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    <title>Literatur &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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    <description>Notizen eines Fiktionauten.</description>
    <pubDate>Mon, 27 Apr 2026 06:49:58 +0000</pubDate>
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      <title>Literatur &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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      <title>048 Fiktionaut zwischen Fakt und Fiktion</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Was ich in meinem vorhergehenden Versuch einer Begriffsbestimmung des Fiktionauten besonders betont habe, war das Merkmal der mentalen Reise und der damit verbundenen Abenteuer. Auch schrieb ich, dass der Fiktionaut auf seiner Reise nach Geschichten nur sich selbst und seinem Können verpflichtet sei. Nicht behandelt hatte ich, in welchem Kontext er sich dabei zwangsläufig einschreibt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Denken wir also weiter. Ist der Fiktionaut ein Bewohner des Internet, dann reist er in einer Welt, die durch das Storytelling der (sozialen) Medien massgeblich geprägt ist. Dies ist nicht das, womit er auf seiner Reise gerechnet hat: ging er doch davon aus, dass er in Freiheit und Selbstbestimmtheit reise. Es war naiv, denn das Gegenteil ist der Fall. Er navigiert zwischen Skylla (dem Trugschluss) und Charybdis (der Lüge) in einem Meer gefährdeter Wahrheit. Was ist heute noch Fakt und was Fiktion?&#xA;&#xA;Dazu ein Beispiel: 2008 wurde das Medium Fictionaut (sic!) gegründet, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, unter Zuhilfenahme der neuen Möglichkeiten des Internets die Texte einer kleinen Gruppe von Autoren zu sammeln. In einem Interview berichtet einer ihrer Gründer, Jürgen Fauth, darüber. Online Publishing war damals noch neu und schien revolutionär: Verlockend war, die Möglichkeiten eines im Entstehen begriffenen sozialen Netzwerks zu nutzen, um Texte mit literarischem Anspruch den Lesern unter Umgehung der Mechanismen des Buchmarktes näher zu bringen. Gemeinsam und &#34;authentisch&#34; wollte man die Welt erobern, ohne Lektorat, Verlag und Markt. Der Fictionaut wurde so zum Abenteurer, welcher, einmal aufgenommen in den erlauchten Kreis der Mitglieder, am gemeinsamen Mythos und der eigenen Wirklichkeit arbeitete. Ausgeliefert an einen Algorithmus, der die beliebtesten Texte zuoberst platzierte (die sgn. &#34;recommendation engine&#34;), war seine Präsenz und sein Ansehen dem Zufall überlassen. Seine Mitgliedschaft aber verdankte er einer rigiden Einladungspolitik, die Qualität sichern, aber auch den Missbrauch der Plattform hintanhalten sollte. Die im Hintergrund wirksamen Algorithmen, die rigorose Einladungspolitik und das Monitoring der Websites verursachten letzten Endes eine Engführung der Publikationen und eine Verzerrung der dargestellten Wirklichkeit. Hinter der Behauptung von der Offenheit der Prozesse stand Steuerung, die dem Anspruch sich selbst bewährender Qualität durch Freiheit zuwider handelte. Das Abenteuer von Lesen und Schreiben, also das Abenteuer der Fictionauts war eine Totgeburt.&#xA;&#xA;Diese Geschichte zeigt, das die Gesetzmässigkeiten des Web 3.0 den Charakter der Nicht-Vorhersehbarkeit des Abenteuers von Lesen und Schreiben konterkariert. Die Ideologie der Freiheit wird sofort begraben durch die Steuerung der Algorithmen. Droht das auch dem von mir postulierten Fiktionauten? Ist er nicht auch nur eine Marionette jener Wirkmächtigkeiten des Internet der Dinge, welches verlogen als soziales Netzwerk gefeiert wird? Und gilt es nicht, noch viel Gefährlicherem mit Entschiedenheit zu begegnen: dem drohenden Verschwinden der Grenzen zwischen Fiktion und Realität, welche die Welt erfasst hat?&#xA;&#xA;Kann der Fiktionaut also so tun, als hätte er die Freiheit der literarischen Entdeckung und des fiktionalen Schreibens gepachtet, ohne dass er dabei auf die sich immer wieder verschiebende Grenze zwischen Realität und Fiktion Bedacht nimmt? In dem Moment, in der er das Web 3.0 auf seiner Reise in die literarischen Welten (Recherche, Produktion, Publikation) das Internet nutzt, fällt er seinen Mechanismen anheim. Was braucht es also, damit das Reich des Fiktionauten nicht zu einer Fictiocratie verkommt?&#xA;&#xA;#Fiktionaut #MiniEssay #Schreibarbeit #Literatur #Fiktionaut]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Was ich in meinem vorhergehenden Versuch einer Begriffsbestimmung des Fiktionauten besonders betont habe, war das Merkmal der mentalen Reise und der damit verbundenen Abenteuer. Auch schrieb ich, dass der Fiktionaut auf seiner Reise nach Geschichten nur sich selbst und seinem Können verpflichtet sei. Nicht behandelt hatte ich, in welchem Kontext er sich dabei zwangsläufig einschreibt.</p>



<p>Denken wir also weiter. Ist der Fiktionaut ein Bewohner des Internet, dann reist er in einer Welt, die durch das Storytelling der (sozialen) Medien massgeblich geprägt ist. Dies ist nicht das, womit er auf seiner Reise gerechnet hat: ging er doch davon aus, dass er in Freiheit und Selbstbestimmtheit reise. Es war naiv, denn das Gegenteil ist der Fall. Er navigiert zwischen Skylla (dem Trugschluss) und Charybdis (der Lüge) in einem Meer gefährdeter Wahrheit. Was ist heute noch Fakt und was Fiktion?</p>

