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    <title>postanthropozän &amp;mdash; Zettelwerk</title>
    <link>https://zettelwerk.writeas.com/tag:postanthropozän</link>
    <description>Notizen eines Fiktionauten.</description>
    <pubDate>Mon, 27 Apr 2026 09:47:03 +0000</pubDate>
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      <title>postanthropozän &amp;mdash; Zettelwerk</title>
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      <title>035 Reise ins Nichts. Kosmologisches. LDV003</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Die Anomalie als Prinzip. Im Sternenjahr 2140. LdV 003&#xA;&#xA;\[Den Epeditionen in NMS bleibe ich schon über Jahre treu. Es ist eine Entdeckungsfahrt sondergleichen, ein ständiges Auf und Ab. Abenteuer reiht sich an Routine, Irrtum an Erfolg, Einsamkeit an intergalaktische Vertrautheit. Nichts ist eindeutig, aber einiges vorhersehbar. Man möchte gerne planen, seine Umgebung systematisch erforschen, doch wozu? Diese sonderbare Welt, ist zu gross ist, um “entdeckt” werden zu können.\]&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Heute eines dieser merkwürdig absurden Erlebnis gehabt, das für das Leben in der Paradoxie dieser Galaxis so charakteristisch ist. Mit dem Bau meiner landwirtschaftlichen Anlage bin ich mittlerweile so weit fortgeschritten, dass ich mir erlauben kann, ein wenig den Missionen nachzugehen, die ich mir für die unmittelbare Zukunft vorgenommen habe. Und in diesen Missionen geschieht oft das Unglaubliche!&#xA;&#xA;Die Korvax, neben den Gek und den Vykeen eine der Lebensformen in der NMS-Galaxie, haben mir ganz offiziell ihr Misstrauen ausgesprochen. Bei der Abwehr einer Piratenattacke auf einen Fregattenzug habe ich im Eifer des Gefechts einen Verteidiger bombardiert. Die Wächter der Galaxie haben sich natürlich sofort eingeschaltet und mich als verkappten Piratenjäger identifiziert. Also musste ich vom Ort meiner Hilfeleistung fliehen und wohl die Schuld auf mich nehmen. Den Wächtern konnte ich gut entkommen, aber wie könnte ich das Vertrauen der Korvax wieder herstellen?&#xA;&#xA;Also flog ich auf eine von ihnen dominierte Raumstation und versuchte Abbitte zu leisten. Ich konnte mir am Anfang meiner Handelskarriere einfach nicht leisten, Negativpunkte zu sammeln und das Vertrauen einer ganzen Lebensform aufs Spiel setzen. Der Korvax-Kartograph, der bei meinem Bittgang die erste Anlaufstelle war, hörte mir aufmerksam zu, neigte behutsam den Kopf und machte mir folgenden Vorschlag: Er würde mich auf eine Mission entsenden, zum Beweis meiner Glaubwürdigkeit hätte ich bestimmte Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen. Ein von ihm auf meinen Bordcomputer übertragenes Signal würde mich seiner Aussage nach zu zu einem &#34;anomalen Gebäude führen, wo ich ein weiteres, diesmal aber &#34;anomales&#34; Signal auffangen würde. Dieses wäre zu ihm zurückzubringen. Das ist alles, was ich von ihm erfahre. Zuerst war ich noch froh, als ich ihn endlich in den Weiten des Euklid-Systems auf einem kleinen, unscheinbaren Planeten gefunden hatte. Dass er aber in Rätseln sprechen würde und sich meinen Nachfragen so verschliessen würde, hätte ich nicht erwartet.&#xA;&#xA;Bevor ich mich auf den beschwerlichen Weg machte, versuchte ich die kryptischen Hinweise zu entschlüsseln, bemühe meine Bordbibliothek, die über Anomale Gebäude Aufschluss geben konnte, oder zumindest einen Hinweis liefern würde. Weit gefehlt, ich konnte keine wie immer gearteten Informationen finden! Die Eingabe aller möglichen und unmöglichen Suchbegriffe führen zu nichts, aus dem ich Schlüsse ziehen hätte können. Ich war so kklug als wie zuvor.&#xA;&#xA;Also flog ich los, den  vorläufigen Koordinaten des Signals folgend. Nach dem Eintritt in den Orbit und dem Durchbrechen der Wolkendecke schimmerte unter mir einer dieser Wasserplaneten, die sich zwar als schöne Abwechslung im Weltraum präsentieren, einmal gelandet sich aber als Wasserwüste entpuppen und wenig Abwechslung bieten. Der Planet war ein sehr heisser, kein Wind blies, das Meer war entsprechend brackig und in ein eigentümliches Rot getaucht. Kein Land war in Sicht, nur sporadisch tauchten kleine Inseln auf, die seltsam abgeplattet waren und vegetationslos waren.&#xA;&#xA;Das Funksignal schwebte über dem weiten Ozean. Die Module meines Eo-Anzugs würden stark beansprucht werden: ich mass erhöhte Radioaktivität und Temperaturen über 45 Grad. Das würde wohl ein schwieriger Planetengang werden. Aber wo landen? Dreimal umflog ich das Signal, das direkt ins Wasser zeigte, aber auch unter der Wasseroberfläche konnte ich nichts entdecken. Ich würde mein Raumschiff nicht ins Wasser setzen wollen, also landete ich ungefährt 2000 Einheiten entfernt vom angezeigten Ort auf einem kleinen Eiland, nicht viel grässer als das Landepad eines Raumschiffes. Dann stellte ich meinen Scanner auf das Ziel ein, um genauere Daten zum Fundort ablesen zu können. Das Ziel war tatsächlich draussen im Meer. Ich würde einen Tauchgang wagen müssen. Die Anomalie war wahrscheinlich unter Wasser.&#xA;&#xA;Ich sprang ins Wasser, der Abbruch des Felsens, auf dem ich mit meinem Raumschiff gelandet war, war offenbar gewaltig. Unter mir befanden sich die Tiefen dieses gewaltigen Meeres. Ich schwamm los, aber schon bald bemerkte ich, dass es mir schwer fiel, die Richtung zu halten. Weder mein Scanner noch mein natürlicher Orientierungssinn schienen zu funktionieren. Ich hatte zunehmend das Gefühl, im Kreis zu schwimmen, die Richtung nicht mehr halten zu können, ich begann verwirrt zu werden. Der Sauerstoffvorrat wurde ebenso immer knapper und ich musste mich von Kelppflanze zu Kelppflanze vorankämpfen, um dort jeweils frische Luft aufnehmen zu können. Als ich merkte, dass ich immer wieder zurück zum Standort meines Schiffes zuzusteuern drohte, es dann aber im nächsten Moment wieder verschwunden war, drohte ich in Panik zu geraten. Es war, als ob ich mich in einer Spirale bewegte, die mich immer tiefer uns Unbekannte und Gefährliche hinabzog. Ich befand mich orientierungslos und zunehmend verwirrt mitten in besagter Anomalie.&#xA;&#xA;Die Orientierung spielte verrückt, genauso wie der Kompass in der Nähe des magnetischen Nordpols unserer Erde. Davon hatte ich schon gelesen, wie er dort immerwieder hin und herzuspringen drohte, sich kontinuierlich um die eigene Achse drehte. Genauso erging es mir. Ich plantschte im Wasser, drohte mich zu verlieren, wusste nicht mehr in welche Richtung ich schwamm, wo sich oben und unten befanden. Der Tod stand als Möglichkeit im Raum, ein virtueller Tod zwar, aber schlimm genug, sich so verrannt zu haben.&#xA;&#xA;Dann, am Höhepunkt meiner Verzweiflung, stabilisierte das Sigal mit einem Mal seine Position. Unter mir befand sich eine Wasserkapsel, zu der ich hinabtauchte und durch die Schleuse ins Innere schwamm. Ich war gerettet! Zitternd stand ich am Meeresgrund und versuchte mich zu beruhigen. Mein Puls raste, aber schliesslich gelang es mir, mich wieder einigermassen zu stabilisieren. Die Systeme arbeiteten wieder allmählich im Normalbetrieb. Ich sah mich um, entdeckte den Stationsterminal und holte mir von dort ohne Schwierigkeiten jene Software, wegen der ich dieses Abenteuer gewagt hatte.&#xA;&#xA;Die  Rückkehr zum Raumschiff dauerte erwartungsgemäss lange, war aber gottseidank relativ ereignislos. Trotzdem war ich froh, dass ich wieder ins Cockpit steigen konnte, um mich von diesem unsäglichen Ort zu entfernen. Die Mission war erfüllt, ich hoffte, durch diese Exkursion meine Schuld bei den Korvax abgeleistet zu  haben. Als Beweis würde ich ja dieses mühsam ergatterte Stück Software vorweisen können. Es enthielt wohl meine verzweifelte Suche. Ich  wusste mit einem Mal, dass es weniger um die Beute aus den Tiefen des Meeres ging, als vielmehr um den Schrecken, mit dem ich mich zu konfrontieren hatte.&#xA;&#xA;#nms #PostAnthropozän #Weltraum]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Die Anomalie als Prinzip. Im Sternenjahr 2140. LdV 003</strong></p>

