man nicht in die Suppe, man bedankt sich für seine Mahlzeit und Gastfreundschaft. Und man liest und befolgt die Hausregeln.
<strong>(3) Das Profil der Community schärfen.</strong> Mehr themenspezifische Communities täten dem Fediverse gut. Und sie sollten auch gepflegt werden, von Instanzenbetreibern wie von ihren NutzerInnen. Wenn wir uns einer “lokalen” Community zugehörig fühlen, weil wir hier (meinetwegen) fachsimpeln können oder den Dialog über ein Thema intensivieren, überraschende Einsichten gewinnen etc. ist das gut für das Medium und verstärkt die gegenseitige Verbundenheit. Wald- und Wieseninstanzen, etwa nach dem Motto chat.social sind dysfunktional, denn sie bündeln Interessen nur selten und verkommen leicht zur Tratschbude.
<strong>(4) Gesundes Selbstbewusstsein pflegen!</strong> Ständig aufs Crossposting zu schielen, nur um den einen oder anderen Follower auf Twitter mit ins Boot zunehmen, ist vergebene Liebesmüh. Es zeugt vielmehr von unentwickeltem Ego und peinlicher Zeigefreudigkeit. Konzentrieren wir uns auf das Hier und Jetzt. Die Anderen werden uns zu entbehren wissen. Und wir dürfen stolz auf uns sein.
<strong>(5) Lernen wir die Funktionsweisen des Mediums.</strong> Will man seine Wertschätzung für einen Beitrag ausdrücken, reicht es nicht, zu liken oder ein Lesezeichen zu produzieren. Boosts sind sinnvoller. Das Fediverse funktioniert anders als zentrale Netzwerke und ohne auf seine Eigenheiten Rücksicht zu nehmen, geht es schwer. Feedback zu geben stört zwar den routinierten Durchwinkmodus, befördert aber das Gespräch. Deswegen sind wir hier. Lernen wir unser Zuhause kennen.
<strong>(6) Inklusivität ist zentral!</strong> Sie erfordert Extraarbeit, wird aber schon bald zu wertgeschätzter Gewohnheit. CaptionYourMedia, anstatt nur Medien Bilder oder hinzurotzen, heisst die Devise. Manche Menschen benutzen Lesegeräte und benötigen eine Bildunterschrift. Wenden wir uns an Alle. Feiert die Diversity. Und bitte gendert, wo geboten.
<strong>(7) Enthaltsamkeit üben</strong>. Postet regelmässig, aber schüttet die Timeline nicht mit Postings zu. Splittet Texte nicht in 500er Pakete auf und nummeriert sie, sondern lagert sie mit Verweis auf ein Blog aus. Die Lesbarkeit wird dadurch ungemein befördert.
<strong>(8) Bitte “Bitte und Danke” sagen.</strong> Das ist nicht uncool. “Her mit der Schwarmintelligenz!” ist andrerseits das selbstgefällige Credo von Menschen ohne Benehmen. Man darf um etwas bitten und sich dafür auch bedanken. Man hat eine gute Kinderstube.
<strong>(9) Small is beautiful</strong> Müssen wir dem Verwertungszwang des Kapitals folgen und immer grösser werden? Nein, müssen wir nicht. Aber besser werden, das wäre eine Idee!</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fediverse" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fediverse</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/a-better-place-in-fediverse</guid>
      <pubDate>Thu, 13 Oct 2022 20:36:10 +0000</pubDate>
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      <title>043 Die Schönheit des Klopapiers</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Worüber man denn alles nachdenken und schreiben kann! Manchmal sollte man einfach die Augen schliessen, um sich selbst zu schonen!&#xA;&#xA;Bregenz. Auf ein Bier im Vorarlberg Museum. Die Ausstellung, die bis Mitte Oktober läuft, heisst Beauty von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Sie interessiert mich nicht, doch offenbar kann ich ihren Ausläufern nicht entgehen. Denn selbst auf dem WC herrscht der ungebrochene Wille, Schönheit zu thematisieren.