<p>Dazu ein Beispiel: 2008 wurde das <a href="http://fictionaut.com/">Medium Fictionaut</a> (sic!) gegründet, das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, unter Zuhilfenahme der neuen Möglichkeiten des Internets die Texte einer kleinen Gruppe von Autoren zu sammeln. <a href="https://pressbooks.pub/book/chapter/fictionaut-jurgen-fauth/">In einem Interview</a> berichtet einer ihrer Gründer, Jürgen Fauth, darüber. Online Publishing war damals noch neu und schien revolutionär: Verlockend war, die Möglichkeiten eines im Entstehen begriffenen sozialen Netzwerks zu nutzen, um Texte mit literarischem Anspruch den Lesern unter Umgehung der Mechanismen des Buchmarktes näher zu bringen. Gemeinsam und “authentisch” wollte man die Welt erobern, ohne Lektorat, Verlag und Markt. Der Fictionaut wurde so zum Abenteurer, welcher, einmal aufgenommen in den erlauchten Kreis der Mitglieder, am gemeinsamen Mythos und der eigenen Wirklichkeit arbeitete. Ausgeliefert an einen Algorithmus, der die beliebtesten Texte zuoberst platzierte (die sgn. “recommendation engine”), war seine Präsenz und sein Ansehen dem Zufall überlassen. Seine Mitgliedschaft aber verdankte er einer rigiden Einladungspolitik, die Qualität sichern, aber auch den Missbrauch der Plattform hintanhalten sollte. Die im Hintergrund wirksamen Algorithmen, die rigorose Einladungspolitik und das Monitoring der Websites verursachten letzten Endes eine Engführung der Publikationen und eine Verzerrung der dargestellten Wirklichkeit. Hinter der Behauptung von der Offenheit der Prozesse stand Steuerung, die dem Anspruch sich selbst bewährender Qualität durch Freiheit zuwider handelte. Das Abenteuer von Lesen und Schreiben, also das Abenteuer der Fictionauts war eine Totgeburt.</p>

<p>Diese Geschichte zeigt, das die Gesetzmässigkeiten des Web 3.0 den Charakter der Nicht-Vorhersehbarkeit des Abenteuers von Lesen und Schreiben konterkariert. Die Ideologie der Freiheit wird sofort begraben durch die Steuerung der Algorithmen. Droht das auch dem von mir postulierten Fiktionauten? Ist er nicht auch nur eine Marionette jener Wirkmächtigkeiten des Internet der Dinge, welches verlogen als soziales Netzwerk gefeiert wird? Und gilt es nicht, noch viel Gefährlicherem mit Entschiedenheit zu begegnen: dem drohenden Verschwinden der Grenzen zwischen Fiktion und Realität, welche die Welt erfasst hat?</p>

<p>Kann der Fiktionaut also so tun, als hätte er die Freiheit der literarischen Entdeckung und des fiktionalen Schreibens gepachtet, ohne dass er dabei auf die sich immer wieder verschiebende Grenze zwischen Realität und Fiktion Bedacht nimmt? In dem Moment, in der er das Web 3.0 auf seiner Reise in die literarischen Welten (Recherche, Produktion, Publikation) das Internet nutzt, fällt er seinen Mechanismen anheim. Was braucht es also, damit das Reich des Fiktionauten nicht zu einer Fictiocratie verkommt?</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/048-fiktionaut-sein-2-zwischen-fakt-und-fiktion</guid>
      <pubDate>Fri, 21 Oct 2022 08:50:47 +0000</pubDate>
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      <title>047 Fiktionaut sein</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Ein erster Versuch zum Begriff.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Bezeichnung &#34;Fiktionaut&#34; entstand, als mich die Bedeutung des Begriffs &#34;Psychonauten&#34; beschäftigte. E. Jünger bezeichnete damit jene Menschen, die sich (unter Drogeneinfluss) zu ihrer Reise in ihre &#34;inneren Welten&#34; aufgemacht hatten. Auf welche Reise begibt man sich nun als Schreibender, Autor, Schriftsteller? Welche Zonen müssen durchquert werden,  welche weisse Landkarten gefüllt, welches Handwerk erlernt, um zufriedenstellend reisen zu können? Reist man dabei alleine oder besser mit Gefährten?&#xA;&#xA;Wohin also reist man? In die inneren Schreibwelten, zu den schlummernden Themen, den entdeckten und noch unentdeckten Gestaden der Texte! Was von den inneren Regungen dringt ins Aussen vor, entäussert sich in einem Text? Welche Suchbewegung wird beim Schreiben verfolgt, beim Entdecken seiner versteckten Strukturen, seiner zufälligen Knoten und der vielen fruchtbaren Verzweigungen? So viel gibt es zu entdecken!&#xA;&#xA;Anders als Autor, Essayist, Buchkritiker oder Lektor benötigt der Fiktionaut nur sich selbst und sein Denken, seinen Schreibimpuls. Er schielt nicht nach der Verwertbarkeit seines Schaffens: er ist allein sich selbst und seinem (Nicht-) Können verantwortlich. Das Publikum bleibt aussen vor. Es mag beobachten und urteilen, doch bestimmt den Kurs der Reise niemals.&#xA;&#xA;Die Fiktionauten sind also als AbenteurerInnen, die den unermesslichen literarischen Vorstellungsraum durchmessen auf der Suche nach Geschichten, ihren Bedeutungen und Überlappungen. Ähnlich den Psychonauten, die auf ihrer Suche der Droge verfallen, verblendet sie das Atmen der Texte in der Unendlichkeit der Reise.&#xA;&#xA;#MicroEssay #Schreibarbeit #Literatur #Fiktionaut]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ein erster Versuch zum Begriff.</p>



<p>Die Bezeichnung “Fiktionaut” entstand, als mich die Bedeutung des Begriffs “Psychonauten” beschäftigte. E. Jünger bezeichnete damit jene Menschen, die sich (unter Drogeneinfluss) zu ihrer Reise in ihre “inneren Welten” aufgemacht hatten. Auf welche Reise begibt man sich nun als Schreibender, Autor, Schriftsteller? Welche Zonen müssen durchquert werden,  welche weisse Landkarten gefüllt, welches Handwerk erlernt, um zufriedenstellend reisen zu können? Reist man dabei alleine oder besser mit Gefährten?</p>

<p>Wohin also reist man? In die inneren Schreibwelten, zu den schlummernden Themen, den entdeckten und noch unentdeckten Gestaden der Texte! Was von den inneren Regungen dringt ins Aussen vor, entäussert sich in einem Text? Welche Suchbewegung wird beim Schreiben verfolgt, beim Entdecken seiner versteckten Strukturen, seiner zufälligen Knoten und der vielen fruchtbaren Verzweigungen? So viel gibt es zu entdecken!</p>

<p>Anders als Autor, Essayist, Buchkritiker oder Lektor benötigt der Fiktionaut nur sich selbst und sein Denken, seinen Schreibimpuls. Er schielt nicht nach der Verwertbarkeit seines Schaffens: er ist allein sich selbst und seinem (Nicht-) Können verantwortlich. Das Publikum bleibt aussen vor. Es mag beobachten und urteilen, doch bestimmt den Kurs der Reise niemals.</p>