<p><em><strong>[Den Epeditionen in NMS bleibe ich schon über Jahre treu. Es ist eine Entdeckungsfahrt sondergleichen, ein ständiges Auf und Ab. Abenteuer reiht sich an Routine, Irrtum an Erfolg, Einsamkeit an intergalaktische Vertrautheit. Nichts ist eindeutig, aber einiges vorhersehbar. Man möchte gerne planen, seine Umgebung systematisch erforschen, doch wozu? Diese sonderbare Welt, ist zu gross ist, um “entdeckt” werden zu können.]</strong></em></p>



<p>Heute eines dieser merkwürdig absurden Erlebnis gehabt, das für das Leben in der Paradoxie dieser Galaxis so charakteristisch ist. Mit dem Bau meiner landwirtschaftlichen Anlage bin ich mittlerweile so weit fortgeschritten, dass ich mir erlauben kann, ein wenig den Missionen nachzugehen, die ich mir für die unmittelbare Zukunft vorgenommen habe. Und in diesen Missionen geschieht oft das Unglaubliche!</p>

<p>Die Korvax, neben den Gek und den Vykeen eine der Lebensformen in der NMS-Galaxie, haben mir ganz offiziell ihr Misstrauen ausgesprochen. Bei der Abwehr einer Piratenattacke auf einen Fregattenzug habe ich im Eifer des Gefechts einen Verteidiger bombardiert. Die Wächter der Galaxie haben sich natürlich sofort eingeschaltet und mich als verkappten Piratenjäger identifiziert. Also musste ich vom Ort meiner Hilfeleistung fliehen und wohl die Schuld auf mich nehmen. Den Wächtern konnte ich gut entkommen, aber wie könnte ich das Vertrauen der Korvax wieder herstellen?</p>

<p>Also flog ich auf eine von ihnen dominierte Raumstation und versuchte Abbitte zu leisten. Ich konnte mir am Anfang meiner Handelskarriere einfach nicht leisten, Negativpunkte zu sammeln und das Vertrauen einer ganzen Lebensform aufs Spiel setzen. Der Korvax-Kartograph, der bei meinem Bittgang die erste Anlaufstelle war, hörte mir aufmerksam zu, neigte behutsam den Kopf und machte mir folgenden Vorschlag: Er würde mich auf eine Mission entsenden, zum Beweis meiner Glaubwürdigkeit hätte ich bestimmte Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen. Ein von ihm auf meinen Bordcomputer übertragenes Signal würde mich seiner Aussage nach zu zu einem “anomalen Gebäude führen, wo ich ein weiteres, diesmal aber “anomales” Signal auffangen würde. Dieses wäre zu ihm zurückzubringen. Das ist alles, was ich von ihm erfahre. Zuerst war ich noch froh, als ich ihn endlich in den Weiten des Euklid-Systems auf einem kleinen, unscheinbaren Planeten gefunden hatte. Dass er aber in Rätseln sprechen würde und sich meinen Nachfragen so verschliessen würde, hätte ich nicht erwartet.</p>

<p>Bevor ich mich auf den beschwerlichen Weg machte, versuchte ich die kryptischen Hinweise zu entschlüsseln, bemühe meine Bordbibliothek, die über <em>Anomale Gebäude</em> Aufschluss geben konnte, oder zumindest einen Hinweis liefern würde. Weit gefehlt, ich konnte keine wie immer gearteten Informationen finden! Die Eingabe aller möglichen und unmöglichen Suchbegriffe führen zu nichts, aus dem ich Schlüsse ziehen hätte können. Ich war so kklug als wie zuvor.</p>

