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    <title>Schreibarbeit &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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    <description>Notizen eines Fiktionauten.</description>
    <pubDate>Mon, 27 Apr 2026 06:58:18 +0000</pubDate>
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      <title>Schreibarbeit &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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      <title>073 Figurenkabinett 06: Biostras</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Der Begriff Biostras bezeichnet die Gruppe der Astrobiologen, die auf einem der in meinem Roman genannten Raumschiffe reisen, vielleicht zwei bis drei Personen. Einerseits bedienen sie die Terrasphärenkammer des Raumschiffs, um die Passagiere auf ihren langen Reisen Gelegenheit zur Orientierung in ihrem Menschsein zu geben. &#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Denn das Leben und Wachsen und sich Verändern von Natur ausserhalb des Menschen ist Teil seiner Menschlichkeit und seiner Identität. Das schien, zumindest zu Beginn, einer der Glaubenssätze von Earthseed zu sein. Dadurch, dass die Asche der Urmutter Laura Olamina auf einem der Raumschiffe mitgeführt wird, erhält diese Hypothese auch eine zusätzliche, fast religiös verbrämte Bedeutung. Laut Testament wurde sie im Biotop des Raumschiffes verbracht, um die &#34;neue Saat&#34;  pflanzen: &#34;Heilige Erde, heilige Pflanzen!&#34;. Originalzitat:&#xA;&#xA;  I will go with the first ship to leave after my death. If I thought I could survive as something other than a burden, I would go on this one, alive. No matter. Let them someday use my ashes to fertilize their crops. Let them do that. It&#39;s arranged. I&#39;ll go and they will give me to their orchards and their groves. (S.833)&#xA;&#xA;Werden jene Pflanzen verzehrt, die ursprünglich mit der Asche der Grossen Mutter gepflanzt wurden, so nimmt man auch den Geist der Schriften und den Geist der Seherin in sich auf. Damit wird der Verzehr von derart verzehrten Pflanzen zum Heiligen Akt, zur Affirmation von Earthseed auf einer spirituellenn Ebene.&#xA;&#xA;So werden die Astrobiologen zu Hohepriester:innen von Earthseed. Sie werden zum Bestandteil einer säkularisierten Religion und ersetzen mit ihrer Ideologie den Nutzeffekt von Natur für Erholung und Entspannung durch naturreligiöser Aufladung. Die terrestrische Natur darf nicht sterben, auch wenn sie im Weltraum keine Chance auf eine Fortführung in ihren ursprünglichen Charakteristik hat. Denn wenn die terrestrische Natur stirbt, stirbt auch ein Teil der sozialen Natur des Menschen. Und was könnte sie dann ersetzen? Eng verknüpft sich dieser Glaube mit dem Ritual, das mit der Bewimperten Blutsphäre tradiert wird. Damit wird auch der Schöpfer dieser Hybridpflanze in die Handlung eingeführt. Sein Name ist Aleks Sajdar.&#xA;&#xA;Die Aufgabe der Biostras besteht zunächst darin, für das Überleben bestimmter Pflanzen und Tiergattungen im Raumschiff zu sorgen und bestimmte Gemüse- und Obstsorten anzupflanzen. Dafür sind sie einem strengen Regelwerk verpflichtet.  Andrerseits sind sie auch für die Erforschung von Leben im Weltraum und hier vor allem auf Exoplaneten zuständig. Der Status der Biostras ist heilig, ihr Überleben auf der langen Reise nach dem des Kapitäns und der Offiziere ist deshalb von höchster Priorität. Sie sind quasi unantastbar und müssen sich während des gesamten Raumflüges beim Monitoring der Prozesse in der Terrasphärenkammer abwechseln. Das bedeutet, dass sie am Ende der Reise im Vergleich zur restlichen Besatzung deutlich gealtert sind. Einige von ihnen opfern so durch ihr häufiges Wachsein und ihre Sorge für die Pflanzenwelt ihr Leben.&#xA;&#xA;Noch eine andere Idee, zur Bedeutung der Biologie natürlich. Sie wird im engeren Sinn mit dem Earthseed Keyword &#34;Change&#34; verknüpft. Die Biologie und damit die Astrobiologie ist deutlichster Ausdruck des dem Leben zugrundeliegenden Wandels und liefert dazu alle wissenschaftlichen Begründungen. Sie ist eines der wichtigsten Referenzsysteme  des Wandels. Und weil der biologische Wandel unabwendbar ist, wird er zu Gott, daher auch die Verehrung der Biontas, die alle mit dem Wandel verbundenen Fragen zu lösen imstande sind.&#xA;&#xA;Wie aber die Biontas in einen spannenden Handelsstrang einbinden? Das geschieht wohl am besten auf jenem Raumschiff, das die Erde als drittes verlassen hat und schliesslich als das Pionierraumschiff von Earthseed gefeiert wird. Ihnen könnte auch die Verantwortung über die Untersuchung der durch die Kryostase getöteten und geschädigten Passagiere überantwortet werden. Ihre gescheiterte Verantwortung und ein misslungenes Krisenmanagement machen sie psychologisch auf eine sehr einfache Weise zu Komplizen des betrügerischen Kapitäns und zu Gegnern der Chronisten. Es findet dabei eine allgemeine Umkehrung der Positionen von Faktizität und Fiktionalität statt. Indem die Bionistas die Betrugsbemühungen des Kapitäns unterstützen und damit zu Leugner:innen und Verschleier:innen der Wahrheit werden, nehmen sie Positionen diametral zu denen der Chronisten ein, die von den Fakten zu berichten haben, in fiktionaler Weise jedoch und dem Wissensstand der erwachenden Reisenden Rechnung tragend. In einem Satz zusammengefasst kann das daraus resultierende Paradoxon auf folgende Weise beschrieben werden: Die Fiktion begründet Wahrheit, weil sie dem Menschen verpflichtet ist; die Faktizität verkehrt sich durch ihre Lückenhaftigkeit in Ideologie und letzthin in Lüge.&#xA;&#xA;Mit den Biostras wird auch das Mykorhizom eingeführt, ein Inventar der im Weltraum vorgefundenen biologischen Entitäten. Beim Zeichnen an diesem Projekt entstehen Ideen zu diesen neuen Geschöpfen, die niedergeschrieben werden: eine neue Realität wird geschaffen. In einem nächsten Schritt werden diese Pflanzen, ihre Beschreibung und ihre Relevanz für die Handlung in Allaine verortet werden. Sie sind ein wichtiger Teil des &#34;Weltenbaus&#34; geworden, konstituieren die neue Wirklichkeit des Romans. Bildnerische Gestaltung und erzählerische Arbeit fliessen so ineinander und befruchten sich gegenseitig.&#xA;&#xA;#Allaine #Mykorhizom #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Der Begriff Biostras bezeichnet die Gruppe der Astrobiologen, die auf einem der in meinem Roman genannten Raumschiffe reisen, vielleicht zwei bis drei Personen. Einerseits bedienen sie die Terrasphärenkammer des Raumschiffs, um die Passagiere auf ihren langen Reisen Gelegenheit zur Orientierung in ihrem Menschsein zu geben.</p>



<p>Denn das Leben und Wachsen und sich Verändern von Natur ausserhalb des Menschen ist Teil seiner Menschlichkeit und seiner Identität. Das schien, zumindest zu Beginn, einer der Glaubenssätze von Earthseed zu sein. Dadurch, dass die Asche der Urmutter Laura Olamina auf einem der Raumschiffe mitgeführt wird, erhält diese Hypothese auch eine zusätzliche, fast religiös verbrämte Bedeutung. Laut Testament wurde sie im Biotop des Raumschiffes verbracht, um die “neue Saat”  pflanzen: “Heilige Erde, heilige Pflanzen!”. Originalzitat:</p>

<blockquote><p>I will go with the first ship to leave after my death. If I thought I could survive as something other than a burden, I would go on this one, alive. No matter. Let them someday use my ashes to fertilize their crops. Let them do that. It&#39;s arranged. I&#39;ll go and they will give me to their orchards and their groves. (S.833)</p></blockquote>

<p>Werden jene Pflanzen verzehrt, die ursprünglich mit der Asche der Grossen Mutter gepflanzt wurden, so nimmt man auch den Geist der Schriften und den Geist der Seherin in sich auf. Damit wird der Verzehr von derart verzehrten Pflanzen zum Heiligen Akt, zur Affirmation von Earthseed auf einer spirituellenn Ebene.</p>

<p>So werden die Astrobiologen zu Hohepriester:innen von Earthseed. Sie werden zum Bestandteil einer säkularisierten Religion und ersetzen mit ihrer Ideologie den Nutzeffekt von Natur für Erholung und Entspannung durch naturreligiöser Aufladung. Die terrestrische Natur darf nicht sterben, auch wenn sie im Weltraum keine Chance auf eine Fortführung in ihren ursprünglichen Charakteristik hat. Denn wenn die terrestrische Natur stirbt, stirbt auch ein Teil der sozialen Natur des Menschen. Und was könnte sie dann ersetzen? Eng verknüpft sich dieser Glaube mit dem Ritual, das mit der Bewimperten Blutsphäre tradiert wird. Damit wird auch der Schöpfer dieser Hybridpflanze in die Handlung eingeführt. Sein Name ist Aleks Sajdar.</p>

<p>Die Aufgabe der Biostras besteht zunächst darin, für das Überleben bestimmter Pflanzen und Tiergattungen im Raumschiff zu sorgen und bestimmte Gemüse- und Obstsorten anzupflanzen. Dafür sind sie einem strengen Regelwerk verpflichtet.  Andrerseits sind sie auch für die Erforschung von Leben im Weltraum und hier vor allem auf Exoplaneten zuständig. Der Status der Biostras ist heilig, ihr Überleben auf der langen Reise nach dem des Kapitäns und der Offiziere ist deshalb von höchster Priorität. Sie sind quasi unantastbar und müssen sich während des gesamten Raumflüges beim Monitoring der Prozesse in der Terrasphärenkammer abwechseln. Das bedeutet, dass sie am Ende der Reise im Vergleich zur restlichen Besatzung deutlich gealtert sind. Einige von ihnen opfern so durch ihr häufiges Wachsein und ihre Sorge für die Pflanzenwelt ihr Leben.</p>

<p>Noch eine andere Idee, zur Bedeutung der Biologie natürlich. Sie wird im engeren Sinn mit dem Earthseed Keyword “Change” verknüpft. Die Biologie und damit die Astrobiologie ist deutlichster Ausdruck des dem Leben zugrundeliegenden Wandels und liefert dazu alle wissenschaftlichen Begründungen. Sie ist eines der wichtigsten Referenzsysteme  des Wandels. Und weil der biologische Wandel unabwendbar ist, wird er zu Gott, daher auch die Verehrung der Biontas, die alle mit dem Wandel verbundenen Fragen zu lösen imstande sind.</p>

<p>Wie aber die Biontas in einen spannenden Handelsstrang einbinden? Das geschieht wohl am besten auf jenem Raumschiff, das die Erde als drittes verlassen hat und schliesslich als das Pionierraumschiff von Earthseed gefeiert wird. Ihnen könnte auch die Verantwortung über die Untersuchung der durch die Kryostase getöteten und geschädigten Passagiere überantwortet werden. Ihre gescheiterte Verantwortung und ein misslungenes Krisenmanagement machen sie psychologisch auf eine sehr einfache Weise zu Komplizen des betrügerischen Kapitäns und zu Gegnern der Chronisten. Es findet dabei eine allgemeine Umkehrung der Positionen von Faktizität und Fiktionalität statt. Indem die Bionistas die Betrugsbemühungen des Kapitäns unterstützen und damit zu Leugner:innen und Verschleier:innen der Wahrheit werden, nehmen sie Positionen diametral zu denen der Chronisten ein, die von den Fakten zu berichten haben, in fiktionaler Weise jedoch und dem Wissensstand der erwachenden Reisenden Rechnung tragend. In einem Satz zusammengefasst kann das daraus resultierende Paradoxon auf folgende Weise beschrieben werden: Die Fiktion begründet Wahrheit, weil sie dem Menschen verpflichtet ist; die Faktizität verkehrt sich durch ihre Lückenhaftigkeit in Ideologie und letzthin in Lüge.</p>