<p>Die Fiktionauten sind also als AbenteurerInnen, die den unermesslichen literarischen Vorstellungsraum durchmessen auf der Suche nach Geschichten, ihren Bedeutungen und Überlappungen. Ähnlich den Psychonauten, die auf ihrer Suche der Droge verfallen, verblendet sie das Atmen der Texte in der Unendlichkeit der Reise.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MicroEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MicroEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Fiktionaut" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fiktionaut</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/fiktionaut-sein</guid>
      <pubDate>Wed, 19 Oct 2022 16:25:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>046 Taschendieb sein, oder wenigstens Voyeur!</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Haben Sie schon jemals in ihrem Leben die Lust verspürt, einen Ladendiebstahl zu begehen? Haben sie gar einen ohne zwingende Notwendigkeit begangen? Oder haben Sie die Taschendiebe gehasst, die Sie mit Chuzpe bestohlen haben aber sie doch insgeheim bewundert, weil es ihnen so mühelos gelungen ist?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Fall 1: Erregt sitzt der Erzähler von Stefan Zweigs Erzählung &#34;Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk&#34; (1931) in einem Café an einem Pariser Boulevard. Er verweilt inmitten des Trubels vorüberziehender Menschen, angespannt, alle minutiös beobachtend. Dann plötzlich, mit der Unbekümmertheit eines Müssiggängers, geniesst er, selbst unbemerkt, das Treiben eines Taschendiebs, bewundert seine Kunstfertigkeit, fiebert mit ihm, fürchtet, so wie sein Opfer, das Erscheinen der Polizei, die dem Treiben ein Ende bereiten könnte.  Die Erzählung ist in all ihrer Präzision und Ausführlichkeit eine fast quälend vergnügliche Beobachtung und Übung in literarischem Voyeurismus: Sitzen, beobachten, mitfiebern und dabei viel erregte Augenlust. Doch letzten Endes wird aus dem Beobachter ein Akteur, aus dem Voyeur ein Involvierter. Das Spiel bricht in sich zusammen, die Nähe zum Objekt wird untragbar.&#xA;&#xA;Fall 2: Ähnlich ausgeprägt  ist die Darstellung des Voyeurismus in Robert Bressons filmischen Meisterwerk &#34;Pickpocket&#34; aus dem Jahr 1959, aber mit deutlicher Akzentverschiebung. Roger Ebert verweist in seiner Interpretation auf den Zusammenhang von Narzismus, Voyeurismus und Sexualität im Verhalten des beobachteten Taschendiebs:&#xA;&#xA;  He gathers his narcissism around himself like a blanket. He sits in his garret and reads his books, and treasures an image of himself as a man so special that he is privileged to steal from others. Also, of course, he gets an erotic charge out of stealing.&#xA;&#xA;Dies sind Beobachtungen, die mir während des Ansehens von Bressots Film zunächst gar nicht aufgefallen waren; weil eben ich als Zuseher dieser Voyeur war, der dem Ballett der gezeigten Taschendiebe folgen durfte; weil ich mich offenbar im Narzissmus des Hauptdarstellers wiedererkannte und weil es so erregend war, ihn in seiner linkischen Überheblichkeit zu begleiten. Das zu erkennen, beschämte mich sehr. Ich erinnere mich an die Ladendiebstähle meiner Kindheit und an die Angst vor dem Entdeckt - Werden. Wie doch die Lust am Diebstahl meine Sinne überreizten!&#xA;&#xA;Fall 3: Dann der chinesische Film Pickpocket von  Jia Zhangke aus dem Jahr 1997. Auch er begleitet einen Taschendieb auf seiner Irrfahrt durch die Stadt, belässt den Anti-Helden aber fast in der Normalität eines interesselosen Jugendlichen. Kein geniesserische Beobachtung seiner Künste, nur spärliche Andeutungen. Im Gegenteil, der Dieb zeichnet sich durch verantwortungsvolles Handeln aus. Die Ausweise seiner Opfer wirft er in den Postkasten der nächsten Polizeistation.  Ein guter Krimineller, auf der Suche nach Läuterung von seinen Taten an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch dann wird er auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben. Vorbei ist es mit seiner Anonymität, seiner klandestinen Tätigkeit. Vom Polizeichef des Distrikts mit Handschellen an einen Mast gekettet, ist er den beschämenden Blicken und der Zudringlichkeit der Passanten preisgegeben. Der Albtraum eines jeden Taschendiebs: mittelalterlich anmutende Zurschaustellung! Öffentliche Demütigung. Das ist das Ende einer Existenz.&#xA;&#xA;#Voyeurismus #Film #Literatur #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Haben Sie schon jemals in ihrem Leben die Lust verspürt, einen Ladendiebstahl zu begehen? Haben sie gar einen ohne zwingende Notwendigkeit begangen? Oder haben Sie die Taschendiebe gehasst, die Sie mit Chuzpe bestohlen haben aber sie doch insgeheim bewundert, weil es ihnen so mühelos gelungen ist?</p>



<p>Fall 1: Erregt sitzt der Erzähler von Stefan Zweigs Erzählung “Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk” (1931) in einem Café an einem Pariser Boulevard. Er verweilt inmitten des Trubels vorüberziehender Menschen, angespannt, alle minutiös beobachtend. Dann plötzlich, mit der Unbekümmertheit eines Müssiggängers, geniesst er, selbst unbemerkt, das Treiben eines Taschendiebs, bewundert seine Kunstfertigkeit, fiebert mit ihm, fürchtet, so wie sein Opfer, das Erscheinen der Polizei, die dem Treiben ein Ende bereiten könnte.  Die Erzählung ist in all ihrer Präzision und Ausführlichkeit eine fast quälend vergnügliche Beobachtung und Übung in literarischem Voyeurismus: Sitzen, beobachten, mitfiebern und dabei viel erregte Augenlust. Doch letzten Endes wird aus dem Beobachter ein Akteur, aus dem Voyeur ein Involvierter. Das Spiel bricht in sich zusammen, die Nähe zum Objekt wird untragbar.</p>

<p>Fall 2: Ähnlich ausgeprägt  ist die Darstellung des Voyeurismus in Robert Bressons filmischen Meisterwerk “Pickpocket” aus dem Jahr 1959, aber mit deutlicher Akzentverschiebung. Roger Ebert verweist in seiner <a href="https://www.rogerebert.com/reviews/great-movie-pickpocket-1959" title="Interpretation">Interpretation</a> auf den Zusammenhang von Narzismus, Voyeurismus und Sexualität im Verhalten des beobachteten Taschendiebs:</p>

<blockquote><p><em>He gathers his narcissism around himself like a blanket. He sits in his garret and reads his books, and treasures an image of himself as a man so special that he is privileged to steal from others. Also, of course, he gets an erotic charge out of stealing.</em></p></blockquote>