<p>Also flog ich los, den  vorläufigen Koordinaten des Signals folgend. Nach dem Eintritt in den Orbit und dem Durchbrechen der Wolkendecke schimmerte unter mir einer dieser Wasserplaneten, die sich zwar als schöne Abwechslung im Weltraum präsentieren, einmal gelandet sich aber als Wasserwüste entpuppen und wenig Abwechslung bieten. Der Planet war ein sehr heisser, kein Wind blies, das Meer war entsprechend brackig und in ein eigentümliches Rot getaucht. Kein Land war in Sicht, nur sporadisch tauchten kleine Inseln auf, die seltsam abgeplattet waren und vegetationslos waren.</p>

<p>Das Funksignal schwebte über dem weiten Ozean. Die Module meines Eo-Anzugs würden stark beansprucht werden: ich mass erhöhte Radioaktivität und Temperaturen über 45 Grad. Das würde wohl ein schwieriger Planetengang werden. Aber wo landen? Dreimal umflog ich das Signal, das direkt ins Wasser zeigte, aber auch unter der Wasseroberfläche konnte ich nichts entdecken. Ich würde mein Raumschiff nicht ins Wasser setzen wollen, also landete ich ungefährt 2000 Einheiten entfernt vom angezeigten Ort auf einem kleinen Eiland, nicht viel grässer als das Landepad eines Raumschiffes. Dann stellte ich meinen Scanner auf das Ziel ein, um genauere Daten zum Fundort ablesen zu können. Das Ziel war tatsächlich draussen im Meer. Ich würde einen Tauchgang wagen müssen. Die Anomalie war wahrscheinlich unter Wasser.</p>

<p>Ich sprang ins Wasser, der Abbruch des Felsens, auf dem ich mit meinem Raumschiff gelandet war, war offenbar gewaltig. Unter mir befanden sich die Tiefen dieses gewaltigen Meeres. Ich schwamm los, aber schon bald bemerkte ich, dass es mir schwer fiel, die Richtung zu halten. Weder mein Scanner noch mein natürlicher Orientierungssinn schienen zu funktionieren. Ich hatte zunehmend das Gefühl, im Kreis zu schwimmen, die Richtung nicht mehr halten zu können, ich begann verwirrt zu werden. Der Sauerstoffvorrat wurde ebenso immer knapper und ich musste mich von Kelppflanze zu Kelppflanze vorankämpfen, um dort jeweils frische Luft aufnehmen zu können. Als ich merkte, dass ich immer wieder zurück zum Standort meines Schiffes zuzusteuern drohte, es dann aber im nächsten Moment wieder verschwunden war, drohte ich in Panik zu geraten. Es war, als ob ich mich in einer Spirale bewegte, die mich immer tiefer uns Unbekannte und Gefährliche hinabzog. Ich befand mich orientierungslos und zunehmend verwirrt mitten in besagter Anomalie.</p>

<p>Die Orientierung spielte verrückt, genauso wie der Kompass in der Nähe des magnetischen Nordpols unserer Erde. Davon hatte ich schon gelesen, wie er dort immerwieder hin und herzuspringen drohte, sich kontinuierlich um die eigene Achse drehte. Genauso erging es mir. Ich plantschte im Wasser, drohte mich zu verlieren, wusste nicht mehr in welche Richtung ich schwamm, wo sich oben und unten befanden. Der Tod stand als Möglichkeit im Raum, ein virtueller Tod zwar, aber schlimm genug, sich so verrannt zu haben.</p>

<p>Dann, am Höhepunkt meiner Verzweiflung, stabilisierte das Sigal mit einem Mal seine Position. Unter mir befand sich eine Wasserkapsel, zu der ich hinabtauchte und durch die Schleuse ins Innere schwamm. Ich war gerettet! Zitternd stand ich am Meeresgrund und versuchte mich zu beruhigen. Mein Puls raste, aber schliesslich gelang es mir, mich wieder einigermassen zu stabilisieren. Die Systeme arbeiteten wieder allmählich im Normalbetrieb. Ich sah mich um, entdeckte den Stationsterminal und holte mir von dort ohne Schwierigkeiten jene Software, wegen der ich dieses Abenteuer gewagt hatte.</p>