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;An der Wand im Souterrain überrascht die Besucher ein schmuck unterlegter Hinweis auf das Thema &#34;Museum und Toilette&#34;:&#xA;&#xA;  Der französische Schriftsteller Thèophile Gautier (1811-1872) glaubte, wenn etwas gut funktioniere, könne es nicht gleichzeitig schön sein. Er fragte: Was ist der funktionalste Raum eines Museums? Und antwortete: Die Toilette. Die Toilette ist selten der schönste Raum.&#xA;&#xA;Für diese Erkenntnis hätten wir Herrn Gautier wohl nicht gebraucht. Doch damit nicht genug. Ich wende mich nach rechts und öffne die WC-Tür. Auf einem übergrossem Schild werde ich in weisser Schrift aufgefordert: &#34;Verwenden sie die Rolle, die Sie am schönsten finden!&#34; Darunter drei Rollen Toilettenpapier, eine davon in einer Ornamentik, die von Sagmeister &amp; Walsh stammt. Das immer wiederkehrende Motiv auf dem mittelweichen Papier ist ein stilisiertes Häufchen in Braun. Diese derart beschönte Klorolle darf man im Museumsshop gegen gutes Geld kaufen. Wie originell! Beauty, wie es Neonlicht im Eingangsbereich andeutet, ist ein Arrangement &#34;to please the aesthetic senses, especielly the senses&#34;.&#xA;&#xA;Wenige Wochen zuvor war ich im bekannten Künstlerbedarf-Supermarkt namens Boesner und wurde auch dort von Kunstschönem überrascht. Am Sims oberhalb der Toilettenschüssel thronte eine Skulptur mit einer vergoldeten Rolle Klopapier. Etwas barock und kitschig, wie man zugeben muss, aber ebenso ein Zeichen von verwirrtem Gestaltungswillen.&#xA;&#xA;Man kann derart künstlerisch verbrämtes Wirken natürlich der Dekadenz einer Gesellschaft zum Vorwurf machen, die nicht mehr weiss, wie sie Aufmerksamkeit erregen soll in der Kakophonie ihrer medialen Durchdringung. Doch das hiesse, dieser Art von Unternehmung eine Beachtung zu schenken, die sie nicht verdient. Denn dekadent sind aus meiner Sicht Alltagsgegenstände wie SUVs oder Nespresso Kapseln: beide tragen kräftig zur Verschwendung bei, sie sind deshalb entsprechend Ernst zu nehmen.&#xA;&#xA;Dekadenz darf man hingegen den Kloverschönerungsagenten nicht zum Vorwurf machen. Beim Versuch, den wohl funktionalsten Ort der Welt mit so etwas wie Schönheit und ästhetischem Genuss zu durchdringen, sitzt man nämlich allein der Aufforderung zu penetranter Selbstverliebtheit auf. Und diese befindet sich auf Stufe der von Freud beschriebenen Analität. Ausscheidungsvorgänge mit pseudokünstlerischen Inszenierungen zu vergolden ist infantil und geschmacklos.&#xA;&#xA;Eine Erinnerung wird wach an die Zeiten, wo man in Wohngemeinschaften Gästen gerne sein WC mit einer kleinen Handbibliothek, bestehend aus linksliberalen Zeitschriften, kritischen Büchern und witzig progressiven Sprüchen angeboten hat. Man war stolz, auch auf dem Klo intellektuell zu sein. Auch hier hat es bedeutet, Perlen vor die Säue zu werfen. Nie habe ich auch nur eines dieser Druckwerke in die Hand genommen.&#xA;&#xA;Man komme mir jetzt nicht mit der berühmt-berüchtigten Aktion (&#34;Uni-Ferkelei&#34;) des Wiener Aktionismus des Jahres 1968! Denn obwohl Mann auch hier nach Kräften ästhetisierte, beschönigt sollte dabei nichts werden. Es ging um die Kritik des Ganzen.&#xA;&#xA;#Museum #Kunstschönes #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Worüber man denn alles nachdenken und schreiben kann! Manchmal sollte man einfach die Augen schliessen, um sich selbst zu schonen!</strong></p>