<p>Dies sind Beobachtungen, die mir während des Ansehens von Bressots Film zunächst gar nicht aufgefallen waren; weil eben ich als Zuseher dieser Voyeur war, der dem Ballett der gezeigten Taschendiebe folgen durfte; weil ich mich offenbar im Narzissmus des Hauptdarstellers wiedererkannte und weil es so erregend war, ihn in seiner linkischen Überheblichkeit zu begleiten. Das zu erkennen, beschämte mich sehr. Ich erinnere mich an die Ladendiebstähle meiner Kindheit und an die Angst vor dem Entdeckt – Werden. Wie doch die Lust am Diebstahl meine Sinne überreizten!</p>

<p>Fall 3: Dann der chinesische Film Pickpocket von  Jia Zhangke aus dem Jahr 1997. Auch er begleitet einen Taschendieb auf seiner Irrfahrt durch die Stadt, belässt den Anti-Helden aber fast in der Normalität eines interesselosen Jugendlichen. Kein geniesserische Beobachtung seiner Künste, nur spärliche Andeutungen. Im Gegenteil, der Dieb zeichnet sich durch verantwortungsvolles Handeln aus. Die Ausweise seiner Opfer wirft er in den Postkasten der nächsten Polizeistation.  Ein guter Krimineller, auf der Suche nach Läuterung von seinen Taten an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch dann wird er auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben. Vorbei ist es mit seiner Anonymität, seiner klandestinen Tätigkeit. Vom Polizeichef des Distrikts mit Handschellen an einen Mast gekettet, ist er den beschämenden Blicken und der Zudringlichkeit der Passanten preisgegeben. Der Albtraum eines jeden Taschendiebs: mittelalterlich anmutende Zurschaustellung! Öffentliche Demütigung. Das ist das Ende einer Existenz.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Voyeurismus" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Voyeurismus</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Film" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Film</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/taschendieb-sein-oder-wenigstens-voyeur</guid>
      <pubDate>Tue, 18 Oct 2022 08:29:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>041 Entblössung im Autofiktionalen</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/039-entblossung-im-autofiktionalen?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Annie Ernaux&#39; Super 8 Tagebücher der Jahre 1972 - 1981&#xA;&#xA;Wer je einen Film des us-amerikanischen Regisseurs Chris Marker gesehen hat, weiss, was einen Filmessay auf höchstem Niveau ausmacht: das ständige Kreisen von Kamera, Bild und der Kommentare aus dem Off um ein gesellschaftlich bedeutsames Thema, eine fast somnambule Gedankenbewegung, die uns mitnimmt in das Träumen von Bedeutsamem. Davon können wir aber diesmal leider nicht sprechen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Rede ist vielmehr davon, wie selbst  eine kluge Kommentierung von Super 8 Aufnahmen der eigenen Familie nur mittelmässige Filme zu produzieren vermag, selbst wenn diese von einer frisch gebackenen Literatur - Nobelpreisträgerin stammen. Die Rede ist von Annie Ernaux&#39; Super 8 - Tagebüchern, eine sechzig Minuten dauernde Filmcollage aus dem Jahr 2022, die Familienaufnahmen von 1972 bis 1981 zum Inhalt hat. Diese kommentiert die Autorin und Mutter der Familie mit vornehm zurückhaltender Distanz. Ein Kunstwerk ist dieser Film deshalb noch lange nicht.&#xA;&#xA;Wahrscheinlich ist dieser Film auch nur erwähnenswert, weil er uns das Leben einer Nobelpreisträgerin auf intime Art näher bringen will: das Privatleben wohlgemerkt, nicht die literarischen Nöte und Freuden einer Autorin, die unentwegt Autofiktionales geschrieben hat und für diese literarische Selbstbespiegelung nun geehrt wird. Wenn es also schon Autofiktionales sein muss, quasi als Honneurs an diese in Narzissmus befangene Gegenwart, warum nicht über den literarischen Schaffensprozess sprechen, der vom eigenen Familienleben so unliebsam gestört wird? Nein, es ist diese gnadenlose Selbstausbeutung seiner eigenen Privatsphäre, die das Publikum so liebt, weil es gerne den Anderen vorgeführt bekommt als Subjekt von Emotion und Krise.&#xA;&#xA;Im gegenständlichen Film wird die Zeigefreudigkeit und Selbstentblödung einer Autorin sogar noch verführerischer, liefert diese das Augenmaterial doch gleich mit, das in der Privatheit ihrer Familie entstanden ist. So kommen Bild, Ton und Schrift doch kongenial zusammen zur lüsternen Erbauung.  Wie weit will Annie Ernaux denn noch gehen, denkt man und macht sich fast Sorgen um die Privatsphäre dieser über achtzig jährigen alten Frau. Wird sie uns auch noch einen Roman über ihre eigene Vergänglichkeit liefern, nachdem sie uns jetzt ihre Jugend, den Ehemann, die Mutter und ihre beiden Söhne auf dem Präsentierteller serviert hat?&#xA;&#xA;Wo aber kann denn Autofiktionales seine Wirkung abseits von Voyeuristischem entfalten? Vielleicht dort, wo sich Privates und Politisches treffen, wo die eigene Lebensgeschichte die Widersprüche zu erkennen glaubt, die das Individuum in seinem Leben erfährt? Aber auch diese Chance vergibt dieser Film, erwähnt er doch nur das an Politischem, dem wir damals auch selbst begegnet sind, ohne es zu durchdenken: Den Verlust der Natur, den Urlauben in Ländern mit Unrechtsregimen, die von den USA unterstützen Putschversuche von Diktatoren, die Grösse Russlands etc. Aber, das alles wissen wir doch schon! War das wirklich alles, was es darüber zu sagen gibt, was sie uns da aus dem Off geheimnisvoll mitteilt? Junge ZuseherInnen werden vielleicht in Wikipedia nachschlagen wollen oder die demokratischen Gemeinplätze ganz einfach übersehen. Das Politische verpufft bei Ernaux&#39; Film im linksliberalen Gemeinplatz: so bleibt alles dem Privaten  untergeordnet.&#xA;&#xA;Am Ende des Filmes vermerkt die Autorin, dass ihr Mann nach der Trennung die gemeinsam angeschaffte Kamera mit sich genommen hat: nur Projektor und Filme verblieben bei ihr. Er hätte sie auf diese Weise zur Wächterin der Familienaufnahmen, der Familiengeschichte gemacht. Nun denn, wir wissen nun, in welcher Weise sie diese Aufgabe wahrgenommen hat.&#xA;&#xA;#MiniEssay #Literatur #Film #AnnieErnaux #Nobelpreis]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Annie Ernaux&#39; Super 8 Tagebücher der Jahre 1972 – 1981</strong></p>