<p>Die  Rückkehr zum Raumschiff dauerte erwartungsgemäss lange, war aber gottseidank relativ ereignislos. Trotzdem war ich froh, dass ich wieder ins Cockpit steigen konnte, um mich von diesem unsäglichen Ort zu entfernen. Die Mission war erfüllt, ich hoffte, durch diese Exkursion meine Schuld bei den Korvax abgeleistet zu  haben. Als Beweis würde ich ja dieses mühsam ergatterte Stück Software vorweisen können. Es enthielt wohl meine verzweifelte Suche. Ich  wusste mit einem Mal, dass es weniger um die Beute aus den Tiefen des Meeres ging, als vielmehr um den Schrecken, mit dem ich mich zu konfrontieren hatte.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:nms" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">nms</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Weltraum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Weltraum</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/033-reise-ins-nichts</guid>
      <pubDate>Thu, 14 Jul 2022 21:04:17 +0000</pubDate>
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      <title>034 Reise ins Nichts. Kosmologisches. LdV 002</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Nichts ist voraussetzungslos. Im Sternenjahr 2140. LdV 002&#xA;&#xA;\[Den Epeditionen in NMS bleibe ich schon über Jahre treu. Es ist eine Entdeckungsfahrt sondergleichen, ein ständiges Auf und Ab. Abenteuer reiht sich an Routine, Irrtum an Erfolg, Einsamkeit an intergalaktische Vertrautheit. Nichts ist eindeutig, aber einiges vorhersehbar. Man möchte gerne planen, seine Umgebung systematisch erforschen, doch wozu? Diese sonderbare Welt, ist zu gross ist, um “entdeckt” werden zu können.\]&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die ersten Schritte in dieser Welt sind gut gelungen. Ich habe aus den Erfahrungen meiner früheren Reisen gelernt, bin vertrauter mit den Logiken der Mechanik geworden, handle routinierter. Ich arbeite ständig am Upgrade meiner Ausrüstung, meiner Instrumente und Raumschiffe und bin dabei, meinen Reiseverlauf systematisch zu planen. Manche Missionen erledige ich in den vorgeschriebenen Schritten der Galaxienmechanik. Vielleicht hilft das, mich weniger meiner Entdeckerlust aussetzen zu müssen, die mich manchmal in grenzwärtige Situationen bringt. Es ist belastend, sich ständig in den Weiten und Gefahren des Weltalls zu verlieren. Ein Handlungsgerüst hilft da sehr.&#xA;&#xA;Gerade bin ich dabei, auf einem paradiesischen Planeten eine grosse Farm zu errichten. Paradiesische Planeten sind Ökosysteme, in denen man sich relativ frei und ungezwungen bewegen kann: ohne zusätzliche Schutzmassnahmen, Energieabsicherungen und anderen Vorkehrungen gegen Gefahren. Sie lassen uns die Stimmung erspüren, wie sie vor Jahrzehnten im Frühling erfahrbar waren. Sogar die Präsenz der allgegenwärtigen Wächter, einer Art intergalaktischen Polizei, hält sich in solchen Systemen in erträglichen Grenzen. Ich bin froh, gleich zu Beginn meiner Reise einen solchen Paradies-Planeten gefunden zu haben: das ist eine wichtige Daseinsvoraussetzung. Denn ich muss bei meiner Versorgung mit Rohstoffen autonom werden. Dazu will ich mich möglichst ungehindert bewegen können.&#xA;&#xA;Es ist ein umfangreiches Bauvorhaben, das ich in die Realität umsetzen möchte: 12 bis 15 Geodome sollen entstehen, mit zuverlässiger Elektrizitäts- und Nährstoffversorgung, damit die unterschiedlichsn Pflanzen bestmöglichst gedeihen können. Auch ein Lagerhaus, ein Teleporter, ein galaktisches Handelsterminal und ein Sauerstoffextraktor sollen errichtet werden, vielleicht auch ein Aufenthaltsbereich für die raren sauren Regen, die es dem Vernehmen nach auch hier geben soll. Der landwirtschaftliche Betrieb wird mein Leben auf eine zuverlässige finanzielle Basis stellen können. Es soll ein Musterbetrieb werden. Zusammen mit einem guten Vertriebssystem  wird sich guter Gewinn erwirtschaften lassen, auf den ich für Notfälle zurückgreifen kann.&#xA;&#xA;Denn auch in der Welt von NMS funktioniert ohne Handel und ohne entsprechende Zahlungsmittel nichts. Offenbar ist eine Welt ohne entsprechende Kapitalisierung nicht denkbar. Selbst die Utopien benötigen Macht, Geld und Kapitalakkumulation. Dieser Pragmatik ist offenbar nicht zu entkommen. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse in meiner neuen Welt sind sogar noch ein wenig komplizierter und anspruchsvoller als im normalen Leben. So hat jedes Planetensystem seine eigenen Wirtschaftskreislauf. Das erfordert einen genauen Blick auf die Preisgestaltung, die auf den Handelsplätzen herrscht. Oft ist es ratsam mit seinem Transporter/Hauler längere Strecken zu warpen, um im Handel bis zu 20 Prozent bessere Preise zu erwirtschaften. Denn es gibt arme, reiche, moderate aber auch sehr gefährliche Planetensysteme, an die die Ware verbracht werden kann. Zudem ist Galaxis voller Piraten, die einem die hart erarbeitete Ware abjagen will. Nur das Gesetz der Macht hat seine Gültigkeit.&#xA;&#xA;Noch dazu existieren drei unterschiedliche Zahlungsmittel, die für jeweils unterschiedliche Waren verwendet werden müssen. Jede vernünftige Buchhaltung wird deshalb schwierig: &#34;Units&#34;, &#34;Naniten&#34; und &#34;Quecksilber&#34; können weder gegeneinander verrechnet werden, noch ist ihr Erwerb absehbar. Man muss die Gewinne und Ausgaben balancieren, muss wissen, wofür in einem spezifischen Moment besser Kapital angelegt oder ausgegeben werden sollte.&#xA;&#xA;Die Farm auf Earthseed, ja, das ist eines meiner Lieblingsprojekte. Es liegt nicht nur an der Lust am Handeln in den Raum- oder Handelsstationen, nicht nur an der Lust an der Produktion oder am Gewinn.  Die landwirtschaftliche Tätigkeit kommt vor allem meiner Liebe zu Pflanzen entgegen. Wenn sie schon nicht mehr so recht gedeihen wollen im extremen Klima des PostAnthropozäns, sollen sie sich wenigstens in der Mechanik von NMS prächtig und ordnungsgemäss entwickeln.&#xA;&#xA;Unter Anleitung Landwirtschaftsexperten aus dem Volk der Gek darf ich die Pflanzen kultivieren. Ich habe ihn auf einer Raumstation in einer der Grünen Systeme getroffen. Merkwürdigerweise hat er sich mir fast an den Hals mit seiner Dienstfertigkeit. Umsonst wolle er bei mir arbeiten, wenn ich ihn nur von der Plackerei in der Beengtheit der Raumstation befreien würde. Und er wolle mich anleiten zu einem erfolgreichen Unternehmer, der die feinsten Tricks des Anbaus, der Pflege, der Ernte und des Vetriebs der Produkte beherrschen würde. Meinen Willen vorausgesetzt natürlich, denn nichts sei voraussetzungslos, auch in dieser Branche nicht, pflegte er zu sagen. Diese vordergründlich freundliche, aber letzten Endes sehr bestimmende, wenn nicht gar manipulative Duktus seiner Rede: wie sehr habe ich mich inzwischen an ihn gewöhnt. Mir blieb wegen seiner Aufdringlichkeit eigentlich fast kein anderer Ausweg, als ihn anzustellen. Ich liess mich einfach übertölpeln.  Vorsichtshalber unter die Kuratel meines Aufsehers, einem Artgenossen, zu stellen. Ihm musste in meiner Raumstation ein spezieller Terminal eingerichtet werden, von dem aus er mich bei meinen landwirtschaftlichen Unternehmungen anleitet.&#xA;&#xA;Es ist ein kleines, gedrungenes Wesen, das mit seinem Vogelschnabel und seiner Phantasieuniform lächerlich und exotisch zugleich aussieht und sich in meiner Unterweisung sehr merkwürdig verhält. Immer wieder diese langen Exkurse zur grossen (und zugleich traurigen) Geschichte der Gek, in denen diese oder jene Pflanze eine grosse Rolle gespielt haben soll. Immer diese Aussscweifungen und autoritären Anfälle, die es offenbar für grandiose Pädagogik hielt. Aber .letzten Endes ist mein Experte namens Baba Ganuss ein grossartiger, wenn auch strenger Lehrer, der mich schrittweise dazu anleitet, die Gewächse zunächst probeweise in Lagertrögen zu pflanzen. Gelingen diese dort, dann darf ich sie in einem weiteren Schritt in meinen neu zu errichtenden Geodomen züchten. Aber es erfordert spezielle Mineralien und Samen, die ich von meinen botanischen Exkursionen stolz in meine Basis bringe und vorzeigen muss. Dort werden sie kritisch geprüft, ob sie für meine Gärtnerarbeit taugen und wenn nötig auch als minderwertige Proben verworfen. Ja, Lehrjahre sind beileibe keine Herrenjahre!&#xA;&#xA;Doch seine Methode (und meine gute Motivation) schienen nach einiger Zeit ihre Wirksamkeit gezeigt zu haben. Binnen weniger Sternentage habe ich mein Handwerk gelernt. Denn nichts ist voraussetzungslos und vieles muss erst gelernt werden, um hier überleben zu können.&#xA;Baba Ganuss lobt mich ausführlich, als ich mein letztes Lehrstück abgeliefert habe und verspricht mir, mich auch in Zukunft zu unterstützen. Dann verstummt er, wer weiss, wie lange?&#xA;&#xA;Das war der zweite Eintrag in mein Logbuch, LdV 002.&#xA;&#xA;#NMS #PostAnthropozän #Weltraum]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Logbuch des Vyomanauten Tyen Nomasky, Nichts ist voraussetzungslos. Im Sternenjahr 2140. LdV 002</strong></p>