<p>Bregenz. Auf ein Bier im Vorarlberg Museum. Die Ausstellung, die bis Mitte Oktober läuft, heisst Beauty von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Sie interessiert mich nicht, doch offenbar kann ich ihren Ausläufern nicht entgehen. Denn selbst auf dem WC herrscht der ungebrochene Wille, Schönheit zu thematisieren.</p>



<p>An der Wand im Souterrain überrascht die Besucher ein schmuck unterlegter Hinweis auf das Thema “Museum und Toilette”:</p>

<blockquote><p>Der französische Schriftsteller Thèophile Gautier (1811-1872) glaubte, wenn etwas gut funktioniere, könne es nicht gleichzeitig schön sein. Er fragte: Was ist der funktionalste Raum eines Museums? Und antwortete: Die Toilette. Die Toilette ist selten der schönste Raum.</p></blockquote>

<p>Für diese Erkenntnis hätten wir Herrn Gautier wohl nicht gebraucht. Doch damit nicht genug. Ich wende mich nach rechts und öffne die WC-Tür. Auf einem übergrossem Schild werde ich in weisser Schrift aufgefordert: “Verwenden sie die Rolle, die Sie am schönsten finden!” Darunter drei Rollen Toilettenpapier, eine davon in einer Ornamentik, die von Sagmeister &amp; Walsh stammt. Das immer wiederkehrende Motiv auf dem mittelweichen Papier ist ein stilisiertes Häufchen in Braun. Diese derart beschönte Klorolle darf man im Museumsshop gegen gutes Geld kaufen. Wie originell! Beauty, wie es Neonlicht im Eingangsbereich andeutet, ist ein Arrangement “to please the aesthetic senses, especielly the senses”.</p>

<p>Wenige Wochen zuvor war ich im bekannten Künstlerbedarf-Supermarkt namens Boesner und wurde auch dort von Kunstschönem überrascht. Am Sims oberhalb der Toilettenschüssel thronte eine Skulptur mit einer vergoldeten Rolle Klopapier. Etwas barock und kitschig, wie man zugeben muss, aber ebenso ein Zeichen von verwirrtem Gestaltungswillen.</p>

<p>Man kann derart künstlerisch verbrämtes Wirken natürlich der Dekadenz einer Gesellschaft zum Vorwurf machen, die nicht mehr weiss, wie sie Aufmerksamkeit erregen soll in der Kakophonie ihrer medialen Durchdringung. Doch das hiesse, dieser Art von Unternehmung eine Beachtung zu schenken, die sie nicht verdient. Denn dekadent sind aus meiner Sicht Alltagsgegenstände wie SUVs oder Nespresso Kapseln: beide tragen kräftig zur Verschwendung bei, sie sind deshalb entsprechend Ernst zu nehmen.</p>

<p>Dekadenz darf man hingegen den Kloverschönerungsagenten nicht zum Vorwurf machen. Beim Versuch, den wohl funktionalsten Ort der Welt mit so etwas wie Schönheit und ästhetischem Genuss zu durchdringen, sitzt man nämlich allein der Aufforderung zu penetranter Selbstverliebtheit auf. Und diese befindet sich auf Stufe der von Freud beschriebenen Analität. Ausscheidungsvorgänge mit pseudokünstlerischen Inszenierungen zu vergolden ist infantil und geschmacklos.</p>

<p>Eine Erinnerung wird wach an die Zeiten, wo man in Wohngemeinschaften Gästen gerne sein WC mit einer kleinen Handbibliothek, bestehend aus linksliberalen Zeitschriften, kritischen Büchern und witzig progressiven Sprüchen angeboten hat. Man war stolz, auch auf dem Klo intellektuell zu sein. Auch hier hat es bedeutet, Perlen vor die Säue zu werfen. Nie habe ich auch nur eines dieser Druckwerke in die Hand genommen.</p>