<p>Wer je einen Film des us-amerikanischen Regisseurs Chris Marker gesehen hat, weiss, was einen Filmessay auf höchstem Niveau ausmacht: das ständige Kreisen von Kamera, Bild und der Kommentare aus dem Off um ein gesellschaftlich bedeutsames Thema, eine fast somnambule Gedankenbewegung, die uns mitnimmt in das Träumen von Bedeutsamem. Davon können wir aber diesmal leider nicht sprechen.</p>



<p>Die Rede ist vielmehr davon, wie selbst  eine kluge Kommentierung von Super 8 Aufnahmen der eigenen Familie nur mittelmässige Filme zu produzieren vermag, selbst wenn diese von einer frisch gebackenen Literatur – Nobelpreisträgerin stammen. Die Rede ist von Annie Ernaux&#39; Super 8 – Tagebüchern, eine sechzig Minuten dauernde Filmcollage aus dem Jahr 2022, die Familienaufnahmen von 1972 bis 1981 zum Inhalt hat. Diese kommentiert die Autorin und Mutter der Familie mit vornehm zurückhaltender Distanz. Ein Kunstwerk ist dieser Film deshalb noch lange nicht.</p>

<p>Wahrscheinlich ist dieser Film auch nur erwähnenswert, weil er uns das Leben einer Nobelpreisträgerin auf intime Art näher bringen will: das Privatleben wohlgemerkt, nicht die literarischen Nöte und Freuden einer Autorin, die unentwegt Autofiktionales geschrieben hat und für diese literarische Selbstbespiegelung nun geehrt wird. Wenn es also schon Autofiktionales sein muss, quasi als Honneurs an diese in Narzissmus befangene Gegenwart, warum nicht über den literarischen Schaffensprozess sprechen, der vom eigenen Familienleben so unliebsam gestört wird? Nein, es ist diese gnadenlose Selbstausbeutung seiner eigenen Privatsphäre, die das Publikum so liebt, weil es gerne den Anderen vorgeführt bekommt als Subjekt von Emotion und Krise.</p>

<p>Im gegenständlichen Film wird die Zeigefreudigkeit und Selbstentblödung einer Autorin sogar noch verführerischer, liefert diese das Augenmaterial doch gleich mit, das in der Privatheit ihrer Familie entstanden ist. So kommen Bild, Ton und Schrift doch kongenial zusammen zur lüsternen Erbauung.  Wie weit will Annie Ernaux denn noch gehen, denkt man und macht sich fast Sorgen um die Privatsphäre dieser über achtzig jährigen alten Frau. Wird sie uns auch noch einen Roman über ihre eigene Vergänglichkeit liefern, nachdem sie uns jetzt ihre Jugend, den Ehemann, die Mutter und ihre beiden Söhne auf dem Präsentierteller serviert hat?</p>

<p>Wo aber kann denn Autofiktionales seine Wirkung abseits von Voyeuristischem entfalten? Vielleicht dort, wo sich Privates und Politisches treffen, wo die eigene Lebensgeschichte die Widersprüche zu erkennen glaubt, die das Individuum in seinem Leben erfährt? Aber auch diese Chance vergibt dieser Film, erwähnt er doch nur das an Politischem, dem wir damals auch selbst begegnet sind, ohne es zu durchdenken: Den Verlust der Natur, den Urlauben in Ländern mit Unrechtsregimen, die von den USA unterstützen Putschversuche von Diktatoren, die Grösse Russlands etc. Aber, das alles wissen wir doch schon! War das wirklich alles, was es darüber zu sagen gibt, was sie uns da aus dem Off geheimnisvoll mitteilt? Junge ZuseherInnen werden vielleicht in Wikipedia nachschlagen wollen oder die demokratischen Gemeinplätze ganz einfach übersehen. Das Politische verpufft bei Ernaux&#39; Film im linksliberalen Gemeinplatz: so bleibt alles dem Privaten  untergeordnet.</p>

<p>Am Ende des Filmes vermerkt die Autorin, dass ihr Mann nach der Trennung die gemeinsam angeschaffte Kamera mit sich genommen hat: nur Projektor und Filme verblieben bei ihr. Er hätte sie auf diese Weise zur Wächterin der Familienaufnahmen, der Familiengeschichte gemacht. Nun denn, wir wissen nun, in welcher Weise sie diese Aufgabe wahrgenommen hat.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Film" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Film</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:AnnieErnaux" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">AnnieErnaux</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Nobelpreis" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Nobelpreis</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/039-entblossung-im-autofiktionalen</guid>
      <pubDate>Sun, 09 Oct 2022 21:40:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>039 Beziehungsstatus: gestört. Eine vorgetäuschte Ausstellung.</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/037-beziehungsstatus-gestort?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Zur Ausstellung &#34;Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee&#34;. Zeppelin-Museum, Friedrichshafen.&#xA;&#xA;Eine eigenartige Ausstellung! Ich hatte viel mehr erwartet, etwa einen nachdrücklichen Eindruck in das Geistesleben am Bodensee. Nicht nur das bleibt die Ausstellung schuldig. Tatsächlich frage ich, irritiert ob der Beschränktheit des Gesehenen, eine Museumsaufseherin, ob es im zweiten Stock des Museums eine Fortsetzung des gerade Begonnenen gäbe? Sie verneint verwundert. Nun ist es aber so, dass die Ankündigung der Ausstellung eine komplette Ausstellung versprochen hatte, mit Themen, die nun nicht einmal als Erwähnung auftauchen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Tatsächlich ist dies eines der offensichtlichen Charakteristika der Ausstellung: das Fehlen grossspurig angekündigter Themen. Diese eigenartige Unvollständigkeit wirkt geradezu strukturbildend. Manches ist breit angelegt, etwa die (kaum begründete) Parallelisierung des Wirkens von Annette Droste-Hülshoff und der Heiligenmalerin Marie Ellenrieder. Anderes verkümmert hingegen und wird nicht einmal angerissen, etwa die Beiträge Walsers, Hesses oder Jüngers zur sgn. &#34;Bodenseeliteratur&#34;. Alles wirkt so, als hätte man auszustellen begonnen und plötzlich die Lust an der Umsetzung des Konzepts verloren. Es wirkt wie auf dem Gelände einer Bauruine: eine blosse Andeutung, was hätte werden können. Dann, in einer protzig aufbereiteten Ecke des Saales das gross aufgeblasene, wandhohe Schaubild der Beziehungen von KünstlerInnen über den Bodensee hinweg. Ein Spinnennetz des Austausches, von dessen Themen wir gerne hier erfahren hätten. Auch das bleibt ungesagt und erscheint wie eine Gedankenskizze von etwas, was man später ausführen will.&#xA;&#xA;Auch die Ankündigung, vor Ort in Büchern stöbern und lesen zu können, ist ein leeres Versprechen geblieben. Kaum gibt es ausreichend Licht zur mühelosen Lektüre, denn der Raum ist in ein eigenartiges Dämmerlicht gehüllt. Wohnzimmeratmosphäre wurde wohl angestrebt. Viele der aufgestellten Leselampen sind Attrappen. Das sieht nett aus, man sieht aber nichts oder muss sich durch an den Fenstern zum See herein flutendes Licht blenden lassen. Indes tratschen AufseherInnen inmitten des Raumes ungehemmt über Alltagskram. Ein kühler Durchzug beherrscht den Raum, denn gelüftet muss wohl werden. An Lesen und Nachdenken ist angesichts dieser Hindernisse nicht zu denken.&#xA;&#xA;Wie naiv von mir; ich habe vor einigen Monaten, als ich von der Ausstellung hörte, begonnen, Bodensee relevante Literatur gelesen. Ich wollte mich vorbereiten, die Ausstellung besser verstehen und geniessen. Jetzt wünsche ich mich in die eigenen vier Wände zurück, wo die Kultur zu Hause ist und nicht, wie in dieseR Ausstellung nur Anlass für Verärgerung geboten wird.&#xA;&#xA;Eine Vermutung sei hier ausgesprochen: Vielleicht rufen deshalb die Ausstellungsmacher so sehr nach partizipativer Kunstvermittlung, weil sie selbst kaum etwas zu bieten haben?  Die Einladung an das Publikum etwa, sich zum Bodensee Thema Bodensee künstlerisch zu äussern, war mehr als kontraproduktiv. Das Ergebnis dieses &#34;Calls&#34; nimmt die Hälfte der Ausstellungsfläche ein und ist von geringer, den Kulturkundigen beleidigender Qualität: ein wenig Tier- und Landschaftsbilder und esoterischer Klimbim. Kuratieren wollten die beiden Kuratorinnen dies auch nicht, der Publikumsgeschmack sollte entscheiden. Das ist vielleicht Demokratie aber nicht Verantwortlichkeit.&#xA;&#xA;Wer also nach einer Ausstellung gesucht hat, findet nur Dilletantismus vor. Schade, die Idee war gut, die KuratorInnen schlecht.&#xA;&#xA;#Literatur #Bodensee #ZeppelinMuseum #MiniEssay]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zur Ausstellung “Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee”. Zeppelin-Museum, Friedrichshafen.</strong></p>