<p><em><strong>[Den Epeditionen in NMS bleibe ich schon über Jahre treu. Es ist eine Entdeckungsfahrt sondergleichen, ein ständiges Auf und Ab. Abenteuer reiht sich an Routine, Irrtum an Erfolg, Einsamkeit an intergalaktische Vertrautheit. Nichts ist eindeutig, aber einiges vorhersehbar. Man möchte gerne planen, seine Umgebung systematisch erforschen, doch wozu? Diese sonderbare Welt, ist zu gross ist, um “entdeckt” werden zu können.]</strong></em></p>



<p>Die ersten Schritte in dieser Welt sind gut gelungen. Ich habe aus den Erfahrungen meiner früheren Reisen gelernt, bin vertrauter mit den Logiken der Mechanik geworden, handle routinierter. Ich arbeite ständig am Upgrade meiner Ausrüstung, meiner Instrumente und Raumschiffe und bin dabei, meinen Reiseverlauf systematisch zu planen. Manche Missionen erledige ich in den vorgeschriebenen Schritten der Galaxienmechanik. Vielleicht hilft das, mich weniger meiner Entdeckerlust aussetzen zu müssen, die mich manchmal in grenzwärtige Situationen bringt. Es ist belastend, sich ständig in den Weiten und Gefahren des Weltalls zu verlieren. Ein Handlungsgerüst hilft da sehr.</p>

<p>Gerade bin ich dabei, auf einem paradiesischen Planeten eine grosse Farm zu errichten. Paradiesische Planeten sind Ökosysteme, in denen man sich relativ frei und ungezwungen bewegen kann: ohne zusätzliche Schutzmassnahmen, Energieabsicherungen und anderen Vorkehrungen gegen Gefahren. Sie lassen uns die Stimmung erspüren, wie sie vor Jahrzehnten im Frühling erfahrbar waren. Sogar die Präsenz der allgegenwärtigen Wächter, einer Art intergalaktischen Polizei, hält sich in solchen Systemen in erträglichen Grenzen. Ich bin froh, gleich zu Beginn meiner Reise einen solchen Paradies-Planeten gefunden zu haben: das ist eine wichtige Daseinsvoraussetzung. Denn ich muss bei meiner Versorgung mit Rohstoffen autonom werden. Dazu will ich mich möglichst ungehindert bewegen können.</p>

<p>Es ist ein umfangreiches Bauvorhaben, das ich in die Realität umsetzen möchte: 12 bis 15 Geodome sollen entstehen, mit zuverlässiger Elektrizitäts- und Nährstoffversorgung, damit die unterschiedlichsn Pflanzen bestmöglichst gedeihen können. Auch ein Lagerhaus, ein Teleporter, ein galaktisches Handelsterminal und ein Sauerstoffextraktor sollen errichtet werden, vielleicht auch ein Aufenthaltsbereich für die raren sauren Regen, die es dem Vernehmen nach auch hier geben soll. Der landwirtschaftliche Betrieb wird mein Leben auf eine zuverlässige finanzielle Basis stellen können. Es soll ein Musterbetrieb werden. Zusammen mit einem guten Vertriebssystem  wird sich guter Gewinn erwirtschaften lassen, auf den ich für Notfälle zurückgreifen kann.</p>

<p>Denn auch in der Welt von NMS funktioniert ohne Handel und ohne entsprechende Zahlungsmittel nichts. Offenbar ist eine Welt ohne entsprechende Kapitalisierung nicht denkbar. Selbst die Utopien benötigen Macht, Geld und Kapitalakkumulation. Dieser Pragmatik ist offenbar nicht zu entkommen. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse in meiner neuen Welt sind sogar noch ein wenig komplizierter und anspruchsvoller als im normalen Leben. So hat jedes Planetensystem seine eigenen Wirtschaftskreislauf. Das erfordert einen genauen Blick auf die Preisgestaltung, die auf den Handelsplätzen herrscht. Oft ist es ratsam mit seinem Transporter/Hauler längere Strecken zu warpen, um im Handel bis zu 20 Prozent bessere Preise zu erwirtschaften. Denn es gibt arme, reiche, moderate aber auch sehr gefährliche Planetensysteme, an die die Ware verbracht werden kann. Zudem ist Galaxis voller Piraten, die einem die hart erarbeitete Ware abjagen will. Nur das Gesetz der Macht hat seine Gültigkeit.</p>