<p>Man komme mir jetzt nicht mit der berühmt-berüchtigten Aktion (“Uni-Ferkelei”) des Wiener Aktionismus des Jahres 1968! Denn obwohl Mann auch hier nach Kräften ästhetisierte, beschönigt sollte dabei nichts werden. Es ging um die Kritik des Ganzen.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Museum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Museum</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Kunstsch%C3%B6nes" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Kunstschönes</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/041-die-schonheit-des-klopapiers</guid>
      <pubDate>Thu, 13 Oct 2022 07:31:51 +0000</pubDate>
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      <title>042 Variationen zum Fensterkucker</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Ein Feuerwerk des Gehirns, der Emotionen und der Erinnerungen.&#xA;&#xA;Es begann damit, dass ich auf das Fenster einer lehmverschmierten Holzhütte blickte. Sie stand im Pfahlbaudorf in Unteruhldingen am Bodensee. Mich hatte daran begeistert, wie man dünne Tierhaut (geschabt, gespannt und getrocknet) über dem Fensterrahmen aus Holz befestigt hatte. Steinzeitliches Glas! Die Haut war lichtdurchlässig und winddicht und das Fenster eine Sensation! Ein Foto davon wollte ich auf Mastodon posten und dachte deshalb über einen griffigen Titel nach: &#34;Der Fensterkucker?&#34; Da begannen Erinnerungen wach zu werden.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;In den Sechziger Jahren hatte man im österreichischen Fernsehen die Serie &#34;Der Fensterkucker&#34; ins Leben gerufen, eine Sendung, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Selbstfindung Österreichs in der Zweiten Republik unterstützen sollte. In launigem Tonfall sollten das &#34;Inventar&#34; einer Nation seinen Bürgern nahegebracht werden. Eine Sendung mit  Bildungsauftrag also, welche von Porträts über österreichische Bauwerke, Städte, Landschaften und das ÖsterreicherIn-Sein räsonierte. Das wuchs sich manchmal sogar zu essayistischen Filmen aus, die so schlecht nicht waren. Kritik an den Zuständen war natürlich verpönt und die Autorität des mit sonorer Stimme sich präsentierenden Erzählers blieb stets unangefochten. So ging man damals mit den Bürgern gerne um: launig aber mit unanfechtbaren Wahrheiten, die zu akzeptieren waren. Um den staatspolitischen Auftrag der Sendung besonders zu unterstreichen, wurde im Vorspann die Steinbüste von Meister Pilgram, einem der Baumeister der Wiener Stephanskirche gezeigt, begleitet von einem sehr erbaulichen Adagio eines Komponisten aus dem Barock namens Pietro Nardini. Die Wirkung war imposant und legte sich in mein Gedächtnis wie eine Arabeske.&#xA;&#xA;Ich sass vor dem Schwarz-Weiss-Fernseher meiner Grossmutter, der durch eine Erbschaft finanziert worden war und war hin und weg. Das war meine erste Begegnung mit klassischer Kunst, Musik, mit Kultur überhaupt, die so unerhört wichtig erschien, wurde sie doch so gewichtig und feierlich vorgetragen, im Tonfall einer Veranstaltung am Nationalfeiertag. Noch heute fühle ich beim Anhören des Stückes von Nardini eine Gänsehaut über meine Arme laufen: sie ist noch immer Erbauung genug!&#xA;&#xA;So viel staatsbürgerlicher Würde! Konnte sie langfristig bei mir Wirkung zeigen? Mitnichten!&#xA;&#xA;Denn die Sechzigerjahre meiner Kindheit waren nicht nur ein Hort konservativer Restauration, sondern auch eine Zeit des heftigen Protests dagegen. Und es gab andere Fensterkucker, die das Leben der Heranwachsenden viel mehr beeinflussten. Ein Kurzfilm des Wiener Enfant Terrible, Kurt Kren, aus dem Jahr 1962 mit dem Titel 5/62 Fensterkucker, Abfall etc. zerhackt die Bilder von Wiener Voyeuren  beiderlei Geschlechts in unbarmherzigen Schnitten, richtet das Objektiv dann auf die Hände von Passanten, um dann im herumliegenden Müll zu sondieren. Der Fensterkucker stürzt also von der Höhe der Kultur eines Landes in die Niederungen von Voyeurismus und Niedertracht.&#xA;&#xA;In unserer Entwicklung in Frage gestellt haben sie uns beide: die Kultur, weil sie für die Befindlichkeit eines Arbeiterkindes kaum Verständnis hatte und die Unkultur, weil diese uns stets dort haben wollte, wo wir infantil und ignorant bleiben sollten.&#xA;&#xA;#MiniEssay #Film #Erinnerung]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ein Feuerwerk des Gehirns, der Emotionen und der Erinnerungen.</strong></p>

<p>Es begann damit, dass ich auf das Fenster einer lehmverschmierten Holzhütte blickte. Sie stand im Pfahlbaudorf in Unteruhldingen am Bodensee. Mich hatte daran begeistert, wie man dünne Tierhaut (geschabt, gespannt und getrocknet) über dem Fensterrahmen aus Holz befestigt hatte. Steinzeitliches Glas! Die Haut war lichtdurchlässig und winddicht und das Fenster eine Sensation! Ein Foto davon wollte ich auf Mastodon posten und dachte deshalb über einen griffigen Titel nach: “Der Fensterkucker?” Da begannen Erinnerungen wach zu werden.</p>