<p>Mit den Biostras wird auch das Mykorhizom eingeführt, ein Inventar der im Weltraum vorgefundenen biologischen Entitäten. Beim Zeichnen an diesem Projekt entstehen Ideen zu diesen neuen Geschöpfen, die niedergeschrieben werden: eine neue Realität wird geschaffen. In einem nächsten Schritt werden diese Pflanzen, ihre Beschreibung und ihre Relevanz für die Handlung in Allaine verortet werden. Sie sind ein wichtiger Teil des “Weltenbaus” geworden, konstituieren die neue Wirklichkeit des Romans. Bildnerische Gestaltung und erzählerische Arbeit fliessen so ineinander und befruchten sich gegenseitig.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Mykorhizom" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mykorhizom</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Figurenkabinett" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Figurenkabinett</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/073-figurenkabinett-06-biostras</guid>
      <pubDate>Fri, 13 Jan 2023 11:36:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>072 Figurenkabinett 05: Tusk</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Dem verlogenen Kommandanten des dritten Raumschiffs von Earthseed Space, ihm habe ich bis dato noch keinen richtigen Namen gegeben. Er war ein Schreibunfall, denn plötzlich, mitten im Schreiben, in jenem Augenblick als ich seine Figur nach einem kurzen Auftauchen schon längst wieder fallen lassen wollte, entwickelte sich die Idee vom Betrug einer Zivilisation an sich selbst. &#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Kommandant, nennen wir ihn nunmehr provisorisch TUSK, wird von seine Crew aus der DiaPause vorschriftsmässig geweckt, um eine Situation zu meistern, die ausserhalb seiner Kompetenz liegt. Ein schlafendes Mädchen ist verschwunden, ein fremder Mann in den DiaPause Kammern aufgewacht. Wenig später, unmittelbar vor der Landung auf OLA, spitzt sich die Situation durch die Recherchen der Chronisten zu: die Situation droht zu eskalieren, ein Skandal bedroht das Zusammenleben an Bord und so manches gäbe es zu aufzuklären. Dann TUSKS Entschluss, sein Kommando als erstes Raumschiff der Flotte auszugeben, welches den zukünftigen Heimatplaneten erreicht hat. Schritt um Schritt erweitert TUSK das Lügengebilde zu einem Mythos der Entstehung der Zivilisation. Allein, in der Geschichte fehlt es an transparent gemachter Motivation des anonymen Kommandanten. Aus dem Nichts ist er im Roman aufgetaucht, als Nebenfigur, die schon bald wieder hätte im Nichts verschwinden sollen. Er wuchs mit der aufgetischten Lüge über sich selbst hinaus, muss also erst das Potential entwickeln, das ihn antreibt und begründet. Das ist die künftige Aufgabe des Autors.&#xA;&#xA;Was also vermag einen Kommandanten zu derartig gefährlichem Schwindel antreiben? Eine Möglichkeit bestünde darin, die Sucht nach Ruhm, Geltung und Macht eines Mannes zu befriedigen, welcher mit dem Auftrag der Wirtschaft, der Milliardäre einer aussterbenden Rasse, auf den Weg gebracht wurde, um, wo auch immer, die Interessen eines Kapitalismus durchzusetzen, der auf Erden als seine Existenzgrundlage verloren hat. Denn auch das Kapital geht am Mangel an Ressourcen zugrunde. Ein solches Szenario setzt vom Plot her zweierlei voraus: 1. Die Charakterstruktur von TUSK auch im Vorfeld des bisher Erzählten genauer zu beschreiben; 2. Die Janusköpfigigkeit der Expedition von Earthseed zu beschreiben: Aufbruch in eine neue Zivilisation zu sein und gleichzeitig die Suche für eine neue Akkumulation von Rohstoffen zu sein. Auch diese beiden Handlungsstränge müssten noch erzählt werden. Beide Vorhaben scheitern aber zwangsläufig, das Szenario führt uns nämlich in ein neues Dilemma: Denn die Erde geht zugrunde, ist wohl auch zu weit weg, um Absatzgebiet der gewonnenen Rohstoffe zu sein. Und als Zivilisation ist Earthseed zu schwach, zu bevölkerungsarm, zu bedeutungslos, um eine funktionierende Wirtschaft aufbauen zu können.&#xA;&#xA;Ein anderer Weg, die Handlungen des plötzlich für die Handlung des mit einem Mal so wichtigen Kommandanten zu erklären, läge wohl in den Logiken einer Zivilisation begründet, die sich ihren eigenen Mythos der Entstehung schaffen muss, koste es, was es wolle. Der Zwang erfolgreich zu sein, zum Wohle der Menschheit, das ist ein &#34;geheimer&#34; Auftrag, dem alle Kommandanten und Politiker:innen folgen: ein Verhalten, in dem bereits die Erosion von Earthseed angelegt wäre. Es ist etwas, was die Führungskaste der Zivilisation vertritt, im Zwang, erfolgreich zu sein. Am Kommandanten also spiegelt sich das fragwürdige Verhalten einer heilsgeschichtlich motivierten Kaste, die sich verzweifelt an die Ideologie ihrer Gründermutter fesselt. Moral verkommt im Gerede von &#34;Wandel&#34; und &#34;Zukunft in den Sternen&#34; zu billiger Münze. Allerdings: Hat sich das Earthseed der Octavia E. Butler verdient, dass so mit ihm abgerechnet wird? Wie jede Religion ist auch Butlers Konzept von Earthseed in jedem Fall kritikwürdig; es jedoch derart erodieren zu lassen, wie ich es beabsichtige, steht aber auf einem anderen Blatt.&#xA;&#xA;Kann man, was nun die dritte Möglichkeit der Darstellung ist, die Handlungen des Kommandanten allein psychologisch begründen, ihm ähnlich wie Odo eine psychopathologische Ursache zugrunde legen? Während Odo in einer Art religiösen Wahn befangen ist, könnte sich Kommandeur TUSK in die Rolle eines Grössenwahnsinnigen hineinbegeben, der mit körperlichen und psychischen Defekten als Folgen der DiaPause zu kämpfen hat. Dann aber, müsste dies auch im Vorfeld der Ereignisse so angelegt werden und von TUSKS Perspektive her geschildert werden: Was spürt er nach dem Erwachen, wie stellen sich ihm die Ereignisse das dar, wie entgleitet ihm die Kontrolle? Ein Effekt der Diapause wäre es, dass moralisch - ethische Grundsätze des Menschen zerstört werden und Effekte auftreten, wie sie bei Psychopaten (siehe HPH) beobachtbar sind. Der gesamte Roman würde dann immer mehr in die Nähe eines Romans über die möglichen Folgen der DIAPAUSE gerückt werden, auch wenn man die Logik der Suche nach Serdan im zweiten grossen Handlungsstrang berücksichtigt.&#xA;&#xA;Nun sei auch noch eine vierte Möglichkeit aufgezählt: Eine Kombination aus allen drei Erzählsträngen, mit dem Angebot an die Leser:innen, sich aussuchen zu können, was ihnen am Logischsten erscheinen mag. Auch das besässe eine gewisse Logik: den Motivationslagen setzen sich immer aus unterschiedlichsten Begründungszusammenhängen zusammen.&#xA;&#xA;#Allaine #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Dem verlogenen Kommandanten des dritten Raumschiffs von Earthseed Space, ihm habe ich bis dato noch keinen richtigen Namen gegeben. Er war ein Schreibunfall, denn plötzlich, mitten im Schreiben, in jenem Augenblick als ich seine Figur nach einem kurzen Auftauchen schon längst wieder fallen lassen wollte, entwickelte sich die Idee vom Betrug einer Zivilisation an sich selbst.</p>



<p>Der Kommandant, nennen wir ihn nunmehr provisorisch TUSK, wird von seine Crew aus der DiaPause vorschriftsmässig geweckt, um eine Situation zu meistern, die ausserhalb seiner Kompetenz liegt. Ein schlafendes Mädchen ist verschwunden, ein fremder Mann in den DiaPause Kammern aufgewacht. Wenig später, unmittelbar vor der Landung auf OLA, spitzt sich die Situation durch die Recherchen der Chronisten zu: die Situation droht zu eskalieren, ein Skandal bedroht das Zusammenleben an Bord und so manches gäbe es zu aufzuklären. Dann TUSKS Entschluss, sein Kommando als erstes Raumschiff der Flotte auszugeben, welches den zukünftigen Heimatplaneten erreicht hat. Schritt um Schritt erweitert TUSK das Lügengebilde zu einem Mythos der Entstehung der Zivilisation. Allein, in der Geschichte fehlt es an transparent gemachter Motivation des anonymen Kommandanten. Aus dem Nichts ist er im Roman aufgetaucht, als Nebenfigur, die schon bald wieder hätte im Nichts verschwinden sollen. Er wuchs mit der aufgetischten Lüge über sich selbst hinaus, muss also erst das Potential entwickeln, das ihn antreibt und begründet. Das ist die künftige Aufgabe des Autors.</p>

<p>Was also vermag einen Kommandanten zu derartig gefährlichem Schwindel antreiben? Eine Möglichkeit bestünde darin, die Sucht nach Ruhm, Geltung und Macht eines Mannes zu befriedigen, welcher mit dem Auftrag der Wirtschaft, der Milliardäre einer aussterbenden Rasse, auf den Weg gebracht wurde, um, wo auch immer, die Interessen eines Kapitalismus durchzusetzen, der auf Erden als seine Existenzgrundlage verloren hat. Denn auch das Kapital geht am Mangel an Ressourcen zugrunde. Ein solches Szenario setzt vom Plot her zweierlei voraus: 1. Die Charakterstruktur von TUSK auch im Vorfeld des bisher Erzählten genauer zu beschreiben; 2. Die Janusköpfigigkeit der Expedition von Earthseed zu beschreiben: Aufbruch in eine neue Zivilisation zu sein und gleichzeitig die Suche für eine neue Akkumulation von Rohstoffen zu sein. Auch diese beiden Handlungsstränge müssten noch erzählt werden. Beide Vorhaben scheitern aber zwangsläufig, das Szenario führt uns nämlich in ein neues Dilemma: Denn die Erde geht zugrunde, ist wohl auch zu weit weg, um Absatzgebiet der gewonnenen Rohstoffe zu sein. Und als Zivilisation ist Earthseed zu schwach, zu bevölkerungsarm, zu bedeutungslos, um eine funktionierende Wirtschaft aufbauen zu können.</p>

<p>Ein anderer Weg, die Handlungen des plötzlich für die Handlung des mit einem Mal so wichtigen Kommandanten zu erklären, läge wohl in den Logiken einer Zivilisation begründet, die sich ihren eigenen Mythos der Entstehung schaffen muss, koste es, was es wolle. Der Zwang erfolgreich zu sein, zum Wohle der Menschheit, das ist ein “geheimer” Auftrag, dem alle Kommandanten und Politiker:innen folgen: ein Verhalten, in dem bereits die Erosion von Earthseed angelegt wäre. Es ist etwas, was die Führungskaste der Zivilisation vertritt, im Zwang, erfolgreich zu sein. Am Kommandanten also spiegelt sich das fragwürdige Verhalten einer heilsgeschichtlich motivierten Kaste, die sich verzweifelt an die Ideologie ihrer Gründermutter fesselt. Moral verkommt im Gerede von “Wandel” und “Zukunft in den Sternen” zu billiger Münze. Allerdings: Hat sich das Earthseed der Octavia E. Butler verdient, dass so mit ihm abgerechnet wird? Wie jede Religion ist auch Butlers Konzept von Earthseed in jedem Fall kritikwürdig; es jedoch derart erodieren zu lassen, wie ich es beabsichtige, steht aber auf einem anderen Blatt.</p>

<p>Kann man, was nun die dritte Möglichkeit der Darstellung ist, die Handlungen des Kommandanten allein psychologisch begründen, ihm ähnlich wie Odo eine psychopathologische Ursache zugrunde legen? Während Odo in einer Art religiösen Wahn befangen ist, könnte sich Kommandeur TUSK in die Rolle eines Grössenwahnsinnigen hineinbegeben, der mit körperlichen und psychischen Defekten als Folgen der DiaPause zu kämpfen hat. Dann aber, müsste dies auch im Vorfeld der Ereignisse so angelegt werden und von TUSKS Perspektive her geschildert werden: Was spürt er nach dem Erwachen, wie stellen sich ihm die Ereignisse das dar, wie entgleitet ihm die Kontrolle? Ein Effekt der Diapause wäre es, dass moralisch – ethische Grundsätze des Menschen zerstört werden und Effekte auftreten, wie sie bei Psychopaten (siehe HPH) beobachtbar sind. Der gesamte Roman würde dann immer mehr in die Nähe eines Romans über die möglichen Folgen der DIAPAUSE gerückt werden, auch wenn man die Logik der Suche nach Serdan im zweiten grossen Handlungsstrang berücksichtigt.</p>

<p>Nun sei auch noch eine vierte Möglichkeit aufgezählt: Eine Kombination aus allen drei Erzählsträngen, mit dem Angebot an die Leser:innen, sich aussuchen zu können, was ihnen am Logischsten erscheinen mag. Auch das besässe eine gewisse Logik: den Motivationslagen setzen sich immer aus unterschiedlichsten Begründungszusammenhängen zusammen.</p>

<p><a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Allaine"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Schreibarbeit"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Figurenkabinett"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Figurenkabinett" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Figurenkabinett</span></a></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/die-lugen-von-tusk</guid>
      <pubDate>Fri, 16 Dec 2022 07:27:37 +0000</pubDate>
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      <title>071 Figurenkabinett 04: Allaine</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Allaine ist nach dem Vorbild einer Schutzmantel-Madonna konstruiert, stellt also eine spirituelle, im Kontext des Romans aber nicht christlich interpretierte nichtmaterielle &#34;Erscheinung&#34; dar. Angelehnt ist sie an die mittelalterliche Bedeutung des &#34;unter den Mantel Nehmens&#34; einer Person, die des Schutzes bedarf. Wer sich unter dem Mantel einer Hohen Frau befindet, geniesst Immunität vor weltlicher Verfolgung. &#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Gleichzeitig können so uneheliche Kinder während einer Trauung adoptiert werden. Gleichzeitig ist der:die Beschützte wiederum der Verfügung durch die Schutzgewährenden ausgeliefert. Allaine ist im Grunde eine solche Schutzmantel-Madonna, wird aber nie so genannt oder interpretiert. Insgesamt ist sie von grosser Bedeutung für eine der drei zentralen Figuren des Romans. Ihre Macht wird immer wieder in der Handlung spürbar, sie erklären zu wollen, ist aber kein zentrales Anliegen des Romans.&#xA;&#xA;Allaine &#34;erlöst&#34; Odo nicht einfach aus dem in sich geschlossenen System der Emanation, sondern zeigt ihm, quasi als Gegenbild, die Welt hinter den Spiegeln; sie geleitet ihn danach auf das Narrenschiff, das den See des Bewusstseins überquert und dabei untergeht. Odo aber überlebt. In einer noch unbestimmten Handlung wird sie ihn auf das dritte Expeditionsschiff nach Alpha Centauri versetzen, wo er aber aus der DiaPause erwacht und Zeuge krimineller Machenschaften wird. Ebenso mit rationalen Mitteln unerklärlich ist die Platzierung Odos auf einer Raumstation in der Zukunft, wo er von Lore Olamino aufgefunden wird. Ist Allaine gar so etwas wie eine Anomalie des Weltraums, welche das Verhältnis von Raum und Zeit verändert? Das würde für einen SciFi Roman gut passen, Allaine&#39;s Bedeutung geht aber weit über diese Erklärung hinaus. Sie ist nicht bloss physikalische Anomalie sondern metaphysisches Erklärungsmodell.&#xA;&#xA;Allaine vertritt einen absoluten Geltungsanspruch im Leben Odos. Denn sie &#34;übergibt&#34; den auf einer Raumstation Aufgefundenen an Lore Olamino. Allaine verwandelt sich quasi in sie, gibt ihr die Macht, Odo weiter in die Zukunft zu führen, wirkt nun in der anderen Frau. Nie wird sie bei all diesen Handlungen von anderen beobachtet, ihre Bedeutung und visuelle Präsenz besitzt sie nur für ihren Schützling, den anderen Personen der Handlung ist sie gänzlich unbekannt. Als unerklärliches Phänomen im Weltraum wird sie allerhöchstens betrachtet, ohne weiter nachzufragen. Unerklärliches ist &#34;normal&#34; da draussen im Universum, etwas mit dem man rechnen muss. Denn viel Unerklärliches darf geschehen im Erzählraum der Science Fiction. Nachdem sich Lore entschlossen hat, vom Rand der Galaxy wieder nach OLA zurückzukehren, erscheint Allaine erneut, um ihren Schützling in die Unendlichkeit des Weltraums hinauszugeleiten. Sie wird, auf einmal ist das deutlich erkennbar, zum Todesengel.&#xA;&#xA;Während also Allaine beschützt und leitet, fordert sie vom Beschützten ihren Tribut. Sie verführt und manipuliert, formt aus dem Opfer einer kalten Welt eine glühende und unabdingbare Gefolgschaft. Allaine hilft, Grenzen zu überschreiten, fordert geradezu dazu auf, dem Fremden, Anderen zu folgen ohne Vorsicht, ohne Vorbehalt. Aber Grenzüberschreitung war immer schon von Gefährdung begleitet: was zunächst als lohnend erscheint für persönliches Erleben, intensives Fühlen und erhöhtem Verständnis, verwandelt sich zum Leiden an sich selbst, zur Selbstaufgabe an ein höheres und nicht sichtbares Ziel. Das sind die beiden Pole des Lebens immer schon gewesen. ???? Nichts kostet nichts.&#xA;&#xA;Allaine führt in die Zukunft. Im Gegensatz zur Emanation verkörpert sie das Leben, vielleicht auch Entwicklung zum Besseren. Deshalb ist auch viel Weihevolles an ihr, fast wie eine griechische Göttin erscheint sie. Dieses Weihevolle gilt es, im Roman zu zelebrieren ohne in Peinlichkeit abzurutschen und ohne das Oeuvre der Science Fiction zu sprengen. Allaine beschreibt die Gegenwelt zur Kälte und Einsamkeit der Emanation, aber auch zum Schweigen des Universums. Denn nichts &#34;hört&#34; man in den galaktischen Welten als den Puls des eigenen, kleinen Lebens. Kein Laut draussen, Stille überall.&#xA;&#xA;Wie also Allaine&#39;s Wirken zusammenfassen? Sie ist eine in Odo wirkende Erscheinung, die ihn beschützt, leitet und in seinen Tod führt. Sie entbehrt der Gegenständlichkeit, ist Anomalie und Sehnsucht zugleich. Würde man sie als Teil des Schicksals bezeichnen wollen, ist sie eine der drei Schicksalsgöttinnen? Immerhin entzieht sie Odo seiner Entscheidungsfreiheit zur Gänze.&#xA;&#xA;Letztlich: Wir finden Allaine auch in den Zorya, den Licht- und Himmelsgöttinnen aus dem slawischen Mythenkreis. In dreierlei Gestalt stellt sie sich als Morgenstern, Abendstern und Mitternachtsstern dar. Sie öffnen und schliessen die Himmelspforte und wachen so über das Licht. Diesen Dreischritt möchte ich auch in meinem Roman in geeigneter Form versuchen: das muss sich allerdings erst entwickeln.&#xA;&#xA;#Allaine #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Allaine ist nach dem Vorbild einer Schutzmantel-Madonna konstruiert, stellt also eine spirituelle, im Kontext des Romans aber nicht christlich interpretierte nichtmaterielle “Erscheinung” dar. Angelehnt ist sie an die mittelalterliche Bedeutung des “unter den Mantel Nehmens” einer Person, die des Schutzes bedarf. Wer sich unter dem Mantel einer Hohen Frau befindet, geniesst Immunität vor weltlicher Verfolgung.</p>