<p>Noch dazu existieren drei unterschiedliche Zahlungsmittel, die für jeweils unterschiedliche Waren verwendet werden müssen. Jede vernünftige Buchhaltung wird deshalb schwierig: “Units”, “Naniten” und “Quecksilber” können weder gegeneinander verrechnet werden, noch ist ihr Erwerb absehbar. Man muss die Gewinne und Ausgaben balancieren, muss wissen, wofür in einem spezifischen Moment besser Kapital angelegt oder ausgegeben werden sollte.</p>

<p>Die <em><strong>Farm</strong></em> auf <em><strong>Earthseed</strong></em>, ja, das ist eines meiner Lieblingsprojekte. Es liegt nicht nur an der Lust am Handeln in den Raum- oder Handelsstationen, nicht nur an der Lust an der Produktion oder am Gewinn.  Die landwirtschaftliche Tätigkeit kommt vor allem meiner Liebe zu Pflanzen entgegen. Wenn sie schon nicht mehr so recht gedeihen wollen im extremen Klima des PostAnthropozäns, sollen sie sich wenigstens in der Mechanik von NMS prächtig und ordnungsgemäss entwickeln.</p>

<p>Unter Anleitung Landwirtschaftsexperten aus dem Volk der Gek darf ich die Pflanzen kultivieren. Ich habe ihn auf einer Raumstation in einer der <em>Grünen Systeme</em> getroffen. Merkwürdigerweise hat er sich mir fast an den Hals mit seiner Dienstfertigkeit. Umsonst wolle er bei mir arbeiten, wenn ich ihn nur von der Plackerei in der Beengtheit der Raumstation befreien würde. Und er wolle mich anleiten zu einem erfolgreichen Unternehmer, der die feinsten Tricks des Anbaus, der Pflege, der Ernte und des Vetriebs der Produkte beherrschen würde. Meinen Willen vorausgesetzt natürlich, denn nichts sei voraussetzungslos, auch in dieser Branche nicht, pflegte er zu sagen. Diese vordergründlich freundliche, aber letzten Endes sehr bestimmende, wenn nicht gar manipulative Duktus seiner Rede: wie sehr habe ich mich inzwischen an ihn gewöhnt. Mir blieb wegen seiner Aufdringlichkeit eigentlich fast kein anderer Ausweg, als ihn anzustellen. Ich liess mich einfach übertölpeln.  Vorsichtshalber unter die Kuratel meines Aufsehers, einem Artgenossen, zu stellen. Ihm musste in meiner Raumstation ein spezieller Terminal eingerichtet werden, von dem aus er mich bei meinen landwirtschaftlichen Unternehmungen anleitet.</p>

<p>Es ist ein kleines, gedrungenes Wesen, das mit seinem Vogelschnabel und seiner Phantasieuniform lächerlich und exotisch zugleich aussieht und sich in meiner Unterweisung sehr merkwürdig verhält. Immer wieder diese langen Exkurse zur grossen (und zugleich traurigen) Geschichte der Gek, in denen diese oder jene Pflanze eine grosse Rolle gespielt haben soll. Immer diese Aussscweifungen und autoritären Anfälle, die es offenbar für grandiose Pädagogik hielt. Aber .letzten Endes ist mein Experte namens <strong>Baba Ganuss</strong> ein grossartiger, wenn auch strenger Lehrer, der mich schrittweise dazu anleitet, die Gewächse zunächst probeweise in Lagertrögen zu pflanzen. Gelingen diese dort, dann darf ich sie in einem weiteren Schritt in meinen neu zu errichtenden Geodomen züchten. Aber es erfordert spezielle Mineralien und Samen, die ich von meinen botanischen Exkursionen stolz in meine Basis bringe und vorzeigen muss. Dort werden sie kritisch geprüft, ob sie für meine Gärtnerarbeit taugen und wenn nötig auch als minderwertige Proben verworfen. Ja, Lehrjahre sind beileibe keine Herrenjahre!</p>

<p>Doch seine Methode (und meine gute Motivation) schienen nach einiger Zeit ihre Wirksamkeit gezeigt zu haben. Binnen weniger Sternentage habe ich mein Handwerk gelernt. Denn nichts ist voraussetzungslos und vieles muss erst gelernt werden, um hier überleben zu können.
Baba Ganuss lobt mich ausführlich, als ich mein letztes Lehrstück abgeliefert habe und verspricht mir, mich auch in Zukunft zu unterstützen. Dann verstummt er, wer weiss, wie lange?</p>

<p>Das war der zweite Eintrag in mein Logbuch, LdV 002.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:NMS" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">NMS</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Weltraum" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Weltraum</span></a></p>
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      <pubDate>Sat, 09 Jul 2022 09:14:37 +0000</pubDate>
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      <title>031 Post.Anthropozän, Teil 3</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Man kann Texte über das Ende der Menschheit nur schreiben, wenn man sich nicht mehr in die Zukunft projiziert: nicht sich, nicht die eigenen Kinder, nicht die Enkelkinder. Wenn man also mit der Zukunft dieser Welt restlos abgeschlossen und sich selbst völlig objektiviert hat, zudem kein Mitleid mehr mit dieser Menscheit empfindet, mit ihrem Leiden im Untergang und den Verwerfungen, die die Apokalypse hervorrufen wird. Das Schreiben über das Post.Anthropozän IST schon Teil des Untergangs, ist die Entfremdung, ist Apokalypse Now.&#xA;&#xA;#Jura #PostAnthropozän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Man kann Texte über das Ende der Menschheit nur schreiben, wenn man sich nicht mehr in die Zukunft projiziert: nicht sich, nicht die eigenen Kinder, nicht die Enkelkinder. Wenn man also mit der Zukunft dieser Welt restlos abgeschlossen und sich selbst völlig objektiviert hat, zudem kein Mitleid mehr mit dieser Menscheit empfindet, mit ihrem Leiden im Untergang und den Verwerfungen, die die Apokalypse hervorrufen wird. Das Schreiben über das Post.Anthropozän IST schon Teil des Untergangs, ist die Entfremdung, ist Apokalypse Now.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/29-post-anthropozan-teil-3</guid>
      <pubDate>Mon, 06 Jun 2022 15:35:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>028 Post.Anthropozän, Teil 2</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse&#xA;&#xA;(5) Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Dieses Paradigma gilt natürlich auch für Donna J. Garaways Begrifflichkeit vom Chtuluzän.:&#xA;&#xA;  Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)&#xA;&#xA;ist bei Rosa Kissel zu lesen.&#xA;&#xA;(6) Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese &#34;Fehlleistung&#34; der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?&#xA;&#xA;(7) Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa VHEMT, die sich hymnisch und problemlösend gebende Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän #Chtuluzän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zweiter Teil der Betrachtungen über die Welt nach der Apokalypse</strong></p>