<p>In den Sechziger Jahren hatte man im österreichischen Fernsehen die Serie “Der Fensterkucker” ins Leben gerufen, eine Sendung, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Selbstfindung Österreichs in der Zweiten Republik unterstützen sollte. In launigem Tonfall sollten das “Inventar” einer Nation seinen Bürgern nahegebracht werden. Eine Sendung mit  Bildungsauftrag also, welche von Porträts über österreichische Bauwerke, Städte, Landschaften und das ÖsterreicherIn-Sein räsonierte. Das wuchs sich manchmal sogar zu essayistischen Filmen aus, die so schlecht nicht waren. Kritik an den Zuständen war natürlich verpönt und die Autorität des mit sonorer Stimme sich präsentierenden Erzählers blieb stets unangefochten. So ging man damals mit den Bürgern gerne um: launig aber mit unanfechtbaren Wahrheiten, die zu akzeptieren waren. Um den staatspolitischen Auftrag der Sendung besonders zu unterstreichen, wurde im Vorspann die Steinbüste von Meister Pilgram, einem der Baumeister der Wiener Stephanskirche gezeigt, begleitet von einem sehr erbaulichen Adagio eines Komponisten aus dem Barock namens Pietro Nardini. Die Wirkung war imposant und legte sich in mein Gedächtnis wie eine Arabeske.</p>

<p>Ich sass vor dem Schwarz-Weiss-Fernseher meiner Grossmutter, der durch eine Erbschaft finanziert worden war und war hin und weg. Das war meine erste Begegnung mit klassischer Kunst, Musik, mit Kultur überhaupt, die so unerhört wichtig erschien, wurde sie doch so gewichtig und feierlich vorgetragen, im Tonfall einer Veranstaltung am Nationalfeiertag. Noch heute fühle ich beim Anhören des Stückes von Nardini eine Gänsehaut über meine Arme laufen: sie ist noch immer Erbauung genug!</p>

<p>So viel staatsbürgerlicher Würde! Konnte sie langfristig bei mir Wirkung zeigen? Mitnichten!</p>

<p>Denn die Sechzigerjahre meiner Kindheit waren nicht nur ein Hort konservativer Restauration, sondern auch eine Zeit des heftigen Protests dagegen. Und es gab andere Fensterkucker, die das Leben der Heranwachsenden viel mehr beeinflussten. Ein Kurzfilm des Wiener Enfant Terrible, Kurt Kren, aus dem Jahr 1962 mit dem Titel <em>5/62 Fensterkucker, Abfall etc.</em> zerhackt die Bilder von Wiener Voyeuren  beiderlei Geschlechts in unbarmherzigen Schnitten, richtet das Objektiv dann auf die Hände von Passanten, um dann im herumliegenden Müll zu sondieren. Der Fensterkucker stürzt also von der Höhe der Kultur eines Landes in die Niederungen von Voyeurismus und Niedertracht.</p>