<p>Gleichzeitig können so uneheliche Kinder während einer Trauung adoptiert werden. Gleichzeitig ist der:die Beschützte wiederum der Verfügung durch die Schutzgewährenden ausgeliefert. Allaine ist im Grunde eine solche Schutzmantel-Madonna, wird aber nie so genannt oder interpretiert. Insgesamt ist sie von grosser Bedeutung für eine der drei zentralen Figuren des Romans. Ihre Macht wird immer wieder in der Handlung spürbar, sie erklären zu wollen, ist aber kein zentrales Anliegen des Romans.</p>

<p>Allaine “erlöst” Odo nicht einfach aus dem in sich geschlossenen System der Emanation, sondern zeigt ihm, quasi als Gegenbild, die Welt hinter den Spiegeln; sie geleitet ihn danach auf das Narrenschiff, das den See des Bewusstseins überquert und dabei untergeht. Odo aber überlebt. In einer noch unbestimmten Handlung wird sie ihn auf das dritte Expeditionsschiff nach Alpha Centauri versetzen, wo er aber aus der DiaPause erwacht und Zeuge krimineller Machenschaften wird. Ebenso mit rationalen Mitteln unerklärlich ist die Platzierung Odos auf einer Raumstation in der Zukunft, wo er von Lore Olamino aufgefunden wird. Ist Allaine gar so etwas wie eine Anomalie des Weltraums, welche das Verhältnis von Raum und Zeit verändert? Das würde für einen SciFi Roman gut passen, Allaine&#39;s Bedeutung geht aber weit über diese Erklärung hinaus. Sie ist nicht bloss physikalische Anomalie sondern metaphysisches Erklärungsmodell.</p>

<p>Allaine vertritt einen absoluten Geltungsanspruch im Leben Odos. Denn sie “übergibt” den auf einer Raumstation Aufgefundenen an Lore Olamino. Allaine verwandelt sich quasi in sie, gibt ihr die Macht, Odo weiter in die Zukunft zu führen, wirkt nun in der anderen Frau. Nie wird sie bei all diesen Handlungen von anderen beobachtet, ihre Bedeutung und visuelle Präsenz besitzt sie nur für ihren Schützling, den anderen Personen der Handlung ist sie gänzlich unbekannt. Als unerklärliches Phänomen im Weltraum wird sie allerhöchstens betrachtet, ohne weiter nachzufragen. Unerklärliches ist “normal” da draussen im Universum, etwas mit dem man rechnen muss. Denn viel Unerklärliches darf geschehen im Erzählraum der Science Fiction. Nachdem sich Lore entschlossen hat, vom Rand der Galaxy wieder nach OLA zurückzukehren, erscheint Allaine erneut, um ihren Schützling in die Unendlichkeit des Weltraums hinauszugeleiten. Sie wird, auf einmal ist das deutlich erkennbar, zum Todesengel.</p>

<p>Während also Allaine beschützt und leitet, fordert sie vom Beschützten ihren Tribut. Sie verführt und manipuliert, formt aus dem Opfer einer kalten Welt eine glühende und unabdingbare Gefolgschaft. Allaine hilft, Grenzen zu überschreiten, fordert geradezu dazu auf, dem Fremden, Anderen zu folgen ohne Vorsicht, ohne Vorbehalt. Aber Grenzüberschreitung war immer schon von Gefährdung begleitet: was zunächst als lohnend erscheint für persönliches Erleben, intensives Fühlen und erhöhtem Verständnis, verwandelt sich zum Leiden an sich selbst, zur Selbstaufgabe an ein höheres und nicht sichtbares Ziel. Das sind die beiden Pole des Lebens immer schon gewesen. ???? Nichts kostet nichts.</p>

<p>Allaine führt in die Zukunft. Im Gegensatz zur Emanation verkörpert sie das Leben, vielleicht auch Entwicklung zum Besseren. Deshalb ist auch viel Weihevolles an ihr, fast wie eine griechische Göttin erscheint sie. Dieses Weihevolle gilt es, im Roman zu zelebrieren ohne in Peinlichkeit abzurutschen und ohne das Oeuvre der Science Fiction zu sprengen. Allaine beschreibt die Gegenwelt zur Kälte und Einsamkeit der Emanation, aber auch zum Schweigen des Universums. Denn nichts “hört” man in den galaktischen Welten als den Puls des eigenen, kleinen Lebens. Kein Laut draussen, Stille überall.</p>

<p>Wie also Allaine&#39;s Wirken zusammenfassen? Sie ist eine in Odo wirkende Erscheinung, die ihn beschützt, leitet und in seinen Tod führt. Sie entbehrt der Gegenständlichkeit, ist Anomalie und Sehnsucht zugleich. Würde man sie als Teil des Schicksals bezeichnen wollen, ist sie eine der drei Schicksalsgöttinnen? Immerhin entzieht sie Odo seiner Entscheidungsfreiheit zur Gänze.</p>

<p>Letztlich: Wir finden Allaine auch in den Zorya, den Licht- und Himmelsgöttinnen aus dem slawischen Mythenkreis. In dreierlei Gestalt stellt sie sich als Morgenstern, Abendstern und Mitternachtsstern dar. Sie öffnen und schliessen die Himmelspforte und wachen so über das Licht. Diesen Dreischritt möchte ich auch in meinem Roman in geeigneter Form versuchen: das muss sich allerdings erst entwickeln.</p>

<p><a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Allaine"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Schreibarbeit"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Figurenkabinett"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Figurenkabinett" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Figurenkabinett</span></a></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/allaine-ist-nach-dem-vorbild-einer-schutzmantel-madonna-konstruiert-stellt</guid>
      <pubDate>Mon, 12 Dec 2022 17:17:33 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>070 Figurenkabinett 03: Odo</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Odo: Spirituell veranlagte Persönlichkeit, die in der Stille einer Zivilisation lebt, die als Emanation bezeichnet wird. Wir schreiben 2115 auf der Erde, als wir ihm das erste Mal begegnen, in einer Zeit, in der die Wälder längst aufgehört haben, zu existieren und das Summen der Emanation allgegenwärtig geworden ist. In einer Agglomeration am Rande zum Chaos lebt und arbeitet er, den Vorgaben des Unternehmens in den Triplet-Towers  unterworfen, ohne rechte Inspiration, etwas aus sich zu machen. Widerstand gegen die Totalität des Daseins ist ihm fremd.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Seine einzige Leidenschaft besteht darin, Fragmente der Gegenwart zu notieren, mit Hilfe der längst überkommenen Kunst der Handschrift auf Papier. Das Notizheft hält er vor den Augen anderer verborgen. Er ist einsamer Chronist des Untergangs des Menschen auf dem Planeten Erde. Das allein bringt ihm psychische Entlastung, dieses vom Schreiben begleiteten Selbstgespräch über den unausweichlichen Untergang.&#xA;&#xA;Von seinem Arbeitgeber lässt er sich drängen, seinen Körper an das allumspannende Netzwerk der Emanation anzuschliessen. Die digitale Überwachung ist so umfassend und fast perfekt. Warum auch nicht? Wer wäre er denn, sich den Vorgaben der Verwaltung zu widersetzen? Was hätte er denn zu verbergen, was dem System gefährlich werden könnte? Wer wäre er, nicht der Logik des Systems zu folgen? So lebt er unbemerkt in der Schattenwelt seiner Existenz als Person ohne besondere Eigenschaft. Ein zarter, schüchterner, in sich selbst zurückgezogener Mann, der unbeachtet in die Geschichte der sterbenden Erde eingegangen wäre, hätte sich ihm Allaine nicht eines Morgens offenbart.&#xA;&#xA;Sie verändert sein Leben von Grund auf, aber auch ohne ihn aus seiner Passivität zu vertreiben. Die Veränderung kommt wie ein Albtraum über ihn, ohne dass er die Wahl gehabt hätte, zu widerstehen. Er nimmt sie hin, wie er auch seine bisherige Stagnation und Unterwerfung hingenommen hat. Niemandem und und keinem Verlauf kann er widerstehen. Auch im Aufbegehren ist er passiv, folgt er doch den Anweisungen Allaines. Er ist nicht stark genug, den Entwicklungen seinen Stempel aufzudrücken, sie in seinem Sinne zu verändern. Nur als Chronist kann er dem Lauf der Welt nützlich sein, als Schreiber mit einem Notizbuch. Verfallen ist er Allaine bedingungslos, Raum und Zeit wird er durch sie lernen, zu überwinden. So folgt er dem Ruf einer mehr als fragwürdigen Erscheinung: In die Welt hinter den Spiegeln, auf ein Narrenschiff, in die DiaPause der Raumfahrt, in eine andere Zeit weit vor seinem Leben. Er ist ein Getriebener am Höhepunkt des Anthropozän, passiv, ohne rechtes Bewusstsein seinem eigenen Tod entgegen treibend. Wie im Traum erlebt er die Ereignisse um ihn herum, oder besser gesagt: lässt er sie mit sich geschehen, ohne sich ihnen entziehen zu können. Dazu hat er die Kraft nicht, dazu ist er nicht geschaffen worden, auf diese Idee käme er gar nicht. Er vertraut auf Allaine, wird ihr Opfer, ist ihr Sprachrohr mit versagender Stimme. Sie beschützt ihn mit ihrem Mantel, eine archaische Madonna, die seine Geworfenheit in Zeit und Raum mit Absolutheit bestimmt. Unterwerfung mag das rechte Wort sein: sein Wissen um den baldigen Untergang ist das Einzige, was ihn erfüllt.&#xA;&#xA;Von entscheidender Bedeutung ist für ihn auch die Begegnung mit Lore Olamino. Tritt sie auf den Plan, schweigt Allaine in ihm. Ihre Mission ist erfüllt, sie hat ihn an die Gestalterin der Zukunft übergeben. Auch Lore erfüllt den Getriebenen mit ihrer Macht. In ihrer Gegenwart vermag er sich an die Geschehnisse seines Lebens auf der Erde zu erinnern. Zeuge wurde er von den Ereignissen, als sich die Zivilisation auf Erden auflöste und die Menschen wieder einer unbarmherzigen Natur unterworfen wurden wie zu Anbeginn der Hominiden. Denn das Universum duldet sie nicht mehr, die Zerstörer! Es fragt nicht mehr, was der Mensch will, es stürmt voran mit der Kraft von Äonen ins Post-Anthropozän. Vom Bruch mit dem Status Quo weiss er zu erzählen, darüber legt er Zeugnis ab. Er wird Teile der Geschichte von Earthseed enthüllen, Unangemessenes, Empörendes, etwas, was Revolutionen auszulösen vermag. Er wird letztendlich Lore mit ihrer eigenen, längst vergangenen Geschichte konfrontieren. Das ist seine Aufgabe in diesem Roman.&#xA;&#xA;Mit Lore und Tyen Nomasky wird er Teil eines Dreigestirns am Himmel von Alpha Centauri. Zu Dritt gehen sie auch auf die Reise an den Rand des Sternensystems: Odo, ein entkräfteter Zeitzeuge, neben ihm Tyen Nomasky, einer der in Ruhe seinen Weg zu gehen versteht und Lore, die  zur Suchenden nach einer Zivilisation wird, die sie im Grunde verachtet. Sie bewegen sich zum Rand von Alpha Centauri, in die Zone, die alle verschlingt, welche ihr zu nahe kommen. Die Geschichten lösen sich auf, weil es keinen Anfang und kein Ende mehr gibt. Nur Lore kehrt zurück.&#xA;&#xA;Odo ist die grosse Klammer der Handlung, ihm folgt man, allein schon um zu verstehen, warum es ihn im Fortgang der Handlung überhaupt gibt.  Er ist ein Niemand. Wozu ist er da, warum tut er die Dinge, die der Leser beobachten darf, was ist das Ziel seiner kaum merkbaren Handlungen? Ein wenig erinnert er uns an uns selbst: Wie wir die Gegenwart über uns ergehen lassen, ohne Rückgrat und Perspektive, nur den schalen Freuden und dem ohnmächtigen Leid unserer Zeit verhaftet. Denn dieses Leben kann mit uns tun, was es will. Zu Ohnmächtigen haben wir uns gemacht, Ohnmächtige werden wir bleiben, bis uns die Gezeiten hinweg spülen in die gewaltige Expansion des Universum, auf der die Erde kein Gewicht mehr hat. Odo ist das Symbol für die Passivität des Menschen im Anthropozän.&#xA;&#xA;#Allaine #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Odo: Spirituell veranlagte Persönlichkeit, die in der Stille einer Zivilisation lebt, die als Emanation bezeichnet wird. Wir schreiben 2115 auf der Erde, als wir ihm das erste Mal begegnen, in einer Zeit, in der die Wälder längst aufgehört haben, zu existieren und das Summen der Emanation allgegenwärtig geworden ist. In einer Agglomeration am Rande zum Chaos lebt und arbeitet er, den Vorgaben des Unternehmens in den Triplet-Towers  unterworfen, ohne rechte Inspiration, etwas aus sich zu machen. Widerstand gegen die Totalität des Daseins ist ihm fremd.</p>