<p><strong>(5)</strong> Die Welt nach der Apokalypse haben natürlich immer auch schon andere, ausserliterarische Stimmen zu beschreiben versucht. Was denn nach dem Anthropozän zu denken sei, hat sich aber selten vom Aussterben der Menschheit inspirieren lassen, sondern vielmehr von der Notwendigkeit überleben zu müssen.</p>



<p>Dieses Paradigma gilt natürlich auch für <strong>Donna J. Garaways</strong> Begrifflichkeit vom <strong>Chtuluzän.</strong>:</p>

<blockquote><p>Wir dürfen den jetzigen Zustand nicht als Klarheit hinnehmen, sondern müssen versuchen, nicht in unseren Denkmustern zu verharren, sondern gegen den Klimawandel zu kämpfen und es dabei noch zu schaffen, wieder in eine Verbundenheit mit der Erde zu geraten, statt uns immer weiter von ihr abzugrenzen. Genauso wichtig wie das Überdenken von bestehenden Begriffen ist für Haraway aber auch das Handeln (...)</p></blockquote>

<p><a href="https://anthropocene.hypotheses.org/tag/chthuluzaen">ist bei Rosa Kissel zu lesen</a>.</p>

<p><strong>(6)</strong> Wir aber wollen genau das Durch-Denken und Durch-Buchstabieren: die eigene <strong>Extinction, die selbstverschuldete Auslöschung</strong>. Was wird sein, wenn der Einfluss des Menschen durch seine weitgehende Auslöschung so weit zurückgedrängt sein wird, dass diese “Fehlleistung” der Natur ein für alle mal vergessen sein wird?</p>

<p><strong>(7)</strong> Dennoch ist unser so gedachtes Post.Anthropozän entschieden abzugrenzen von voluntaristischen Bewegungen wie etwa <strong>VHEMT</strong>, die sich hymnisch und problemlösend gebende <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Voluntary_Human_Extinction_Movement">Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit</a>. Sie stellt unter anderem die paradoxe und voluntaristische Frage, ob denn ein Grüner Planet nicht nur durch ein Aussterben der Menschheit zu gewährleisten sei. Sie tut, als gäbe es aus Liebe zum Planeten, eine, wenn auch sehr radikale Lösungsmöglichkeit: sich nicht mehr fortzupflanzen. Diese Illusion von Rettung von Teilen des Ökosystems durch kollektive Selbstbeschränkung ist irreführend: tut sie doch so, als wäre es nicht schon zu spät für das Ökosystem in seiner bestehenden Form. So wird behauptet, die allein die Reduzierung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten könne zur Rückkehr zu einem wundervollen Ökosystem verhelfen. Doch es ist nicht die alte Mär des Malthus, welche unsere Auslöschung bedingt, sondern die Folgen unseres Handelns, das schon in der Vergangenheit liegt und durch künftiges Massnahmen nur mehr auf ein niedrigeres Katastrophenniveau zurückgeschraubt werden kann.</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Chtuluz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Chtuluzän</span></a></p>
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      <guid>https://zettelwerk.writeas.com/028-post-anthropozan-teil-2</guid>
      <pubDate>Wed, 01 Jun 2022 23:53:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>027 Post.Anthropozän, Teil 1</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;(0) Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die grüne Wüste nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.&#xA;&#xA;Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.&#xA;&#xA;(1) Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das &#34;Denken&#34; (die &#34;Intelligenz&#34;) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich Gleiter fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?&#xA;&#xA;(2) Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten &#34;rationalen&#34; Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem Wie lange?. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?&#xA;&#xA;(3) Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.&#xA;&#xA;(4) Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné - aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.&#xA;&#xA;(Fortsetzung folgt)&#xA;&#xA;#Jura #Literatur #PostAnthropozän]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Überlegungen zum Ende: Wie wird sich das Leben nach dem Ende der Herrschaft des Menschen gestalten, was bleibt uns in der kosmischen Weisheit des Universums?</strong></p>



<p><strong>(0)</strong> Hier in einer Ferienwohnung in Rosureux im Französischen Jura lese ich, wandre ich und erfahre die Natur auf eine neue, für mich sehr ungewohnte Weise. Sie ist hier kein kleines Refugium, das man besucht, um seine Nerven zu beruhigen oder um seinen naturreligiösen Neigungen nachzugehen: im Gegenteil. Die Natur ist hier überall, wuchert und summt und sprudelt über abgelegene Wege: als Mensch fühlt man sich allein dem Walten von Licht und Wetter ausgesetzt. Natur im Überfluss kann auch Bedrohung bedeuten; das wussten schon die Menschen des Mittelalters, die den Wald die <em>grüne Wüste</em> nannten. Begleitet wird die Macht der Natur vom Verfall der Wohngebäude überall. Kaum ein Dorf, das nicht vom Verfall der Häuser oder vom Verkauf von Grundstücken geprägt ist. Überall geht die ZahL der Bewohner zurück. Kein Wunder: verfallene Infrastruktur, keine Arbeitsplätze. Ein sträflich vernachlässigtes, vom Staat betrogenes Stück Land an der Grenze zur Schweiz. Der Gedanke liegt nicht fern, dass hier bald alles von Natur überwuchert sein wird.</p>

<p>Kein Wunder also, dass sich hier düstere Assoziationen aufdrängen. Die Gedanken aber erscheinen mir seltsam kostbar in all ihrer absonderlichen Grausamkeit.</p>