<p>Eine eigenartige Ausstellung! Ich hatte viel mehr erwartet, etwa einen nachdrücklichen Eindruck in das Geistesleben am Bodensee. Nicht nur das bleibt die Ausstellung schuldig. Tatsächlich frage ich, irritiert ob der Beschränktheit des Gesehenen, eine Museumsaufseherin, ob es im zweiten Stock des Museums eine Fortsetzung des gerade Begonnenen gäbe? Sie verneint verwundert. Nun ist es aber so, dass die Ankündigung der Ausstellung eine komplette Ausstellung versprochen hatte, mit Themen, die nun nicht einmal als Erwähnung auftauchen.</p>



<p>Tatsächlich ist dies eines der offensichtlichen Charakteristika der Ausstellung: das Fehlen grossspurig angekündigter Themen. Diese eigenartige Unvollständigkeit wirkt geradezu strukturbildend. Manches ist breit angelegt, etwa die (kaum begründete) Parallelisierung des Wirkens von Annette Droste-Hülshoff und der Heiligenmalerin Marie Ellenrieder. Anderes verkümmert hingegen und wird nicht einmal angerissen, etwa die Beiträge Walsers, Hesses oder Jüngers zur sgn. “Bodenseeliteratur”. Alles wirkt so, als hätte man auszustellen begonnen und plötzlich die Lust an der Umsetzung des Konzepts verloren. Es wirkt wie auf dem Gelände einer Bauruine: eine blosse Andeutung, was hätte werden können. Dann, in einer protzig aufbereiteten Ecke des Saales das gross aufgeblasene, wandhohe Schaubild der Beziehungen von KünstlerInnen über den Bodensee hinweg. Ein Spinnennetz des Austausches, von dessen Themen wir gerne hier erfahren hätten. Auch das bleibt ungesagt und erscheint wie eine Gedankenskizze von etwas, was man später ausführen will.</p>

<p>Auch die Ankündigung, vor Ort in Büchern stöbern und lesen zu können, ist ein leeres Versprechen geblieben. Kaum gibt es ausreichend Licht zur mühelosen Lektüre, denn der Raum ist in ein eigenartiges Dämmerlicht gehüllt. Wohnzimmeratmosphäre wurde wohl angestrebt. Viele der aufgestellten Leselampen sind Attrappen. Das sieht nett aus, man sieht aber nichts oder muss sich durch an den Fenstern zum See herein flutendes Licht blenden lassen. Indes tratschen AufseherInnen inmitten des Raumes ungehemmt über Alltagskram. Ein kühler Durchzug beherrscht den Raum, denn gelüftet muss wohl werden. An Lesen und Nachdenken ist angesichts dieser Hindernisse nicht zu denken.</p>

<p>Wie naiv von mir; ich habe vor einigen Monaten, als ich von der Ausstellung hörte, begonnen, Bodensee relevante Literatur gelesen. Ich wollte mich vorbereiten, die Ausstellung besser verstehen und geniessen. Jetzt wünsche ich mich in die eigenen vier Wände zurück, wo die Kultur zu Hause ist und nicht, wie in dieseR Ausstellung nur Anlass für Verärgerung geboten wird.</p>

<p>Eine Vermutung sei hier ausgesprochen: Vielleicht rufen deshalb die Ausstellungsmacher so sehr nach partizipativer Kunstvermittlung, weil sie selbst kaum etwas zu bieten haben?  Die Einladung an das Publikum etwa, sich zum Bodensee Thema Bodensee künstlerisch zu äussern, war mehr als kontraproduktiv. Das Ergebnis dieses “Calls” nimmt die Hälfte der Ausstellungsfläche ein und ist von geringer, den Kulturkundigen beleidigender Qualität: ein wenig Tier- und Landschaftsbilder und esoterischer Klimbim. Kuratieren wollten die beiden Kuratorinnen dies auch nicht, der Publikumsgeschmack sollte entscheiden. Das ist vielleicht Demokratie aber nicht Verantwortlichkeit.</p>