<p>Seine einzige Leidenschaft besteht darin, Fragmente der Gegenwart zu notieren, mit Hilfe der längst überkommenen Kunst der Handschrift auf Papier. Das Notizheft hält er vor den Augen anderer verborgen. Er ist einsamer Chronist des Untergangs des Menschen auf dem Planeten Erde. Das allein bringt ihm psychische Entlastung, dieses vom Schreiben begleiteten Selbstgespräch über den unausweichlichen Untergang.</p>

<p>Von seinem Arbeitgeber lässt er sich drängen, seinen Körper an das allumspannende Netzwerk der Emanation anzuschliessen. Die digitale Überwachung ist so umfassend und fast perfekt. Warum auch nicht? Wer wäre er denn, sich den Vorgaben der Verwaltung zu widersetzen? Was hätte er denn zu verbergen, was dem System gefährlich werden könnte? Wer wäre er, nicht der Logik des Systems zu folgen? So lebt er unbemerkt in der Schattenwelt seiner Existenz als Person ohne besondere Eigenschaft. Ein zarter, schüchterner, in sich selbst zurückgezogener Mann, der unbeachtet in die Geschichte der sterbenden Erde eingegangen wäre, hätte sich ihm Allaine nicht eines Morgens offenbart.</p>

<p>Sie verändert sein Leben von Grund auf, aber auch ohne ihn aus seiner Passivität zu vertreiben. Die Veränderung kommt wie ein Albtraum über ihn, ohne dass er die Wahl gehabt hätte, zu widerstehen. Er nimmt sie hin, wie er auch seine bisherige Stagnation und Unterwerfung hingenommen hat. Niemandem und und keinem Verlauf kann er widerstehen. Auch im Aufbegehren ist er passiv, folgt er doch den Anweisungen Allaines. Er ist nicht stark genug, den Entwicklungen seinen Stempel aufzudrücken, sie in seinem Sinne zu verändern. Nur als Chronist kann er dem Lauf der Welt nützlich sein, als Schreiber mit einem Notizbuch. Verfallen ist er Allaine bedingungslos, Raum und Zeit wird er durch sie lernen, zu überwinden. So folgt er dem Ruf einer mehr als fragwürdigen Erscheinung: In die Welt hinter den Spiegeln, auf ein Narrenschiff, in die DiaPause der Raumfahrt, in eine andere Zeit weit vor seinem Leben. Er ist ein Getriebener am Höhepunkt des Anthropozän, passiv, ohne rechtes Bewusstsein seinem eigenen Tod entgegen treibend. Wie im Traum erlebt er die Ereignisse um ihn herum, oder besser gesagt: lässt er sie mit sich geschehen, ohne sich ihnen entziehen zu können. Dazu hat er die Kraft nicht, dazu ist er nicht geschaffen worden, auf diese Idee käme er gar nicht. Er vertraut auf Allaine, wird ihr Opfer, ist ihr Sprachrohr mit versagender Stimme. Sie beschützt ihn mit ihrem Mantel, eine archaische Madonna, die seine Geworfenheit in Zeit und Raum mit Absolutheit bestimmt. Unterwerfung mag das rechte Wort sein: sein Wissen um den baldigen Untergang ist das Einzige, was ihn erfüllt.</p>

<p>Von entscheidender Bedeutung ist für ihn auch die Begegnung mit Lore Olamino. Tritt sie auf den Plan, schweigt Allaine in ihm. Ihre Mission ist erfüllt, sie hat ihn an die Gestalterin der Zukunft übergeben. Auch Lore erfüllt den Getriebenen mit ihrer Macht. In ihrer Gegenwart vermag er sich an die Geschehnisse seines Lebens auf der Erde zu erinnern. Zeuge wurde er von den Ereignissen, als sich die Zivilisation auf Erden auflöste und die Menschen wieder einer unbarmherzigen Natur unterworfen wurden wie zu Anbeginn der Hominiden. Denn das Universum duldet sie nicht mehr, die Zerstörer! Es fragt nicht mehr, was der Mensch will, es stürmt voran mit der Kraft von Äonen ins Post-Anthropozän. Vom Bruch mit dem Status Quo weiss er zu erzählen, darüber legt er Zeugnis ab. Er wird Teile der Geschichte von Earthseed enthüllen, Unangemessenes, Empörendes, etwas, was Revolutionen auszulösen vermag. Er wird letztendlich Lore mit ihrer eigenen, längst vergangenen Geschichte konfrontieren. Das ist seine Aufgabe in diesem Roman.</p>

<p>Mit Lore und Tyen Nomasky wird er Teil eines Dreigestirns am Himmel von Alpha Centauri. Zu Dritt gehen sie auch auf die Reise an den Rand des Sternensystems: Odo, ein entkräfteter Zeitzeuge, neben ihm Tyen Nomasky, einer der in Ruhe seinen Weg zu gehen versteht und Lore, die  zur Suchenden nach einer Zivilisation wird, die sie im Grunde verachtet. Sie bewegen sich zum Rand von Alpha Centauri, in die Zone, die alle verschlingt, welche ihr zu nahe kommen. Die Geschichten lösen sich auf, weil es keinen Anfang und kein Ende mehr gibt. Nur Lore kehrt zurück.</p>

<p>Odo ist die grosse Klammer der Handlung, ihm folgt man, allein schon um zu verstehen, warum es ihn im Fortgang der Handlung überhaupt gibt.  Er ist ein Niemand. Wozu ist er da, warum tut er die Dinge, die der Leser beobachten darf, was ist das Ziel seiner kaum merkbaren Handlungen? Ein wenig erinnert er uns an uns selbst: Wie wir die Gegenwart über uns ergehen lassen, ohne Rückgrat und Perspektive, nur den schalen Freuden und dem ohnmächtigen Leid unserer Zeit verhaftet. Denn dieses Leben kann mit uns tun, was es will. Zu Ohnmächtigen haben wir uns gemacht, Ohnmächtige werden wir bleiben, bis uns die Gezeiten hinweg spülen in die gewaltige Expansion des Universum, auf der die Erde kein Gewicht mehr hat. Odo ist das Symbol für die Passivität des Menschen im Anthropozän.</p>

<p><a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Allaine"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Schreibarbeit"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Figurenkabinett"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Figurenkabinett" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Figurenkabinett</span></a></a></p>
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      <pubDate>Sat, 10 Dec 2022 15:49:17 +0000</pubDate>
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      <title>069 Die Wörterzähler</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Erst kürzlich wurde ich von nanowrimo aufgefordert, ein Online-Feedback über meine Schreiberfahrungen in der November-Challenge abzugeben. Dabei ist mir unangenehm aufgefallen, welch riesiges TamTam von den Betreiber:innen um NaNoWriMo veranstaltet wird. Um sich selbst dreht und wendet sich die Propaganda eines typisch us-amerikanischen Beteiligungskarussells, das sich als Selbstermächtigung von Autor:innen feiert. Und natürlich: Geld muss gesammelt werden, nicht zu knapp. Über 1.4 Mio. USD wurde als Spendenziel angegeben und bis dato über 1,2 Mio. erreicht. Vor allem die Firmensponsoren wollen Reichweite und Beteiligung. Das benötigt den ständigen Trommelwirbel, die Kakophonie unentwegten Lärms rund um den Mammon. Eine ungesunde Torte mit gewaltigen Mengen an Zuckerguss ist NaNoWriMo geworden, welche man sich zum Geburtstag schenkt. Igitt! Nicht mein Stil. &#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Doch ich will nicht weiter polemisch sein, die Verdienste der Platform klein reden und mich undankbar zeigen. Denn das eigentliche Ziel hat diese Form des Wettbewerbs bei mir erreicht. Ich bin dank der November Challenge in einen routinierten Schreibfluss gekommen und habe umfangreiches Textmaterial produziert. Der Wettbewerb mit anderen war wichtig, die Selbstvergewisserung über den Schreibfortschritt dabei sehr erhellend. Das Versprechen, mit diesen 50.000 Wörtern in einem Monat ein Buch zu produzieren allerdings, das ist eine doch sehr naive Zumutung gewesen. Mich aber hat dies nicht gestört, ich wusste dies ohnehin. &#xA;&#xA;Nichtsdestotrotz will ich auf dieser Plattform nicht mehr weiterarbeiten, zu grell, zu bunt, zu marktschreierisch kommt sie daher. Der dabei entstehende Lärm tut mir nicht gut, ich brauche Ruhe, um in meine Romanwelten zu versinken und sie auszugestalten. Dies steht nun in den kommenden Wochen an. Schon zu Beginn des November habe ich geschrieben, dass es ja gar nicht so schwer sein müsste, selbst ein gemeinsames Schreiben auf Mastodon mit selbstbestimmten Zielvorgaben zu organisieren. Als Arbeitstitel habe ich mir damals etwa vorgestellt: &#34;Monat der bunten Schreiberlinge (MOBUSCH)&#34; oder &#34;Masochisten für einen Monat (MAFUMO)&#34;. Mit einigem Brainstorming käme sicher ein guter Titel daher! Braucht es dann nur noch die betreute Plattform. Aber auch diese steht zur Verfügung.  &#xA;&#xA;In den kommenden Tagen und Wochen, die ich weiterhin mit meinem Roman &#34;Allaine&#34; und gelegentlichen MiniEssay|s verbringen werde, möchte ich weiterhin meinen Schreibfortschritt auf einer Platform eintragen. Ich weiss, dass eine derartige Vorgehensweise meine Schreibdisziplin nur fördern kann. Also suchte ich nach Alternativen und wurde fündig: das Projekt von David S. Gale mit dem Namen Write Track Cloud. Ein sauber aufgeräumter und beruhigender Online Word-Tracker, der ohne jede Werbung daherkommt, auch ohne &#34;Expert:innen&#34;, die einem in den eigenen Schreibprozess hineinreden wollen. Doch lassen wir Herrn Gale selbst zu Wort kommen. Ihn habe bei dieser Aktivität gestört, dass beim Herunterbrechen eines Schreibziels von beispielsweise 50.000 Wörtern pro Monat, bei NaNoWriMo jeder Tag gleich behandelt werde. Doch Schreibziele zu setzen, sei keine statistische Aufgabe (nach dem Schema: 50.000 Wörter:30 Tage=1.667 Wörter/Tag), sondern eine der Einschätzung, wie jeder einzelne Tag in etwa verlaufen könnte und welche Schreibziele deshalb erreicht werden sollen. Einmal schreibt mensch mehr, einmal weniger, und das aus unterschiedlichsten Gründen: persönlichen, privaten, beruflichen und sonstigen. Deshalb verwendet Gale die Möglichkeit der Gewichtungen von Tagen (weight). Die durchschnittliche Wörteranzahl eines Tages (=100%) kann angepasst werden: Tage zeichnen auch andere Prozentzahlen auf und man beendet diesen in der Gewissheit, sein persönliches Soll erreicht zu haben. Es muss nicht immer der &#34;Tagesschnitt&#34; sein.  Einmal mehr, einmal weniger, begleitet von einer klaren Übersicht über den eigenen Schreibfortschritt.  &#xA;&#xA;Angereichert ist write track mit zahlreichen Features, welche NaNoWriMo um nichts nachsteht, durch seine Klarheit und Eindeutigkeit sogar übertrifft. Das Instrument kann stand alone benutzt, die Länge und Intensität der Challenge dabei frei gewählt werden. Aber man kann diese Challenge auch mit &#34;Freunden teilen&#34;. Ebenso können Gruppen gebildet werden, um sich untereinander auszutauschen und hat damit die Möglichkeit, in seiner Sprache zu kommunizieren (die Plattform ist generell in englischer Sprache). Es gibt downloadbare Banners,  eine Kalenderübersicht und eine Editierfunktion für selbstkreierte Challenges. Insgesamt ein sehr gutes Instrument, das zumindest für mich keinen Wunsch offen lässt. Wer aber auf einen bunten, geschwätzigen und weithin bekannten Wort-Tracker reflektiert, der mag sich wieder NaNoWriMo zuwenden.  &#xA;&#xA; Also habe ich mich entschlossen, meine Texte zum Figurenkabinett meines Romans in einer von mir zurecht gebastelten Challange bis Ende Jänner 2023 fertigzustellen. Davon berichte ich regelmässig auf tinderness@Mastodon. Wer write track, so wie ich, für gut befindet und sich dort gerne in einer Gruppe versammeln will, der:die sei nach dem Einloggen auf der Plattform auf die Fediverse Writers verwiesen.&#xA;&#xA;#NaNoWriMo &#34;#Schreibarbeit #WriteTrack]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Erst kürzlich wurde ich von nanowrimo aufgefordert, ein Online-Feedback über meine Schreiberfahrungen in der November-Challenge abzugeben. Dabei ist mir unangenehm aufgefallen, welch riesiges TamTam von den Betreiber:innen um NaNoWriMo veranstaltet wird. Um sich selbst dreht und wendet sich die Propaganda eines typisch us-amerikanischen Beteiligungskarussells, das sich als Selbstermächtigung von Autor:innen feiert. Und natürlich: Geld muss gesammelt werden, nicht zu knapp. Über 1.4 Mio. USD wurde als Spendenziel angegeben und bis dato über 1,2 Mio. erreicht. Vor allem die Firmensponsoren wollen Reichweite und Beteiligung. Das benötigt den ständigen Trommelwirbel, die Kakophonie unentwegten Lärms rund um den Mammon. Eine ungesunde Torte mit gewaltigen Mengen an Zuckerguss ist NaNoWriMo geworden, welche man sich zum Geburtstag schenkt. Igitt! Nicht mein Stil.</p>