<p><strong>(1)</strong> Während viele Intellektuelle noch zögerlich um den Begriff des Anthropozäns herumschleichen und vom Holozän als Erdepoche nicht lassen wollen, haben Andere das vom Menschen geprägte Zeitalter gedanklich schon längst hinter sich gelassen. Die Lektüre von Aldiss “Der lange Nachmittag der Erde” (1962) etwa eröffnet den literarischen Blick auf die Zeit des Post-Anthropozäns. Die Welt nach der Beendigung der Herrschaft des Menschen wird in diesem erhellenden Stück Science Fiction in delirierenden Bildern beleuchtet. Es sind nur mehr verborgene Relikte, die an die Herrschaft der verkappten Vernunft und die einstige Macht der Erdbewohner erinnern. Dieses Zeitalter ist längst vorbei, die Natur hat das “Denken” (die “Intelligenz”) verschluckt und genügt sich selbst. Die Rotation der Erde und des Mondes sind zu einem Ende gekommen und in einem gigantischen Spinnennetz miteinander verwoben, auf dem sich <em>Gleiter</em> fortbewegen. Die Sonne wird sich immer weiter aufblähen und letzten Endes verglühen. Ein unwiderkehrbarer Prozess der Devolution hat eingesetzt. Das Ende der Zeiten ist gekommen, auch wenn es auch noch Generationen dauern wird, bis die Erde verglüht. Auch die andere Lebensformen bedrohende und monströs wuchernde  Pflanzenwelt wird vergehen. Menschliche und tierische Daseinsformen kämpfen ums Überleben, alles ist einer unausweichlichen Entropie ausgesetzt. Eine Gruppe von körperlich und intellektuell zurückentwickelten Menschen geht unsentimental ihren Überlebensinstinkten nach, das Denken bleibt auf Pilze beschränkt. Die einstmals todbringende und das Leben auslöschende Vernunft ist ausgestorben. Die Natur geht ihren unaufgeregten und von menschlichen Befürchtungen und Phantasmagorien befreiten Lauf. Das ist der literarische Befund des Post-Anthropozän des vor rund 60 Jahren erschienenen Buches. Was ist davon zu lernen?</p>

<p><strong>(2)</strong> Machen wir an dieser Stelle den Versuch, dieses Stück Fiktion nicht nur als literarische Spekulation zu verstehen, sondern als ein Stück Utopie eines Lebens ohne den beherrschenden Faktor Menschheit. Zum ihrem Absterben oder zumindest zu einem radikalen Zurückdrängen ihres Einflusses wird es, ungeachtet des zu erwartenden Kampfes zwischen radikalen Klimafraktionen unweigerlich kommen. Niemand von nennenswertem Einfluss denkt gegenwärtig auch nur im Geringsten daran, sich an die in Scheinkonferenzen phantasierten “rationalen” Klimaziele auch nur annähernd halten zu wollen. Wir sehen Tag für Tag zu, wie machtlos die seit der Aufklärung so ins Zentrum gerückte gesellschaftliche Vernunft geworden ist. Nicht in die glückliche Zukunft hat sie geführt, sondern in die Apokalypse wird sie uns leiten. Die Apokalypse steht den kommenden Generationen unweigerlich bevor, das nehmen wir fraglos ins Kalkül, ohne uns wirkungsvoll aufzulehnen. Damit erhebt sich die Frage, wie eine Zeit danach (also post.apokalyptisch und post.anthropozän) beurteilt werden kann. Allein es bleibt allein das impotentes Fragen nach dem <em>Wie lange?</em>. Wie lange wird es dauern bis zur Katastrophe, die alle/s verschlingt: 50, 100, 200 Jahre? Und was ist danach? Wer stellt die Frage nach der Epoche nach dem Aussterben der Menschheit. Darf man das überhaupt denken?</p>

<p><strong>(3)</strong> Nein, kein schlagartiges Verschwinden des Menschen steht uns bevor, sondern ein stufenweises, graduelles Zurückdrängen seines Einflusses, ein Verkümmern seiner Macht, seiner Zivilisation, eine Rückbildung von Intellekt, Demokratie und Vergesellschaftung, eine weitgehende Zerstörung seiner Lebensgrundlagen. In der Endstufe seiner Degeneration werden dann kleine Herden von Menschtieren in neuartigen Naturräumen zu überleben versuchen, ihrer Hybris beraubt, ohnmächtig im unerbittlichen Kreislauf des Lebens. Das nehme ich von Aldiss Buch gerne mit. Die Kirche wird endgültig verfallen sein, die Produktionsmittel verkümmert, das gesellschaftliche Leben rudimentär und bedeutungslos sein. Und natürlich: jedwede Moral ist dann entwertet, ausser eine, die das Überleben sichern kann. Diese Moral aber ist reiner Reflex. Die 10 Gebote werden neu formuliert werden. Die Erde befindet sich dann im Post.Anthropozän und ist von einem schädigenden Eintrag der Menschheit befreit. Sie muss sich von ihr emanzipieren und ihrer eigentlichen Bestimmung nachkommen. Zu glauben, dass die Natur mit uns unterginge, ist in seiner Verrücktheit unserer gegenwärtigen Machbarkeitsneurose geschuldet. Nein, sie lebt ganz gut ohne uns Gegenwärtige, wenn auch in anderer und wahrscheinlich monströserer Form.</p>

<p><strong>(4)</strong> Die Zeiten der Post-Apokalypse sind also vergangen, die Erde aber darf sich nach dem unrühmlichen Ende menschlichen Einflusses auf neuem Niveau weiter entwickeln, ihr kosmisches Recht weiterhin geltend machen. Das gegenwärtige Anthropozän stellt dann nur einen Wimpernschlag  in der Entwicklung des Kosmos dar: das hypertrophe Wuchern menschlichen Denkens ist im Post.Anthropozän Geschichte geworden. Es herrscht wieder die Ratio kosmischer Gesetze, die menschliche Hybris ist endgültig zu Ende. Das Anthropozän wird im Nachhinein betrachtet wie die Absonderung einer zum Untergang verurteilten Rasse sein: bedeutungslos, wirkungslos, zukunftsleer und in höchstem Masse unappettitlich. Viel Bauwerk überall, viel Techné – aber überwuchert von Pflanzenwelt und dem Schrei aus der Wildnis. Nicht der Garten Eden stand am Anfang des Menschen, sondern Evolution und Devolutaion zugleich.</p>

<p>(Fortsetzung folgt)</p>

<p><a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Jura" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Jura</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:Literatur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Literatur</span></a> <a href="https://zettelwerk.writeas.com/tag:PostAnthropoz%C3%A4n" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">PostAnthropozän</span></a></p>
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      <pubDate>Mon, 30 May 2022 21:40:46 +0000</pubDate>
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