<h2 id="in-unserer-entwicklung-in-frage-gestellt-haben-sie-uns-beide-die-kultur-weil-sie-für-die-befindlichkeit-eines-arbeiterkindes-kaum-verständnis-hatte-und-die-unkultur-weil-diese-uns-stets-dort-haben-wollte-wo-wir-infantil-und-ignorant-bleiben-sollten" id="in-unserer-entwicklung-in-frage-gestellt-haben-sie-uns-beide-die-kultur-weil-sie-für-die-befindlichkeit-eines-arbeiterkindes-kaum-verständnis-hatte-und-die-unkultur-weil-diese-uns-stets-dort-haben-wollte-wo-wir-infantil-und-ignorant-bleiben-sollten">In unserer Entwicklung in Frage gestellt haben sie uns beide: die Kultur, weil sie für die Befindlichkeit eines Arbeiterkindes kaum Verständnis hatte und die Unkultur, weil diese uns stets dort haben wollte, wo wir infantil und ignorant bleiben sollten.</h2>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Film" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Film</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Erinnerung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erinnerung</span></a></p>
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      <pubDate>Tue, 11 Oct 2022 03:08:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>041 Entblössung im Autofiktionalen</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Annie Ernaux&#39; Super 8 Tagebücher der Jahre 1972 - 1981&#xA;&#xA;Wer je einen Film des us-amerikanischen Regisseurs Chris Marker gesehen hat, weiss, was einen Filmessay auf höchstem Niveau ausmacht: das ständige Kreisen von Kamera, Bild und der Kommentare aus dem Off um ein gesellschaftlich bedeutsames Thema, eine fast somnambule Gedankenbewegung, die uns mitnimmt in das Träumen von Bedeutsamem. Davon können wir aber diesmal leider nicht sprechen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Rede ist vielmehr davon, wie selbst  eine kluge Kommentierung von Super 8 Aufnahmen der eigenen Familie nur mittelmässige Filme zu produzieren vermag, selbst wenn diese von einer frisch gebackenen Literatur - Nobelpreisträgerin stammen. Die Rede ist von Annie Ernaux&#39; Super 8 - Tagebüchern, eine sechzig Minuten dauernde Filmcollage aus dem Jahr 2022, die Familienaufnahmen von 1972 bis 1981 zum Inhalt hat. Diese kommentiert die Autorin und Mutter der Familie mit vornehm zurückhaltender Distanz. Ein Kunstwerk ist dieser Film deshalb noch lange nicht.&#xA;&#xA;Wahrscheinlich ist dieser Film auch nur erwähnenswert, weil er uns das Leben einer Nobelpreisträgerin auf intime Art näher bringen will: das Privatleben wohlgemerkt, nicht die literarischen Nöte und Freuden einer Autorin, die unentwegt Autofiktionales geschrieben hat und für diese literarische Selbstbespiegelung nun geehrt wird. Wenn es also schon Autofiktionales sein muss, quasi als Honneurs an diese in Narzissmus befangene Gegenwart, warum nicht über den literarischen Schaffensprozess sprechen, der vom eigenen Familienleben so unliebsam gestört wird? Nein, es ist diese gnadenlose Selbstausbeutung seiner eigenen Privatsphäre, die das Publikum so liebt, weil es gerne den Anderen vorgeführt bekommt als Subjekt von Emotion und Krise.&#xA;&#xA;Im gegenständlichen Film wird die Zeigefreudigkeit und Selbstentblödung einer Autorin sogar noch verführerischer, liefert diese das Augenmaterial doch gleich mit, das in der Privatheit ihrer Familie entstanden ist. So kommen Bild, Ton und Schrift doch kongenial zusammen zur lüsternen Erbauung.  Wie weit will Annie Ernaux denn noch gehen, denkt man und macht sich fast Sorgen um die Privatsphäre dieser über achtzig jährigen alten Frau. Wird sie uns auch noch einen Roman über ihre eigene Vergänglichkeit liefern, nachdem sie uns jetzt ihre Jugend, den Ehemann, die Mutter und ihre beiden Söhne auf dem Präsentierteller serviert hat?&#xA;&#xA;Wo aber kann denn Autofiktionales seine Wirkung abseits von Voyeuristischem entfalten? Vielleicht dort, wo sich Privates und Politisches treffen, wo die eigene Lebensgeschichte die Widersprüche zu erkennen glaubt, die das Individuum in seinem Leben erfährt? Aber auch diese Chance vergibt dieser Film, erwähnt er doch nur das an Politischem, dem wir damals auch selbst begegnet sind, ohne es zu durchdenken: Den Verlust der Natur, den Urlauben in Ländern mit Unrechtsregimen, die von den USA unterstützen Putschversuche von Diktatoren, die Grösse Russlands etc. Aber, das alles wissen wir doch schon! War das wirklich alles, was es darüber zu sagen gibt, was sie uns da aus dem Off geheimnisvoll mitteilt? Junge ZuseherInnen werden vielleicht in Wikipedia nachschlagen wollen oder die demokratischen Gemeinplätze ganz einfach übersehen. Das Politische verpufft bei Ernaux&#39; Film im linksliberalen Gemeinplatz: so bleibt alles dem Privaten  untergeordnet.&#xA;&#xA;Am Ende des Filmes vermerkt die Autorin, dass ihr Mann nach der Trennung die gemeinsam angeschaffte Kamera mit sich genommen hat: nur Projektor und Filme verblieben bei ihr. Er hätte sie auf diese Weise zur Wächterin der Familienaufnahmen, der Familiengeschichte gemacht. Nun denn, wir wissen nun, in welcher Weise sie diese Aufgabe wahrgenommen hat.&#xA;&#xA;#MiniEssay #Literatur #Film #AnnieErnaux #Nobelpreis]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Annie Ernaux&#39; Super 8 Tagebücher der Jahre 1972 – 1981</strong></p>