<p>Doch ich will nicht weiter polemisch sein, die Verdienste der Platform klein reden und mich undankbar zeigen. Denn das eigentliche Ziel hat diese Form des Wettbewerbs bei mir erreicht. Ich bin dank der November Challenge in einen routinierten Schreibfluss gekommen und habe umfangreiches Textmaterial produziert. Der Wettbewerb mit anderen war wichtig, die Selbstvergewisserung über den Schreibfortschritt dabei sehr erhellend. Das Versprechen, mit diesen 50.000 Wörtern in einem Monat ein Buch zu produzieren allerdings, das ist eine doch sehr naive Zumutung gewesen. Mich aber hat dies nicht gestört, ich wusste dies ohnehin.</p>

<p>Nichtsdestotrotz will ich auf dieser Plattform nicht mehr weiterarbeiten, zu grell, zu bunt, zu marktschreierisch kommt sie daher. Der dabei entstehende Lärm tut mir nicht gut, ich brauche Ruhe, um in meine Romanwelten zu versinken und sie auszugestalten. Dies steht nun in den kommenden Wochen an. Schon zu Beginn des November habe ich geschrieben, dass es ja gar nicht so schwer sein müsste, selbst ein gemeinsames Schreiben auf Mastodon mit selbstbestimmten Zielvorgaben zu organisieren. Als Arbeitstitel habe ich mir <a href="https://zettelwerk.writeas.com/054-mobusch-statt-nanowrimo-tag-1">damals</a> etwa vorgestellt: “Monat der bunten Schreiberlinge (MOBUSCH)” oder “Masochisten für einen Monat (MAFUMO)”. Mit einigem Brainstorming käme sicher ein guter Titel daher! Braucht es dann nur noch die betreute Plattform. Aber auch diese steht zur Verfügung.</p>

<p>In den kommenden Tagen und Wochen, die ich weiterhin mit meinem Roman “Allaine” und gelegentlichen MiniEssay|s verbringen werde, möchte ich weiterhin meinen Schreibfortschritt auf einer Platform eintragen. Ich weiss, dass eine derartige Vorgehensweise meine Schreibdisziplin nur fördern kann. Also suchte ich nach Alternativen und wurde fündig: das Projekt von David S. Gale mit dem Namen <a href="https://writetrack.cloud/">Write Track Cloud</a>. Ein sauber aufgeräumter und beruhigender Online Word-Tracker, der ohne jede Werbung daherkommt, auch ohne “Expert:innen”, die einem in den eigenen Schreibprozess hineinreden wollen. Doch lassen wir Herrn Gale selbst zu Wort kommen. Ihn habe bei dieser Aktivität gestört, dass beim Herunterbrechen eines Schreibziels von beispielsweise 50.000 Wörtern pro Monat, bei NaNoWriMo jeder Tag gleich behandelt werde. Doch Schreibziele zu setzen, sei keine statistische Aufgabe (nach dem Schema: 50.000 Wörter:30 Tage=1.667 Wörter/Tag), sondern eine der Einschätzung, wie jeder einzelne Tag in etwa verlaufen könnte und welche Schreibziele deshalb erreicht werden sollen. Einmal schreibt mensch mehr, einmal weniger, und das aus unterschiedlichsten Gründen: persönlichen, privaten, beruflichen und sonstigen. Deshalb verwendet Gale die Möglichkeit der Gewichtungen von Tagen (weight). Die durchschnittliche Wörteranzahl eines Tages (=100%) kann angepasst werden: Tage zeichnen auch andere Prozentzahlen auf und man beendet diesen in der Gewissheit, sein persönliches Soll erreicht zu haben. Es muss nicht immer der “Tagesschnitt” sein.  Einmal mehr, einmal weniger, begleitet von einer klaren Übersicht über den eigenen Schreibfortschritt.</p>

<p>Angereichert ist <strong>write track</strong> mit zahlreichen Features, welche NaNoWriMo um nichts nachsteht, durch seine Klarheit und Eindeutigkeit sogar übertrifft. Das Instrument kann stand alone benutzt, die Länge und Intensität der Challenge dabei frei gewählt werden. Aber man kann diese Challenge auch mit “Freunden teilen”. Ebenso können Gruppen gebildet werden, um sich untereinander auszutauschen und hat damit die Möglichkeit, in seiner Sprache zu kommunizieren (die Plattform ist generell in englischer Sprache). Es gibt downloadbare Banners,  eine Kalenderübersicht und eine Editierfunktion für selbstkreierte Challenges. Insgesamt ein sehr gutes Instrument, das zumindest für mich keinen Wunsch offen lässt. Wer aber auf einen bunten, geschwätzigen und weithin bekannten Wort-Tracker reflektiert, der mag sich wieder NaNoWriMo zuwenden.</p>

<p> Also habe ich mich entschlossen, meine Texte zum Figurenkabinett meines Romans in einer von mir zurecht gebastelten Challange bis Ende Jänner 2023 fertigzustellen. Davon berichte ich regelmässig auf <a href="https://literatur.social/@tinderness">tinderness@Mastodon</a>. Wer <strong>write track,</strong> so wie ich, für gut befindet und sich dort gerne in einer Gruppe versammeln will, der:die sei nach dem Einloggen auf der Plattform auf die Fediverse Writers verwiesen.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:NaNoWriMo" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">NaNoWriMo</span></a> “<a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:WriteTrack" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">WriteTrack</span></a></p>
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      <pubDate>Fri, 09 Dec 2022 15:01:24 +0000</pubDate>
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      <title>068 Figurenkabinett 02: Die Earthseed Zivilisation</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Eine Volkszählung aus dem Jahr WXYZ hatte ergeben, dass auf OLA 12.350 Personen lebten, darunter bloss wenig mehr als 1.000 Kinder unter 15 Jahren. Die Gute Verwaltung Earthseed war darüber sehr in Sorge, denn ihre Zivilisation entsprach schon aufgrund ihrer Altersstruktur bei weitem nicht einer, von der man Dynamik und Veränderung erwarten konnte. Aber die Herausforderungen der Gegenwart waren gross und wohl auch überwältigend.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die 45 bis 60 jährigen stellten die grösste Bevölkerungsgruppe, das waren die Kinder der Pioniere, die den Flug von der Erde nach Alpha Centauri überlebt hatten. Sie hatten ihre besten Jahre an den Bau der Pavillons in der Schattenzone von OLA verwandt, waren ausgelaugt von den Strapazen der Kolonisation, von der damit verbundenen  Arbeit, die nicht nur an ihren Energien, sondern auch an ihrer Gesundheit gezehrt hatte. Müde, kranke Menschen, die sich ihren Traum erfüllt hatten, aber doch in einen Alptraum eines Lebens in Mangel, Entbehrung und Enttäuschung geschlittert waren. Mehr gab der Planet und ihre Ressourcen einfach nicht her! Denn das Leben war hart auf OLA und die Möglichkeiten, den Planeten zu entwickeln, durchwegs sehr beschränkt.  Sein Ökosystem pendelte zwischen zwei Extremen: Todbringende, das ganze Planetenjahr gleichbleibende Kälte oder auf der gegenüberliegenden Seite Hitze und Strahlung. Anders als die Erde drehte sich OLA beim Orbit um Proxima Centaur nicht um seine eigene Achse. Deshalb war auch nur ein schmaler Streifen zwischen Dunkelheit und Licht bewohnbar: die Dämmerung. In dieser Zone hatten die Pioniere in das nasse Gestein gebohrt und Stollen für ihre Pavillons gegraben wie galaktische Maulwürfe. Von diesen provisorischen Stützpunkten aus gingen sie ihrer Arbeit nach, in die Kuppelbauten der Wissenschaft, der Technik und der Agrokulturen mit ihren elliptischen Grundrissen und Aufbauten aus Glas, die sich in die Stürme schmiegten, welche das ganze Jahr hindurch tobten. Fünf derartige Siedlungen gab es, mehr nicht. Unfreundliches, kaltes und nasses Wetter, nicht ungefährlich wegen der periodisch auftretenden, kosmischen Strahlung. Keine Jahreszeiten, immer die gleichen Lichtschwankungen, immer und ewig Monotonie. Die Enttäuschung frass diese Generation auf. Sie war umso schwerer zu ertragen, je mehr sich die Menschen der offiziellen Doktrin von Hoffnung und Wandel verschrieb. Diese abgekämpfte, müde und enttäuschte Population der über Fünfzigjährigen war mehr als überfordert von den Aufgaben, Werten und Idealen, mit denen sie einst von der Gründermutter Lauren Olamino auf den Weg geschickt worden waren. Ihr ganzes Leben wollten sie diese Prinzipien in die Wirklichkeit umsetzen und konnten dabei doch nur zusehen, wie sie daran scheiterten&#xA;&#xA;Aus dieser Generation stammten fast ausschliesslich auch jene, die die politischen Geschicke der Generation lenkten und sie kompensierten das Desaster von OLA schamlos. Das Buch der Lebenden war für diese Menschen nicht nur Glaubensbekenntnis, sondern politisches und ideologisches Credo. An die Tautologien des Gesagten glaubten sie, danach handelten sie, dazu versuchten sie zu überreden, mit aller Macht. Dass es die Aufgabe der Earthseed Zivilisation sei, Erdenleben zu neuen Welten zu bringen, war unverrückbares Dogma geworden, sodass es letzten Endes wahr werden musste, selbst wenn es unmöglich erschien. Auf allen Regierungsgebäuden prangten die Worte von Lauren Olamino: &#34;Earthseed is all that spreads Earthlife to new earths.&#34; Ein totes Glaubensbekenntnis, das der ewige Wind auf OLA bewegte, so wie einst der Erdenwind die Fahnen der tibetanischen Mönche auf dem verlassenen Planeten. Denn man verdorrte auf OLA, mehr nicht!&#xA;&#xA;Nur wenige dieser Pioniere wussten um die Lügen, auf denen Earthseed errichtet worden war; wussten um die unheilvollen Ereignisse, die der Kapitän des dritten Raumschiffs der Erde auf Alpha Centauri zu verantworten hatte; wussten von den Verbrechen und Lügen einer Besatzung, die bis heute tiefe Verehrung in der Bevölkerung genoss. Der Held von OLA, dieser unfähige Kommandant, war vor Kurzem verstorben und hatte die Geschehnisse rund um die Landung mit ins Grab genommen. Drei Zeugen der einstigen Besatzung lebten noch, waren indes schon ihrem Tod so nahe, dass man ihnen keine klare Erinnerung zutrauen wollte. Die materiellen Zeugen der Geschehnisse: begraben,  verschüttet, versenkt an Orten, die man zum Teil gar nicht kannte. Auch in der KI fanden sich zwar Spuren der schändlichen Wahrheit, aber auch sie war manipuliert und des Sinns beraubt.&#xA;&#xA;Dass die Kinder dieser Generation die Bigotterie ihrer enttäuschen Eltern und Grosseltern nicht verstehen konnten, lag auf der Hand. Sie, die ja nichts anderes kannten als &#34;ihren&#34; Planeten, vermochten das Pathos und den verborgenen Schmerz ihrer Eltern nicht zu teilen. Sie lehnten die Lebenseinstellung der Vorfahren im Grunde ab. OLA war ihre Heimat: eine unzulängliche zwar, aber auch eine, die sie mit einem Set an Fertigkeiten und Wissen aus den Schulen entlassen hatten, das sie stolz machte, kritisch und kreativ. Die Märchen von der Mutter Erde, mit ihrer einst blühenden und sanften Natur mochten sie nicht glauben, den Heroismus der Pioniere die das geschaffen hatten, worauf sie aufbauten, belächelten sie. Nicht viele der Pioniergeneration hatten sich entschliessen wollen, Kinder in die Welt zu setzen. Daher hegte und pflegte man die wenigen Jungen, die auf OLA siedelten, verwöhnte sie und redete sich ein, dass diese Generation einst das schaffen werde, was einem selbst verwehrt war: das Universum mit dem Samen von Earthseed zu befruchten.&#xA;&#xA;Eine Elite waren sie: wenige, die exzellent ausgebildet waren, die mit den von anderen geschaffenen Strukturen bestens umzugehen wussten. Und so lauerten sie, höflich und geduldig, auf den Moment, wo einst sie die Geschicke von OLA lenken würden, den Augenblick, an dem die Gerontokratie abzudanken gedachte. Eine Elite der Überheblichkeit, ohne den Zugang zur eigenen Geschichte.&#xA;&#xA;#Allaine #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Eine Volkszählung aus dem Jahr WXYZ hatte ergeben, dass auf OLA 12.350 Personen lebten, darunter bloss wenig mehr als 1.000 Kinder unter 15 Jahren. Die Gute Verwaltung Earthseed war darüber sehr in Sorge, denn ihre Zivilisation entsprach schon aufgrund ihrer Altersstruktur bei weitem nicht einer, von der man Dynamik und Veränderung erwarten konnte. Aber die Herausforderungen der Gegenwart waren gross und wohl auch überwältigend.</p>



<p>Die 45 bis 60 jährigen stellten die grösste Bevölkerungsgruppe, das waren die Kinder der Pioniere, die den Flug von der Erde nach Alpha Centauri überlebt hatten. Sie hatten ihre besten Jahre an den Bau der Pavillons in der Schattenzone von OLA verwandt, waren ausgelaugt von den Strapazen der Kolonisation, von der damit verbundenen  Arbeit, die nicht nur an ihren Energien, sondern auch an ihrer Gesundheit gezehrt hatte. Müde, kranke Menschen, die sich ihren Traum erfüllt hatten, aber doch in einen Alptraum eines Lebens in Mangel, Entbehrung und Enttäuschung geschlittert waren. Mehr gab der Planet und ihre Ressourcen einfach nicht her! Denn das Leben war hart auf OLA und die Möglichkeiten, den Planeten zu entwickeln, durchwegs sehr beschränkt.  Sein Ökosystem pendelte zwischen zwei Extremen: Todbringende, das ganze Planetenjahr gleichbleibende Kälte oder auf der gegenüberliegenden Seite Hitze und Strahlung. Anders als die Erde drehte sich OLA beim Orbit um Proxima Centaur nicht um seine eigene Achse. Deshalb war auch nur ein schmaler Streifen zwischen Dunkelheit und Licht bewohnbar: die Dämmerung. In dieser Zone hatten die Pioniere in das nasse Gestein gebohrt und Stollen für ihre Pavillons gegraben wie galaktische Maulwürfe. Von diesen provisorischen Stützpunkten aus gingen sie ihrer Arbeit nach, in die Kuppelbauten der Wissenschaft, der Technik und der Agrokulturen mit ihren elliptischen Grundrissen und Aufbauten aus Glas, die sich in die Stürme schmiegten, welche das ganze Jahr hindurch tobten. Fünf derartige Siedlungen gab es, mehr nicht. Unfreundliches, kaltes und nasses Wetter, nicht ungefährlich wegen der periodisch auftretenden, kosmischen Strahlung. Keine Jahreszeiten, immer die gleichen Lichtschwankungen, immer und ewig Monotonie. Die Enttäuschung frass diese Generation auf. Sie war umso schwerer zu ertragen, je mehr sich die Menschen der offiziellen Doktrin von Hoffnung und Wandel verschrieb. Diese abgekämpfte, müde und enttäuschte Population der über Fünfzigjährigen war mehr als überfordert von den Aufgaben, Werten und Idealen, mit denen sie einst von der Gründermutter Lauren Olamino auf den Weg geschickt worden waren. Ihr ganzes Leben wollten sie diese Prinzipien in die Wirklichkeit umsetzen und konnten dabei doch nur zusehen, wie sie daran scheiterten</p>