<h2 id="wer-also-nach-einer-ausstellung-gesucht-hat-findet-nur-dilletantismus-vor-schade-die-idee-war-gut-die-kuratorinnen-schlecht" id="wer-also-nach-einer-ausstellung-gesucht-hat-findet-nur-dilletantismus-vor-schade-die-idee-war-gut-die-kuratorinnen-schlecht">Wer also nach einer Ausstellung gesucht hat, findet nur Dilletantismus vor. Schade, die Idee war gut, die KuratorInnen schlecht.</h2>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Bodensee" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Bodensee</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:ZeppelinMuseum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ZeppelinMuseum</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:MiniEssay" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">MiniEssay</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/037-beziehungsstatus-gestort</guid>
      <pubDate>Thu, 06 Oct 2022 20:11:15 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>030 Das Gleichnis vom Sämann</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Besser versteht man das Buch von Octaiva E. Butler: Die Parabel vom Sämann (1995), wenn man eben dieses Gleichnis in der Bibel aufsucht und zu begreifen beginnt, welche Auseinandersetzungen der Heldin des Romanes bevorstehen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Das Evangelium nach Markus, Kapitel 41ff.&#xA;&#xA;  Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:&#xA;&#xA;Das Gleichnis vom Sämann&#xA;&#xA;  Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen&#39;s auf.&#xA;  Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.&#xA;  Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten&#39;s, und es brachte keine Frucht.&#xA;  Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.&#xA;  Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!&#xA;&#xA;Vom Sinn der Gleichnisse&#xA;&#xA;  Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.&#xA;&#xA;Die Deutung des Gleichnisses&#xA;&#xA;  Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort. Diese aber sind es, die an dem Wege sind:&#xA;  Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war.&#xA;  Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen&#39;s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.&#xA;&#xA;#Bibel #Literatur #OctaviaEButler]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Besser versteht man das Buch von <em>Octaiva E. Butler: Die Parabel vom Sämann (1995)</em>, wenn man eben dieses Gleichnis in der Bibel aufsucht und zu begreifen beginnt, welche Auseinandersetzungen der Heldin des Romanes bevorstehen.</strong></p>



<p><strong>Das Evangelium nach Markus, Kapitel 41ff.</strong></p>

<blockquote><p>Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen:</p></blockquote>

<p><strong>Das Gleichnis vom Sämann</strong></p>

<blockquote><p>Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen&#39;s auf.
Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.
Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten&#39;s, und es brachte keine Frucht.
Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.
Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!</p></blockquote>

<p><strong>Vom Sinn der Gleichnisse</strong></p>

<blockquote><p>Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.</p></blockquote>

<p><strong>Die Deutung des Gleichnisses</strong></p>

<blockquote><p>Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort. Diese aber sind es, die an dem Wege sind:
Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war.
Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen&#39;s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.</p></blockquote>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Bibel" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Bibel</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:OctaviaEButler" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">OctaviaEButler</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/das-gleichnis-vom-samann</guid>
      <pubDate>Sun, 05 Jun 2022 10:53:35 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>028 Post.Anthropozän, Teil 2</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse&#xA;&#xA;(5) Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Dieses Paradigma gilt natürlich auch für Donna J. Garaways Begrifflichkeit vom Chtuluzän.:&#xA;&#xA;  Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)&#xA;&#xA;ist bei Rosa Kissel zu lesen.&#xA;&#xA;(6) Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese &#34;Fehlleistung&#34; der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?&#xA;&#xA;(7) Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa VHEMT, die sich hymnisch und problemlösend gebende Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän #Chtuluzän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse</strong></p>

<p><strong>(5)</strong> Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.</p>



<p>Dieses Paradigma gilt natürlich auch für <strong>Donna J. Garaways</strong> Begrifflichkeit vom <strong>Chtuluzän.</strong>:</p>

<blockquote><p>Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)</p></blockquote>

<p><a href="https://anthropocene.hypotheses.org/tag/chthuluzaen">ist bei Rosa Kissel zu lesen</a>.</p>

<p><strong>(6)</strong> Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene <strong>Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung</strong>. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese “Fehlleistung” der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?</p>

<p><strong>(7)</strong> Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa <strong>VHEMT</strong>, die sich hymnisch und problemlösend gebende <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Voluntary_Human_Extinction_Movement">Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit</a>. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Chtuluz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Chtuluzän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/028-post-anthropozan-teil-2</guid>
      <pubDate>Wed, 01 Jun 2022 23:53:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>027 Post.Anthropozän, Teil 1</title>
      <link>https://zettelwerk.writeas.com/025-post-anthropozan-teil-1?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;(0) Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die grüne Wüste nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.&#xA;&#xA;Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.&#xA;&#xA;(1) Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das &#34;Denken&#34; (die &#34;Intelligenz&#34;) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich Gleiter fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?&#xA;&#xA;(2) Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten &#34;rationalen&#34; Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem Wie lange?. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?&#xA;&#xA;(3) Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.&#xA;&#xA;(4) Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné - aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.&#xA;&#xA;(Fortsetzung folgt)&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?</strong></p>



<p><strong>(0)</strong> Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die <em>grüne Wüste</em> nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.</p>

<p>Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.</p>

<p><strong>(1)</strong> Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das “Denken” (die “Intelligenz”) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich <em>Gleiter</em> fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?</p>

<p><strong>(2)</strong> Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten “rationalen” Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem <em>Wie lange?</em>. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?</p>

<p><strong>(3)</strong> Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.</p>

<p><strong>(4)</strong> Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné – aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.</p>

<p>(Fortsetzung folgt)</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/025-post-anthropozan-teil-1</guid>
      <pubDate>Mon, 30 May 2022 21:40:46 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>025 Blauer Himmel, grüne Erde</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Jetzt klärt sich auf der Titel des Buches von Ruth Blum auf. Er ist nicht bloss ein Hinweis auf die Landschaft des #Klettgaus, sondern bezeichnet auch die zwei Prinzipien, denen die Heranwachsende Regine folgt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Hier das Zitat:&#xA;&#xA;  Der Grossvater liebte den blauen Himmel mit seinem märchenhaften Kornblumenglanz, seinen tönenden Melodien. Die Grossmutter aber hatte sich vollkommen der grünen Erde verschrieben. Zwischen Himmel und Erde lag manche Gewitterschwüle, zuckten viele Blitze auf; doch sie verebbten - und die Wolken zerrannen wieder und zerflossen im seidenweichen Blau, welches die grünenden, blühenden Felder bestrahlte.&#xA;  Törichtes Beginnen zu fragen, welche der beiden Welten die meine wäre, die blaue oder die grüne.  Ich trug sie beide tief im Herzen, strebte beiden nach.  Nur war die eine Honigseim und die andere lediglich das kraftvolle Bauernbrot des täglichen Lebens.&#xA;&#xA;Noch ein weiteres Gegensatzpaar kommt in diesem Bild zum Ausdruck: das zwischen der städtischen Kultur mit seinen Möglichkeiten für Kunst und Kultur und das der Provinz, die nichts davon kennen will, weil sie keinen Platz dafür findet.&#xA;&#xA;#RuthBlum #Literatur #Klettgau]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Jetzt klärt sich auf der Titel des Buches von Ruth Blum auf. Er ist nicht bloss ein Hinweis auf die Landschaft des <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Klettgaus" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Klettgaus</span></a>, sondern bezeichnet auch die zwei Prinzipien, denen die Heranwachsende Regine folgt.</strong></p>