<p>Wer je einen Film des us-amerikanischen Regisseurs Chris Marker gesehen hat, weiss, was einen Filmessay auf höchstem Niveau ausmacht: das ständige Kreisen von Kamera, Bild und der Kommentare aus dem Off um ein gesellschaftlich bedeutsames Thema, eine fast somnambule Gedankenbewegung, die uns mitnimmt in das Träumen von Bedeutsamem. Davon können wir aber diesmal leider nicht sprechen.</p>



<p>Die Rede ist vielmehr davon, wie selbst  eine kluge Kommentierung von Super 8 Aufnahmen der eigenen Familie nur mittelmässige Filme zu produzieren vermag, selbst wenn diese von einer frisch gebackenen Literatur – Nobelpreisträgerin stammen. Die Rede ist von Annie Ernaux&#39; Super 8 – Tagebüchern, eine sechzig Minuten dauernde Filmcollage aus dem Jahr 2022, die Familienaufnahmen von 1972 bis 1981 zum Inhalt hat. Diese kommentiert die Autorin und Mutter der Familie mit vornehm zurückhaltender Distanz. Ein Kunstwerk ist dieser Film deshalb noch lange nicht.</p>

<p>Wahrscheinlich ist dieser Film auch nur erwähnenswert, weil er uns das Leben einer Nobelpreisträgerin auf intime Art näher bringen will: das Privatleben wohlgemerkt, nicht die literarischen Nöte und Freuden einer Autorin, die unentwegt Autofiktionales geschrieben hat und für diese literarische Selbstbespiegelung nun geehrt wird. Wenn es also schon Autofiktionales sein muss, quasi als Honneurs an diese in Narzissmus befangene Gegenwart, warum nicht über den literarischen Schaffensprozess sprechen, der vom eigenen Familienleben so unliebsam gestört wird? Nein, es ist diese gnadenlose Selbstausbeutung seiner eigenen Privatsphäre, die das Publikum so liebt, weil es gerne den Anderen vorgeführt bekommt als Subjekt von Emotion und Krise.</p>

<p>Im gegenständlichen Film wird die Zeigefreudigkeit und Selbstentblödung einer Autorin sogar noch verführerischer, liefert diese das Augenmaterial doch gleich mit, das in der Privatheit ihrer Familie entstanden ist. So kommen Bild, Ton und Schrift doch kongenial zusammen zur lüsternen Erbauung.  Wie weit will Annie Ernaux denn noch gehen, denkt man und macht sich fast Sorgen um die Privatsphäre dieser über achtzig jährigen alten Frau. Wird sie uns auch noch einen Roman über ihre eigene Vergänglichkeit liefern, nachdem sie uns jetzt ihre Jugend, den Ehemann, die Mutter und ihre beiden Söhne auf dem Präsentierteller serviert hat?</p>

<p>Wo aber kann denn Autofiktionales seine Wirkung abseits von Voyeuristischem entfalten? Vielleicht dort, wo sich Privates und Politisches treffen, wo die eigene Lebensgeschichte die Widersprüche zu erkennen glaubt, die das Individuum in seinem Leben erfährt? Aber auch diese Chance vergibt dieser Film, erwähnt er doch nur das an Politischem, dem wir damals auch selbst begegnet sind, ohne es zu durchdenken: Den Verlust der Natur, den Urlauben in Ländern mit Unrechtsregimen, die von den USA unterstützen Putschversuche von Diktatoren, die Grösse Russlands etc. Aber, das alles wissen wir doch schon! War das wirklich alles, was es darüber zu sagen gibt, was sie uns da aus dem Off geheimnisvoll mitteilt? Junge ZuseherInnen werden vielleicht in Wikipedia nachschlagen wollen oder die demokratischen Gemeinplätze ganz einfach übersehen. Das Politische verpufft bei Ernaux&#39; Film im linksliberalen Gemeinplatz: so bleibt alles dem Privaten  untergeordnet.</p>

<p>Am Ende des Filmes vermerkt die Autorin, dass ihr Mann nach der Trennung die gemeinsam angeschaffte Kamera mit sich genommen hat: nur Projektor und Filme verblieben bei ihr. Er hätte sie auf diese Weise zur Wächterin der Familienaufnahmen, der Familiengeschichte gemacht. Nun denn, wir wissen nun, in welcher Weise sie diese Aufgabe wahrgenommen hat.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Film" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Film</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:AnnieErnaux" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">AnnieErnaux</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Nobelpreis" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Nobelpreis</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/039-entblossung-im-autofiktionalen</guid>
      <pubDate>Sun, 09 Oct 2022 21:40:25 +0000</pubDate>
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