<p>Aus dieser Generation stammten fast ausschliesslich auch jene, die die politischen Geschicke der Generation lenkten und sie kompensierten das Desaster von OLA schamlos. Das Buch der Lebenden war für diese Menschen nicht nur Glaubensbekenntnis, sondern politisches und ideologisches Credo. An die Tautologien des Gesagten glaubten sie, danach handelten sie, dazu versuchten sie zu überreden, mit aller Macht. Dass es die Aufgabe der Earthseed Zivilisation sei, Erdenleben zu neuen Welten zu bringen, war unverrückbares Dogma geworden, sodass es letzten Endes wahr werden musste, selbst wenn es unmöglich erschien. Auf allen Regierungsgebäuden prangten die Worte von Lauren Olamino: “Earthseed is all that spreads Earthlife to new earths.” Ein totes Glaubensbekenntnis, das der ewige Wind auf OLA bewegte, so wie einst der Erdenwind die Fahnen der tibetanischen Mönche auf dem verlassenen Planeten. Denn man verdorrte auf OLA, mehr nicht!</p>

<p>Nur wenige dieser Pioniere wussten um die Lügen, auf denen Earthseed errichtet worden war; wussten um die unheilvollen Ereignisse, die der Kapitän des dritten Raumschiffs der Erde auf Alpha Centauri zu verantworten hatte; wussten von den Verbrechen und Lügen einer Besatzung, die bis heute tiefe Verehrung in der Bevölkerung genoss. Der Held von OLA, dieser unfähige Kommandant, war vor Kurzem verstorben und hatte die Geschehnisse rund um die Landung mit ins Grab genommen. Drei Zeugen der einstigen Besatzung lebten noch, waren indes schon ihrem Tod so nahe, dass man ihnen keine klare Erinnerung zutrauen wollte. Die materiellen Zeugen der Geschehnisse: begraben,  verschüttet, versenkt an Orten, die man zum Teil gar nicht kannte. Auch in der KI fanden sich zwar Spuren der schändlichen Wahrheit, aber auch sie war manipuliert und des Sinns beraubt.</p>

<p>Dass die Kinder dieser Generation die Bigotterie ihrer enttäuschen Eltern und Grosseltern nicht verstehen konnten, lag auf der Hand. Sie, die ja nichts anderes kannten als “ihren” Planeten, vermochten das Pathos und den verborgenen Schmerz ihrer Eltern nicht zu teilen. Sie lehnten die Lebenseinstellung der Vorfahren im Grunde ab. OLA war ihre Heimat: eine unzulängliche zwar, aber auch eine, die sie mit einem Set an Fertigkeiten und Wissen aus den Schulen entlassen hatten, das sie stolz machte, kritisch und kreativ. Die Märchen von der Mutter Erde, mit ihrer einst blühenden und sanften Natur mochten sie nicht glauben, den Heroismus der Pioniere die das geschaffen hatten, worauf sie aufbauten, belächelten sie. Nicht viele der Pioniergeneration hatten sich entschliessen wollen, Kinder in die Welt zu setzen. Daher hegte und pflegte man die wenigen Jungen, die auf OLA siedelten, verwöhnte sie und redete sich ein, dass diese Generation einst das schaffen werde, was einem selbst verwehrt war: das Universum mit dem Samen von Earthseed zu befruchten.</p>

<p>Eine Elite waren sie: wenige, die exzellent ausgebildet waren, die mit den von anderen geschaffenen Strukturen bestens umzugehen wussten. Und so lauerten sie, höflich und geduldig, auf den Moment, wo einst sie die Geschicke von OLA lenken würden, den Augenblick, an dem die Gerontokratie abzudanken gedachte. Eine Elite der Überheblichkeit, ohne den Zugang zur eigenen Geschichte.</p>

<p><a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Allaine"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Allaine" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Allaine</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Schreibarbeit"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a></a> <a href="https://write.as/zettelwerk/tag:Figurenkabinett"><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Figurenkabinett" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Figurenkabinett</span></a></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/068-figurenkabinett-02-die-earthseed-zivilisation</guid>
      <pubDate>Wed, 07 Dec 2022 22:12:29 +0000</pubDate>
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      <title>067 Figurenkabinett 01: Lore</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Lore lehnt am Spielautomaten im Durchgang zum WC. Gross, schlaksig, mit wellig-wuscheliger Frisur. Hinter ihr in einer Ecke eine Reisetasche und ein Wanderstab aus Metall. Sie trägt eine schräggeschnittene beige Bluse und einen weit schwingenden, bis an die Knöchel reichenden Rock in Grau; darunter hohe Stiefel aus grobem, schwarzen Stoff. Aus Arbeitsgründen dürfen es manchmal auch Cargohosen sein. Sie besitzt welche in Grau, Petrol und Dunkelblau. Lore zieht Röcke vor.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Sie wird in diesem Moment gerade 20 Jahre sein, sieht aber älter aus. Ihre Gesichtszüge sind markant und finster, keinesfalls mädchenhaft. Sie wird schnell altern, hager werden und niemals auch nur ein bisschen Fett ansetzen. Sie trainiert ihren Körper in wütender Ausdauer, als müsse sie einen inneren Feind bekämpfen: Gewichtheben, Dehnungsgymnastik, Wan Tong Meditation.&#xA;&#xA;Man hat sie vom Planeten OLA mit einem Raumflieger auf die Station gebracht, sie, den Störenfried, diese unruhige und bittere Frau, die ihre öffentlichen Auftritte nur mehr in den Kantinen der Raumstationen des Orbit abhalten darf. Es ist ein Verweis, eine Ausweisung, eine Isolation, die über sie verfügt wurde. Doch auch darin sollte sich die Gütige Verwaltung von Earthseed getäuscht haben, und auch für Lore war es überraschend. Denn hier auf der Raumstation sucht sie Arbeit in ihrem ursprünglichen Beruf als Technikerin. Die hat sie mehr aus Zufall als wegen ihrer sozialen Geschicklichkeit bekommen. Ein Abenteuer erwächst aus dieser Anstellung, die sie an die Grenzen des Universums führt. Das kann sie nicht ahnen.&#xA;&#xA;Es gibt eigenartige Schicksalsverläufe auf OLA. Jede Person wird so, wie es für sie von ihrer Umgebung vorgesehen ist und jede Person versucht, etwas daraus zu machen. Oft misslingt das, und so soll es auch gut sein. Manchmal aber wird ein Weg eingeschlagen, den man nie gehen wollte, wird ein Ort erreicht, zu dem man nie kommen wollte. Eine Störung eben, etwas Irreguläres. So wird aus dieser störrischen jungen Frau eine unbotmässige Eroberin des Weltraums, eine Politikerin, die sich den Regeln der Welt von Earthseed  angepasst hat. Sie ist eine Rebellin im Schafspelz scheinbarer Anpassung, sie täuscht alle, sogar sich selbst. Das mag letzten Endes noch gefährlicher sein, als die Schicksale bekennender Aufrührer, welche sich den Kopf an den Ecken und Kanten der Gütigen Verwaltung blutig schlagen.&#xA;&#xA;Lore also wird vom bösartigen Star ihrer kritisch-aggressiven Show zur Abenteurerin mit Rückgrat, die sich nur dem eigenen Ethos verpflichtet fühlt. Sie ist zu Beginn ihrer Entwicklung einer der Free Speech Girls, die OLA unsicher machen. Sie stiehlt in heimlicher Kumpanei wertvolle Erze auf fremden Asteroiden, perfektioniert sich in verdeckten Operationen und schamlosen Lügen, ist geschmeidig in ihrer Anpassung an die waltende Macht. Ihre Bitterkeit auf Earthseed bleibt bestehen, ihr Urteil ist scharf und unerbittlich. Etwas scheint sie tief in ihrem Inneren aufzurühren, etwas, das mit dem unerklärlichen Tod ihrer Mutter zu tun haben muss.&#xA;&#xA;Lore liebt nicht offen, nur heimlich und auf verquere Weise. Tyen Nomasky etwa, den vereinsamten Raumschiffkommandeur, dem sie ihre Arbeit verdankt und zugleich den Weg in die Kriminalität. Er ist ihre Vaterfigur, ihr Held, dem sie sich anzuvertrauen vermag. Gleichzeitig stösst sie ihn immer wieder von sich, mit der frechen und schnoddrigen Art einer Aufsässigen, mit ihrem Aufbegehren gegen jede Form von Autorität. Sie fühlt ihre Verbindung zu ihm und verleugnet sie gleichzeitig. Sie bewegt sie sich wie in einem selbstgeschaffenen Käfig: Ein ununterbrochener Kreislauf von Begehren und Ablehnung, von Vertrauen und Misstrauen, von Lebendigkeit und passivem Abwarten.&#xA;&#xA;Da ist natürlich die Mutter, die so wie ihr Vater nicht mehr lebt, umgekommen in der Unwägbarkeit der DiaPause. Dass die DiaPause tödlich ist, wird von Earthseed Space regelmässig zerredet und letztendlich geleugnet. Die DiaPause: Ein Mythos vom Schlaf auf galaktischen Reisen. Auch Lores Eltern haben sich ihm freiwillig hingegeben im Vertrauen auf eine leuchtende Zukunft. Aber diese Zukunft endete mit dem Nicht Mehr Erwachen des Vaters, der in einem blöden Dämmerzustand verblieb, bis man seine Lebensfunktionen abgeschaltete. Die Mutter starb wenige Jahre danach, mit Organschäden, die man ganz offensichtlich auch der DiaPause zuschreiben musste. Was für eine Familie, die immer auf ihre Kinder vergisst und sich dem Sterben überlässt!  Ihnen bleiben Heime, Internate, Schulen, wo sie mit Aufmerksam erdrückt und mit Förderung gefoltert werden.&#xA;&#xA;Wen wundert es, dass sich Lore in fast alle Abenteuer stürzt, denen sie begegnet? Zunächst als Angehörige der Zunft der Free Speech Girls, die man hasst aber demokratisch  tolerieren muss, die das Establishment am liebsten in der nächsten Sonne verglühen wollte, deren aggressiven Gesängen man aber in trunkenen Nächten enthemmt zujubelt. Oder jenes andere Abenteuer, zu der sie der eigenartige Kommandeur des Raumschiffs Porphyros verleitet hat: den systematisch betriebenen Diebstahl wertvoller Materialien. Jenes Abenteuer auch, bei dem sie Odo kennenlernte, den bis zur geistigen Paralyse getriebenen Passagier, der durch Welten und Zeiten von der Erde geflohen war um in der Unendlichkeit zu verschwinen, als hätte es ihn nie gegeben. Abenteuer folgte Abenteuer, als wäre die Spannung, das Ungewisse, das Bedrohliche und Unvorhersehbare zum Fokus von Lores Leben geworden. Als wäre sie mit einem unklaren Schicksal geboren worden, das sich letztendlich als chaotische Suche herausstellen würde.&#xA;&#xA;Wo also geht sie hin? Auf eine lange Reise jedenfalls, die mit der Expedition auf einem Asteroiden begann, sich mit einer langen Reise zum Rand von Alpha Centauri fortsetzte und in einem politischen Amt enden sollte: einer Verantwortung für die Zivilisation von Earthseed, die sie so sehr verachtete, bis zuletzt. Während ihr Gefährte Tyen in den Weiten des Weltalls verschwindet, kehrt sie zu dem Planeten zurück, dessen Behörden sie einst von seiner habitablen Zone vertrieben hatte. Sie nimmt bei ihrer Heimkehr die Herzen der Bewohner im Sturm. Denn die verspricht den Menschen alles, was im Grunde niemals versprochen werden kann: Das Leben in der Utopie einer besseren Welt.&#xA;&#xA;#Allaine #Schreibarbeit #Figurenkabinett]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Lore lehnt am Spielautomaten im Durchgang zum WC. Gross, schlaksig, mit wellig-wuscheliger Frisur. Hinter ihr in einer Ecke eine Reisetasche und ein Wanderstab aus Metall. Sie trägt eine schräggeschnittene beige Bluse und einen weit schwingenden, bis an die Knöchel reichenden Rock in Grau; darunter hohe Stiefel aus grobem, schwarzen Stoff. Aus Arbeitsgründen dürfen es manchmal auch Cargohosen sein. Sie besitzt welche in Grau, Petrol und Dunkelblau. Lore zieht Röcke vor.</p>



<p>Sie wird in diesem Moment gerade 20 Jahre sein, sieht aber älter aus. Ihre Gesichtszüge sind markant und finster, keinesfalls mädchenhaft. Sie wird schnell altern, hager werden und niemals auch nur ein bisschen Fett ansetzen. Sie trainiert ihren Körper in wütender Ausdauer, als müsse sie einen inneren Feind bekämpfen: Gewichtheben, Dehnungsgymnastik, Wan Tong Meditation.</p>

<p>Man hat sie vom Planeten OLA mit einem Raumflieger auf die Station gebracht, sie, den Störenfried, diese unruhige und bittere Frau, die ihre öffentlichen Auftritte nur mehr in den Kantinen der Raumstationen des Orbit abhalten darf. Es ist ein Verweis, eine Ausweisung, eine Isolation, die über sie verfügt wurde. Doch auch darin sollte sich die Gütige Verwaltung von Earthseed getäuscht haben, und auch für Lore war es überraschend. Denn hier auf der Raumstation sucht sie Arbeit in ihrem ursprünglichen Beruf als Technikerin. Die hat sie mehr aus Zufall als wegen ihrer sozialen Geschicklichkeit bekommen. Ein Abenteuer erwächst aus dieser Anstellung, die sie an die Grenzen des Universums führt. Das kann sie nicht ahnen.</p>