<p>Hier das Zitat:</p>

<blockquote><p>Der Grossvater liebte den blauen Himmel mit seinem märchenhaften Kornblumenglanz, seinen tönenden Melodien. Die Grossmutter aber hatte sich vollkommen der grünen Erde verschrieben. Zwischen Himmel und Erde lag manche Gewitterschwüle, zuckten viele Blitze auf; doch sie verebbten – und die Wolken zerrannen wieder und zerflossen im seidenweichen Blau, welches die grünenden, blühenden Felder bestrahlte.
Törichtes Beginnen zu fragen, welche der beiden Welten die meine wäre, die blaue oder die grüne.  Ich trug sie beide tief im Herzen, strebte beiden nach.  Nur war die eine Honigseim und die andere lediglich das kraftvolle Bauernbrot des täglichen Lebens.</p></blockquote>

<p>Noch ein weiteres Gegensatzpaar kommt in diesem Bild zum Ausdruck: das zwischen der städtischen Kultur mit seinen Möglichkeiten für Kunst und Kultur und das der Provinz, die nichts davon kennen will, weil sie keinen Platz dafür findet.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:RuthBlum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">RuthBlum</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Klettgau" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Klettgau</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/023-blauer-himmel-grune-erde</guid>
      <pubDate>Sun, 22 May 2022 21:22:37 +0000</pubDate>
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      <title>022 Über Grenzüberschreitungen 2</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.&#xA;&#xA;&#34;Grenze&#34; ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Ein Philosoph sieht das so:&#xA;&#xA;  Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung.&#xA;  Konrad Paul Liessmann in einem Interview mit brand eins&#xA;&#xA;Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der &#34;Grenze&#34; bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt,  als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.&#xA;&#xA;Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in  &#34;The Dispossessed&#34; gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.&#xA;&#xA;Nur der eine &#34;Landesverräter&#34; wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.&#xA;&#xA;Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das &#34;Gefängnis&#34;, die &#34;Trostlosigkeit&#34; immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?&#xA;&#xA;#Literatur #Solarpunk #RuthBlum #LeGuin #Grenzen]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir haben aus der Erfahrung der jungen Regine in Ruth Blums Buch gelernt, wie politische Grenzen aufgeweicht werden können und: wie sie einerseits das Selbst begrenzen und andrerseits zu ihrer Überschreitung verleiten.</strong></p>

<p>“Grenze” ist also sowohl Einschränkung als auch potentielle Freiheitserfahrung. Warum aber?</p>



<p>Ein Philosoph sieht das so:</p>

<blockquote><p>Weil Grenzen als menschengemachte Konventionen nie absolut sind, sondern die Grenzüberschreitung immer möglich machen. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen, faustisch gesprochen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieses Verhalten beschreibt letztlich den Kern der menschlichen Entwicklung.
<a href="https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2013/grenzen/ohne-grenzen-koennten-wir-nicht-leben">Konrad Paul Liessmann</a> in einem Interview mit <em>brand eins</em></p></blockquote>

<p>Das haben wir schon beobachtet, als das Mädchen Regina durch das Überschreiten der Grenze und Bertreten eines Landes im Krieg die Durchlässigkeit des von den Erwachsenen festgesetzten Status erfahren hat. Und tatsächlich ist die Grenzerfahrung ambivalent: das Mädchen begibt sich einerseits in Gefahr, als sie sich verirrt und auch noch von flüchtenden französischen Kriegsgefangenen an der “Grenze” bedroht wird. Und nun hat auch sie (symbolisch) zum ersten Mal den möglichen Tod erblickt,  als sie dunkel gekleidete Frauen bei einem Begräbnis beobachtet. Aber sie erfährt auch, dass Grenzen überschritten werden können: die Möglichkeit ist da. Damit symbolisiert Ruth Blum geschickt, wie sich der Autonomiespielraum eines jungen Menschen erweitert, was jedoch immer auch ein Stück Gefährdung darstellt, eben entblösst zu sein vom Schutz durch Erwachsene und allein gestellt zu sein auf sich.</p>

<p>Wie unüberwindlich Grenzen gesetzt werden können zeigt Ursula K Le Guin in  “The Dispossessed” gleich im ersten Kapitel. Entlang jenes Ortes, wo die Raumschiffe von ausserhalb landen, wurde eine Mauer gebaut, mehr der Wahrnehmung halber als der Absperrung wegen. Eigentlich könnte man diese leicht überwinden, doch keiner tut es, schon seit Generationen nicht. Neugier auf das Jenseitige gibt es schon, aber keinen Wunsch, sie zu überschreiten. Man beobachtet lieber, auf der Mauer sitzend wie in einem Theaterstück.</p>

<p>Nur der eine “Landesverräter” wird von einem Trupp Soldaten vom Heimatplaneten in ein Raumschiff verbracht: zur Reise in die andere Welt, in die er unter Polizeischutz und -gewalt emigriert. Aber damit ist er die grosse, skandalöse Ausnahme und erregt öffentlichen Unmut, ja Gewalt. Würde man von dem Techniken des Mordes und des Aufstands wissen, könnte man sie auch anwenden. Der Verräter droht das allgemeine Selbstverständnis zu untergraben. Aber Mann und Frau bleiben letztendlich in sich gefangen.</p>

<p>Und ein weiterer Aspekt der Grenze wird bei Le Guin angesprochen: je nachdem auf welcher Seite man sich befindet, sieht man unterschiedliche Dinge und beurteilt man sie anders. Ist das “Gefängnis”, die “Trostlosigkeit” immer jenseits der Mauer? Ist das Andere automatisch zum Unverständnis und zur Gegnerschaft verdammt?</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Solarpunk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Solarpunk</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:RuthBlum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">RuthBlum</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:LeGuin" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">LeGuin</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Grenzen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Grenzen</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/021-uber-grenzuberschreitungen-2</guid>
      <pubDate>Tue, 17 May 2022 18:57:46 +0000</pubDate>
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