<p>Es gibt eigenartige Schicksalsverläufe auf OLA. Jede Person wird so, wie es für sie von ihrer Umgebung vorgesehen ist und jede Person versucht, etwas daraus zu machen. Oft misslingt das, und so soll es auch gut sein. Manchmal aber wird ein Weg eingeschlagen, den man nie gehen wollte, wird ein Ort erreicht, zu dem man nie kommen wollte. Eine Störung eben, etwas Irreguläres. So wird aus dieser störrischen jungen Frau eine unbotmässige Eroberin des Weltraums, eine Politikerin, die sich den Regeln der Welt von Earthseed  angepasst hat. Sie ist eine Rebellin im Schafspelz scheinbarer Anpassung, sie täuscht alle, sogar sich selbst. Das mag letzten Endes noch gefährlicher sein, als die Schicksale bekennender Aufrührer, welche sich den Kopf an den Ecken und Kanten der Gütigen Verwaltung blutig schlagen.</p>

<p>Lore also wird vom bösartigen Star ihrer kritisch-aggressiven Show zur Abenteurerin mit Rückgrat, die sich nur dem eigenen Ethos verpflichtet fühlt. Sie ist zu Beginn ihrer Entwicklung einer der Free Speech Girls, die OLA unsicher machen. Sie stiehlt in heimlicher Kumpanei wertvolle Erze auf fremden Asteroiden, perfektioniert sich in verdeckten Operationen und schamlosen Lügen, ist geschmeidig in ihrer Anpassung an die waltende Macht. Ihre Bitterkeit auf Earthseed bleibt bestehen, ihr Urteil ist scharf und unerbittlich. Etwas scheint sie tief in ihrem Inneren aufzurühren, etwas, das mit dem unerklärlichen Tod ihrer Mutter zu tun haben muss.</p>

<p>Lore liebt nicht offen, nur heimlich und auf verquere Weise. Tyen Nomasky etwa, den vereinsamten Raumschiffkommandeur, dem sie ihre Arbeit verdankt und zugleich den Weg in die Kriminalität. Er ist ihre Vaterfigur, ihr Held, dem sie sich anzuvertrauen vermag. Gleichzeitig stösst sie ihn immer wieder von sich, mit der frechen und schnoddrigen Art einer Aufsässigen, mit ihrem Aufbegehren gegen jede Form von Autorität. Sie fühlt ihre Verbindung zu ihm und verleugnet sie gleichzeitig. Sie bewegt sie sich wie in einem selbstgeschaffenen Käfig: Ein ununterbrochener Kreislauf von Begehren und Ablehnung, von Vertrauen und Misstrauen, von Lebendigkeit und passivem Abwarten.</p>

<p>Da ist natürlich die Mutter, die so wie ihr Vater nicht mehr lebt, umgekommen in der Unwägbarkeit der DiaPause. Dass die DiaPause tödlich ist, wird von Earthseed Space regelmässig zerredet und letztendlich geleugnet. Die DiaPause: Ein Mythos vom Schlaf auf galaktischen Reisen. Auch Lores Eltern haben sich ihm freiwillig hingegeben im Vertrauen auf eine leuchtende Zukunft. Aber diese Zukunft endete mit dem Nicht Mehr Erwachen des Vaters, der in einem blöden Dämmerzustand verblieb, bis man seine Lebensfunktionen abgeschaltete. Die Mutter starb wenige Jahre danach, mit Organschäden, die man ganz offensichtlich auch der DiaPause zuschreiben musste. Was für eine Familie, die immer auf ihre Kinder vergisst und sich dem Sterben überlässt!  Ihnen bleiben Heime, Internate, Schulen, wo sie mit Aufmerksam erdrückt und mit Förderung gefoltert werden.</p>

<p>Wen wundert es, dass sich Lore in fast alle Abenteuer stürzt, denen sie begegnet? Zunächst als Angehörige der Zunft der Free Speech Girls, die man hasst aber demokratisch  tolerieren muss, die das Establishment am liebsten in der nächsten Sonne verglühen wollte, deren aggressiven Gesängen man aber in trunkenen Nächten enthemmt zujubelt. Oder jenes andere Abenteuer, zu der sie der eigenartige Kommandeur des Raumschiffs Porphyros verleitet hat: den systematisch betriebenen Diebstahl wertvoller Materialien. Jenes Abenteuer auch, bei dem sie Odo kennenlernte, den bis zur geistigen Paralyse getriebenen Passagier, der durch Welten und Zeiten von der Erde geflohen war um in der Unendlichkeit zu verschwinen, als hätte es ihn nie gegeben. Abenteuer folgte Abenteuer, als wäre die Spannung, das Ungewisse, das Bedrohliche und Unvorhersehbare zum Fokus von Lores Leben geworden. Als wäre sie mit einem unklaren Schicksal geboren worden, das sich letztendlich als chaotische Suche herausstellen würde.</p>

<p>Wo also geht sie hin? Auf eine lange Reise jedenfalls, die mit der Expedition auf einem Asteroiden begann, sich mit einer langen Reise zum Rand von Alpha Centauri fortsetzte und in einem politischen Amt enden sollte: einer Verantwortung für die Zivilisation von Earthseed, die sie so sehr verachtete, bis zuletzt. Während ihr Gefährte Tyen in den Weiten des Weltalls verschwindet, kehrt sie zu dem Planeten zurück, dessen Behörden sie einst von seiner habitablen Zone vertrieben hatte. Sie nimmt bei ihrer Heimkehr die Herzen der Bewohner im Sturm. Denn die verspricht den Menschen alles, was im Grunde niemals versprochen werden kann: Das Leben in der Utopie einer besseren Welt.</p>

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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/067-figurenkabinett-01-lore</guid>
      <pubDate>Mon, 05 Dec 2022 21:26:49 +0000</pubDate>
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      <title>066 Durchhalten:Allmacht - NaNoWriMo22, Tag 25</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Durchhalten: ja, aber nicht mehr auf hohem Niveau, eher ein Arbeiten unter Kurzatmigkeit. Es stimmt, meine Leistungskurve auf NaNoWriMo hat sich anfangs weit über dem Meridian von Zeit und Wörteranzahl eingependelt, um sich in den letzten Tagen wieder auf den Durchschnitt zuzubewegen. 4200 Wörter werde ich noch schreiben müssen, in den letzten fünf Tagen des November, was heisst, dass ich mir nicht mehr viele &#34;freie&#34; Tage leisten kann.&#xA;&#xA;Mehrere Faktoren kommen bei meinem kleinen &#34;Erschöpfungszustand&#34; -No drama please! - zusammen:&#xA;&#xA;(1) Eine Reise nach Wien, die Teilnahme an der BuchWien, Arztbesuche und die vielen anderen, kleinen und grossen Ablenkungen, die einem die Zeit und die Konzentration fürs Schreiben zu rauben drohen;&#xA;&#xA;(2) Das ständige Schreiben bewirkt, dass ich mir die Musse für die Korrektur, für das Schmökern in alten Manuskriptstellen und für die Recherche interessanter Themen einfach fehlt. Die Storyline treibt mich voran, mit der  grossen Gefahr, den Überblick, den stringenten Faden, ja selbst die von mir kreierten Begriffe wie Namen nicht mehr parat zu haben. Da macht sich das Gefühl breit, in den &#34;leeren Raum der Fantasie&#34; hineinzuschreiben, ohne Mass und ohne Ziel.&#xA;&#xA;(3) Einige meiner &#34;Schreibbuddies&#34; haben zu unmässigen Wortsprints von durchschnittlich 4000 Wörtern angesetzt, Sprints, die mich eher belasten, als dass sie meine Schreibwilligkeit antreiben.&#xA;&#xA;(4) Ich lese wieder Bücher, den Grossinquisitor etwa (ein kleiner aber berühmter Auszug aus Dostojewskis Roman &#34;Die Brüder Karamasov&#34;), bzw. Stephen Hawkings &#34;Illustrierte Kurze Geschichte der Zeit&#34;. Beide Lektüren bringen stetig neue Ideen hervor, die mich entweder dazu drängen, mein Schreibprojekt zu ergänzen oder korrigieren zu wollen, oder in eine völlig andere Richtungen zerren.&#xA;&#xA;Ich könnte noch mehr Argumente anfügen, die mir und meinen Leser:innen beweisen sollen, dass es jetzt doch nur unter Schwierigkeiten vorangeht; die meine Befürchtungen untermauern, das Plansoll eben nicht erreichen zu können; die mich wütend werden lassen, weil ich an einem möglicherweise stumpfsinnigen und im Grunde antipoetischen Experiment teilgenommen habe.&#xA;&#xA;Aber andrerseits: was steht am Ende dieses Versuches? Auf jeden Fall ein umfangreiches, aber auch interessantes Textkonvolut, das qualitativ gut oder schlecht sein kann, aber immerhin Material genug bereitstellt, um sich daran abzuarbeiten. Ich weiss, ich wiederhole mich, habe schon an anderer Stelle darüber geschrieben!&#xA;&#xA;Ich erscheine wohl wie ein Tänzer, der seinen Tanz beschwört und ihm dadurch magische Geltung zu schaffen versucht. Die Wörter, die beim Vorwärtsschreiben oft so schnell aus mir hervorbrechen, weil sie sich den fliessenden Gedanken, der galoppierenden Fantasie anpassen wollen, aber so schnell nicht niedergeschrieben werden können. Tipp- und Rechtschreibfehler, unschöne Wiederholungen, stilistische Krämpfe - über alle wird fleissig hinweg geschrieben beim Tanz um den Heiligen Gral der Geschichten. Wörter, die sich meist mit aller Gewalt ihren Weg bahnen, über alle Widerstände hinweg. Wenn ich diese Erfahrung mache, fühlt sich alles nicht so mühsam an, sondern eher wie eine mutige Pflege meiner Phantastereien. Und so schwanke ich, einer bipolaren Anmutung folgend, zwischen Allmacht und Ohnmacht und höre letzten Endes doch nicht auf zu schreiben.&#xA;&#xA;#Schreibarbeit #nanowrimo #buchwien]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Durchhalten: ja, aber nicht mehr auf hohem Niveau, eher ein Arbeiten unter Kurzatmigkeit. Es stimmt, meine Leistungskurve auf NaNoWriMo hat sich anfangs weit über dem Meridian von Zeit und Wörteranzahl eingependelt, um sich in den letzten Tagen wieder auf den Durchschnitt zuzubewegen. 4200 Wörter werde ich noch schreiben müssen, in den letzten fünf Tagen des November, was heisst, dass ich mir nicht mehr viele “freie” Tage leisten kann.</p>

<p>Mehrere Faktoren kommen bei meinem kleinen “Erschöpfungszustand” -No drama please! – zusammen:</p>

<p>(1) Eine Reise nach Wien, die Teilnahme an der BuchWien, Arztbesuche und die vielen anderen, kleinen und grossen Ablenkungen, die einem die Zeit und die Konzentration fürs Schreiben zu rauben drohen;</p>

<p>(2) Das ständige Schreiben bewirkt, dass ich mir die Musse für die Korrektur, für das Schmökern in alten Manuskriptstellen und für die Recherche interessanter Themen einfach fehlt. Die Storyline treibt mich voran, mit der  grossen Gefahr, den Überblick, den stringenten Faden, ja selbst die von mir kreierten Begriffe wie Namen nicht mehr parat zu haben. Da macht sich das Gefühl breit, in den “leeren Raum der Fantasie” hineinzuschreiben, ohne Mass und ohne Ziel.</p>

<p>(3) Einige meiner “Schreibbuddies” haben zu unmässigen Wortsprints von durchschnittlich 4000 Wörtern angesetzt, Sprints, die mich eher belasten, als dass sie meine Schreibwilligkeit antreiben.</p>

<p>(4) Ich lese wieder Bücher, den Grossinquisitor etwa (ein kleiner aber berühmter Auszug aus Dostojewskis Roman “Die Brüder Karamasov”), bzw. Stephen Hawkings “Illustrierte Kurze Geschichte der Zeit”. Beide Lektüren bringen stetig neue Ideen hervor, die mich entweder dazu drängen, mein Schreibprojekt zu ergänzen oder korrigieren zu wollen, oder in eine völlig andere Richtungen zerren.</p>

<p>Ich könnte noch mehr Argumente anfügen, die mir und meinen Leser:innen beweisen sollen, dass es jetzt doch nur unter Schwierigkeiten vorangeht; die meine Befürchtungen untermauern, das Plansoll eben nicht erreichen zu können; die mich wütend werden lassen, weil ich an einem möglicherweise stumpfsinnigen und im Grunde antipoetischen Experiment teilgenommen habe.</p>

<p>Aber andrerseits: was steht am Ende dieses Versuches? Auf jeden Fall ein umfangreiches, aber auch interessantes Textkonvolut, das qualitativ gut oder schlecht sein kann, aber immerhin Material genug bereitstellt, um sich daran abzuarbeiten. Ich weiss, ich wiederhole mich, habe schon an anderer Stelle darüber geschrieben!</p>

<p>Ich erscheine wohl wie ein Tänzer, der seinen Tanz beschwört und ihm dadurch magische Geltung zu schaffen versucht. Die Wörter, die beim Vorwärtsschreiben oft so schnell aus mir hervorbrechen, weil sie sich den fliessenden Gedanken, der galoppierenden Fantasie anpassen wollen, aber so schnell nicht niedergeschrieben werden können. Tipp- und Rechtschreibfehler, unschöne Wiederholungen, stilistische Krämpfe – über alle wird fleissig hinweg geschrieben beim Tanz um den Heiligen Gral der Geschichten. Wörter, die sich meist mit aller Gewalt ihren Weg bahnen, über alle Widerstände hinweg. Wenn ich diese Erfahrung mache, fühlt sich alles nicht so mühsam an, sondern eher wie eine mutige Pflege meiner Phantastereien. Und so schwanke ich, einer bipolaren Anmutung folgend, zwischen Allmacht und Ohnmacht und höre letzten Endes doch nicht auf zu schreiben.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Schreibarbeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Schreibarbeit</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:nanowrimo" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">nanowrimo</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:buchwien" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">buchwien</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/durchhalten-allmacht-nanowrimo22-tag-25</guid>
      <pubDate>Sat, 26 Nov 2022 09:59:39 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>065 Artemis - NoNaWriMo22, Tag 15 und 16</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Als ich das erste Bild von Raumschiff Orion sehe, das innerhalb der Artemis - Mission nunmehr schon über 80.000 Kilometer von der Erde Richtung Mond unterwegs ist, bin ich tief beeindruckt. Es ist überbelichtet, zeigt nur den hinteren Teil des Raumschiffs und sonst bloss den von Schlieren überzogenen, leicht bläulich anmutenden Weltraum.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;&#34;Deep Space! Artemis Generation! A Community on and around the Moon!&#34;, versucht uns die Pressesprecherin der NASA in der Übertragung noch zusätzlich zu begeistern. Aber ich bin schon begeistert und die Phrasen einer Vertreterin einer schwächelnden Weltmacht und einer von Misserfolgen und Rückschlägen gekennzeichneten Agency holen mich fast wieder zurück auf den Boden mühseligen Schreibens zurück. Denn mir geht es nicht um irgendwelche Nationen oder einen fragwürdigen Fortschritt. Ich bin gedanklich und schreibend einer Epoche auf der Spur, die man Post-Anthropozän nennt.&#xA;&#xA;Ich schreibe gerade an einem Stück Space-Fiction im Rahmen des NNaNoWriMo22 und beobachte den schon zweimal verschobenen Start der Artemis 1 Mission in einer Live-Übertragung. Ich beobachte Versatzstücke dessen, was ich mir seit Wochen vorzustellen und in Worte umzusetzen versuche, nun in der Realität: Ein Raumschiff auf seinem Weg durch das schweigende All. Das also ist die Belohnung für einen, der sich in eine Idee (besser gesagt: in eine Vielzahl von Ideen) hineinzuversetzen versucht; einen, der seinen Horizont durch Schreiben erweitert, der sich in Geschichten ergeht, ja mitunter auch verzettelt. Ihm wird ein klareres Bild vergönnt, von dem, was passieren soll, wie es aussieht und auch, wie es benannt werden soll.&#xA;&#xA;Dieses REALE (!) Raumschiff, im Bild krass überbelichtet, ist eine Bestätigung meiner Ideen und befeuert sie zur gleichen Zeit. Die Artemis Mission kommt mir gerade recht, in der Mitte des Monats, in dem ich mich verpflichtet habe, 65.000 Wörter zu schreiben. Fast die Hälfte ist geschafft: da kommt die Motivation durch eine Weltraumreise passend daher. Eine Weltraumreise, die propagandistisch schon fast abgeschrieben war. Eine Schreibprojekt, dass ich nur durch Zufall entdeckt habe. Ideen, die sonst nie aufgetaucht wären.&#xA;&#xA;In meinem Roman habe ich zwei Teams auf die Reise geschickt: eines nach Alpha Centauri, dem Auftrag, eine neue Zivilisation zu gründen, folgend und eines, Alpha Centauri verlassend, auf der Suche nach der Unendlichkeit, nach dem Verschwinden im Nichts. Ich muss mir die Reisen vorstellen können, die immer wieder in die Bewusstlosigkeit einer DiaPause führen. und schwer wieder aus ihr heraus. Ich muss das Unerklärliche, die Anomalie und den Mythos begreifbar machen anhand der Zukunftsgeschichte des Menschen. Ich muss ihn auch belehren, dass er:sie die Erinnerung braucht, um an eine Zukunft denken zu können.&#xA;&#xA;Und gerade jetzt fällt mir ein, dass ich die Phantasie ehren muss und ihr zum Lobe weiter mit dem täglichen Schreibpensum weitermachen sollte. Über Ende November hinaus, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Orion zur Erde zurückgekehrt, all den Staub des Weltalls auf ihrer Oberfläche verbrannt und im Wasser gelandet. Splash am 11. Dezember 2022!&#xA;&#xA;#Schreibarbeit #ArtemisMission #Orion #nanowrimo, #Allaine]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Als ich das erste Bild von Raumschiff Orion sehe, das innerhalb der Artemis – Mission nunmehr schon über 80.000 Kilometer von der Erde Richtung Mond unterwegs ist, bin ich tief beeindruckt. Es ist überbelichtet, zeigt nur den hinteren Teil des Raumschiffs und sonst bloss den von Schlieren überzogenen, leicht bläulich anmutenden Weltraum.</p>



<p>“Deep Space! Artemis Generation! A Community on and around the Moon!”, versucht uns die Pressesprecherin der NASA in der Übertragung noch zusätzlich zu begeistern. Aber ich bin schon begeistert und die Phrasen einer Vertreterin einer schwächelnden Weltmacht und einer von Misserfolgen und Rückschlägen gekennzeichneten Agency holen mich fast wieder zurück auf den Boden mühseligen Schreibens zurück. Denn mir geht es nicht um irgendwelche Nationen oder einen fragwürdigen Fortschritt. Ich bin gedanklich und schreibend einer Epoche auf der Spur, die man Post-Anthropozän nennt.</p>

<p>Ich schreibe gerade an einem Stück Space-Fiction im Rahmen des NNaNoWriMo22 und beobachte den schon zweimal verschobenen Start der Artemis 1 Mission in einer Live-Übertragung. Ich beobachte Versatzstücke dessen, was ich mir seit Wochen vorzustellen und in Worte umzusetzen versuche, nun in der Realität: Ein Raumschiff auf seinem Weg durch das schweigende All. Das also ist die Belohnung für einen, der sich in eine Idee (besser gesagt: in eine Vielzahl von Ideen) hineinzuversetzen versucht; einen, der seinen Horizont durch Schreiben erweitert, der sich in Geschichten ergeht, ja mitunter auch verzettelt. Ihm wird ein klareres Bild vergönnt, von dem, was passieren soll, wie es aussieht und auch, wie es benannt werden soll.</p>

<p>Dieses REALE (!) Raumschiff, im Bild krass überbelichtet, ist eine Bestätigung meiner Ideen und befeuert sie zur gleichen Zeit. Die Artemis Mission kommt mir gerade recht, in der Mitte des Monats, in dem ich mich verpflichtet habe, 65.000 Wörter zu schreiben. Fast die Hälfte ist geschafft: da kommt die Motivation durch eine Weltraumreise passend daher. Eine Weltraumreise, die propagandistisch schon fast abgeschrieben war. Eine Schreibprojekt, dass ich nur durch Zufall entdeckt habe. Ideen, die sonst nie aufgetaucht wären.</p>

<p>In meinem Roman habe ich zwei Teams auf die Reise geschickt: eines nach Alpha Centauri, dem Auftrag, eine neue Zivilisation zu gründen, folgend und eines, Alpha Centauri verlassend, auf der Suche nach der Unendlichkeit, nach dem Verschwinden im Nichts. Ich muss mir die Reisen vorstellen können, die immer wieder in die Bewusstlosigkeit einer DiaPause führen. und schwer wieder aus ihr heraus. Ich muss das Unerklärliche, die Anomalie und den Mythos begreifbar machen anhand der Zukunftsgeschichte des Menschen. Ich muss ihn auch belehren, dass er:sie die Erinnerung braucht, um an eine Zukunft denken zu können.</p>

<p>Und gerade jetzt fällt mir ein, dass ich die Phantasie ehren muss und ihr zum Lobe weiter mit dem täglichen Schreibpensum weitermachen sollte. Über Ende November hinaus, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Orion zur Erde zurückgekehrt, all den Staub des Weltalls auf ihrer Oberfläche verbrannt und im Wasser gelandet. Splash am 11. Dezember 2022!</p>

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      <pubDate>Wed, 16 Nov 2022 18:36:43 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title>064 Ereignishorizont - NaNoWriMo22, Tag 13 und 14</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Plötzlich habe ich im Denken und Empfinden eine Grenze überschritten: beim Thema Informationsparadoxon. Wie wäre es tatsächlich, nicht mehr auf die Erinnerung vertrauen zu können?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Ja natürlich, ich weiss schon, dass man:frau immer ein bisschen skeptisch sein sollte in bezug darauf, was man erinnert, was man vergisst und was man plötzlich wieder erinnert. Man darf dies nicht eins zu eins in die sgn. Wahrheit einer Maschine übersetzen. Wovor ich aber tatsächlich Angst habe, ist es, wenn die in mir gespeicherten Erinnerungen/Informationen tatsächlich zufällig wären und nichts mehr mit dem zu tun haben, was mir in meinem Leben wichtig war und wichtig ist. Wie wäre es, keine Erinnerung zu haben und damit auch keine Vergangenheit? In einer völligen Anamnese sich zu befinden oder in zufällig generierten Erinnerungen, die nichts mehr mit dem eigenen Leben zu tun haben.&#xA;&#xA;Ein Film auf Netflix über Schwarze Löcher wirft dieses Thema auf. Wenn wir uns also nicht sicher sein können, ob Informationen in dieser Welt verloren gehen (wie die Quantenphysik behauptet), dann können wir uns auch nicht sicher sein, ob unsere Erinnerungen vollständig sind und unsere Vergangenheit valide ist. Unsere ganze Existenz ist damit in Frage gestellt. Die Schwarzen Löcher, die alles verschlucken, was sich über ihren Ereignishorizont gewagt hat, weigern sich möglicherweise hartnäckig, den bis dahin gültigen physikalischen Gesetzen zu entsprechen. Das macht manche Wissenschafter verrückt, und verunsichert Menschen mit wenig Phantasie zutiefst. Uns SciFi-Autor:innen sollte dieser Sachverhalt aber nicht nur zu denken, sondern auch zu schreiben geben. Der Gedanke könnte durchaus bereichernd sein, ihn in eine Geschichte zu kleiden durchaus spannend.&#xA;&#xA;Ein wenig versuche ich das im Romanprojekt Allaine. Bei der Stasis (=dem Tiefschlaf), die ich der Mannschaft eines Raumschiffs &#34;verordnet&#34; habe, weil es den 4.367 Lichtjahre langen Weg von der Erde nach Alpha Centauri zurücklegen muss, werden 140 Lebensjahre im Tiefschlaf verschluckt So lange dauert nämlich der Flug des Raumschiffs zum Zielort. Zwei Fragen tun sich auf: Wie &#34;füllt&#34; man einen Erinnerungshorizont  von Menschen, die sich auf eine derartige Reise begeben haben? Man kann diese doch nicht ohne Erinnerung lassen, nach so vielen Jahren der Leere! Und was passiert in der Stase mit dem Erinnerungsvermögen, welche Störungen erfährt es durch eine lange Ruhezeit: ja welche Störungen erfährt der gesamte Körper, die Psyche, das soziale Verhalten? Kann denn Erinnerung sich am Leben erhalten, ohne ständig genährt und bereichert zu werden? Welchen Traum darf man dem Schlafenden zutrauen?&#xA;&#xA;Diese Fragen interessieren mich sehr. In meinem Roman stelle ich auch die Fragen: Was bringt man diesen Menschen bei, die als Pioniere eine eigene &#34;Heldengeschichte&#34; aufweisen müssen, schon im Interesse des Mythos der Errichtung einer neuen Zivilisation ? Was lernen sie an ideologischen Versatzstücken angesichts jener Vergangenheit, die sie nicht bewusst erinnern können und die, künstlich implementiert, nun zu ihrer Erinnerung wird? Wer schreibt den Heldenmythos eines im Weltraum dahintreibenden Schiffes? Denn es braucht ihn unbedingt, angesichts der Leere eines stummen Nichts, in dem man dahintreibt und auch angesichts der Leere eines noch nie von Menschen besiedelten Planeten.&#xA;&#xA;#Schreibarbeit #nanowrimo #Erinnerung #Ereignishorizont #Netflix #SchwarzeLöcher #Film #Allaine #Weltraum]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Plötzlich habe ich im Denken und Empfinden eine Grenze überschritten: beim Thema Informationsparadoxon. Wie wäre es tatsächlich, nicht mehr auf die Erinnerung vertrauen zu können?</p>



<p>Ja natürlich, ich weiss schon, dass man:frau immer ein bisschen skeptisch sein sollte in bezug darauf, was man erinnert, was man vergisst und was man plötzlich wieder erinnert. Man darf dies nicht eins zu eins in die sgn. Wahrheit einer Maschine übersetzen. Wovor ich aber tatsächlich Angst habe, ist es, wenn die in mir gespeicherten Erinnerungen/Informationen tatsächlich zufällig wären und nichts mehr mit dem zu tun haben, was mir in meinem Leben wichtig war und wichtig ist. Wie wäre es, keine Erinnerung zu haben und damit auch keine Vergangenheit? In einer völligen Anamnese sich zu befinden oder in zufällig generierten Erinnerungen, die nichts mehr mit dem eigenen Leben zu tun haben.</p>

<p>Ein Film auf Netflix über Schwarze Löcher wirft dieses Thema auf. Wenn wir uns also nicht sicher sein können, ob Informationen in dieser Welt verloren gehen (wie die Quantenphysik behauptet), dann können wir uns auch nicht sicher sein, ob unsere Erinnerungen vollständig sind und unsere Vergangenheit valide ist. Unsere ganze Existenz ist damit in Frage gestellt. Die Schwarzen Löcher, die alles verschlucken, was sich über ihren Ereignishorizont gewagt hat, weigern sich möglicherweise hartnäckig, den bis dahin gültigen physikalischen Gesetzen zu entsprechen. Das macht manche Wissenschafter verrückt, und verunsichert Menschen mit wenig Phantasie zutiefst. Uns SciFi-Autor:innen sollte dieser Sachverhalt aber nicht nur zu denken, sondern auch zu schreiben geben. Der Gedanke könnte durchaus bereichernd sein, ihn in eine Geschichte zu kleiden durchaus spannend.</p>

<p>Ein wenig versuche ich das im Romanprojekt Allaine. Bei der Stasis (=dem Tiefschlaf), die ich der Mannschaft eines Raumschiffs “verordnet” habe, weil es den 4.367 Lichtjahre langen Weg von der Erde nach Alpha Centauri zurücklegen muss, werden 140 Lebensjahre im Tiefschlaf verschluckt So lange dauert nämlich der Flug des Raumschiffs zum Zielort. Zwei Fragen tun sich auf: Wie “füllt” man einen Erinnerungshorizont  von Menschen, die sich auf eine derartige Reise begeben haben? Man kann diese doch nicht ohne Erinnerung lassen, nach so vielen Jahren der Leere! Und was passiert in der Stase mit dem Erinnerungsvermögen, welche Störungen erfährt es durch eine lange Ruhezeit: ja welche Störungen erfährt der gesamte Körper, die Psyche, das soziale Verhalten? Kann denn Erinnerung sich am Leben erhalten, ohne ständig genährt und bereichert zu werden? Welchen Traum darf man dem Schlafenden zutrauen?</p>

<p>Diese Fragen interessieren mich sehr. In meinem Roman stelle ich auch die Fragen: Was bringt man diesen Menschen bei, die als Pioniere eine eigene “Heldengeschichte” aufweisen müssen, schon im Interesse des Mythos der Errichtung einer neuen Zivilisation ? Was lernen sie an ideologischen Versatzstücken angesichts jener Vergangenheit, die sie nicht bewusst erinnern können und die, künstlich implementiert, nun zu ihrer Erinnerung wird? Wer schreibt den Heldenmythos eines im Weltraum dahintreibenden Schiffes? Denn es braucht ihn unbedingt, angesichts der Leere eines stummen Nichts, in dem man dahintreibt und auch angesichts der Leere eines noch nie von Menschen besiedelten Planeten.</p>

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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/064-ereignishorizont-nanowrimo-tag-13-und-14</guid>
      <pubDate>Mon, 14 Nov 2022 19:53:19 +0000</pubDate>
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